Kein Grab ist stumm

 

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Der Naabthal-Bote (1869)

In Sachen Gustav Chorinsky’s kann die Wiener »Presse« das Protokoll mittheilen, das in Betreff des Geisteszustandes desselben von einer Gerichtkomission aufgenommen wurde, lautend:

»Erlangen, 15. Mai. 1869.

Zur Untersuchung des Geisteszustandes des Grafen Gustav Chorinsky aus Wien hat man sich in das Lokal der k. Kreis-Irrenanstalt dahier verfügt und hat daselbst, nachdem der k. Gerichtsarzt Dr. Wollner verhindert ist und dem praktischen Arzt Hrn. Dr. Hetzel dahier an dessen Stelle als Sachverständigen beigezogen hat, letzteren und den Direktor besagter Anstalt, Hrn. Dr. Hagen, angetroffen, welche als Sachverständige unter Hinweisung auf die Wichtigkeit und Bedeutung eines Eides und die strafrechtlichen Folgen des Meineides nach Vorschrift beeidigt wurden.

Es wurde hierauf Chorinsky vorgeführt und nachdem die Herren Sachverständigen denselben lange Zeit beobachtet und ihn zu verschiedenen Äußerungen veranlaßt hatten, so gaben dieselben einstimmig folgendes Gutachten ab:

Gustav Chorinsky, welcher in die Kreis-Irrenanstalt dahier am 24. Dezember v. J. verbracht worden ist, hat sich von Anfang an in hohem Grade geistesgestört erwiesen. Mehrere Monate lang war er vollständig tobsüchtig, was er durch vieles Schreien und Lärmen, Umherlaufen und Brüllen, Neigung zur Gewaltthätigkeit und besonders durch Zerstörung von Kleidern und Fournituren kundgab. Auch jetzt noch besteht eine große Zornmüthigkeit, in Folge deren er bei Wiederspruch leicht aggressiv wird. Außerdem ist Chorinsky von Anfang den manigfaltigsten Wahnforstellungen preisgegeben gewesen und ergeht sich noch jetzt in denselben; er ist bald Kaiser Nikolaus, bald König Wilhelm, bald Attila, bald Erzherzog Heinrich, hat die Prinzessin Dagmar zur Frau, ja ist selbst Marie Antoinette; oder er sagt auch, er sei mehrere Hundert oder auch tausend, tausend Jahre alt, sei der erste Mensch. Dabei verkennt er seine Umgebungen vollständig, benennt Andere mit willkürlichen Namen, gibt ihnen Stellen oder läßt sie erschießen, vernachlässigt sein Äußeres, seine Kleider und ist zuweilen unreinlich. Aus Allem Vorstehenden ergibt sich, daß Chorinsky’s Zustand in einer Verbindung von Tobsucht mit Wahnsinn bestehe, und daß derselbe daher für dispositionsunfähig erklärt werden muß. Der als Kurator für Chorinsky aufgestellte und heute beigezogene Fabrikant Winkelmann hat Erinnerungen nicht vorzubringen.«

Der Naabthal-Bote Nro. 50. Wochenblatt für Schwandorf und Umgebung. Sonntag, den 28. Juni 1869.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.