Kein Grab ist stumm

 

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Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903)

Hagn Charlotte von, geboren am 23. März 1809 in München. Sie war eine Beamtenstochter und stammte aus einem alten Braunschweigischen Geschlechte, aus dem sich ein Graf Hagn 1532 in der Kirchenreformation ausgezeichnet hat. Sie lebte von Jugend auf in guten Verhältnissen und erhielt eine angemessene Erziehung.

Ihre große Begabung für die Bühne gab sich schon ganz unerwartet in ihrer Kindheit zu erkennen. Es sollte nämlich das Lustspiel »Die Gouvernante« von Körner, von Kindern dargestellt werden, und als sich keines der kleinen eitlen Mädchen entschließen konnte, die »Alte Gouvernante« zu spielen, bot sich H., die bisher vom Theater ferne gehalten worden war und noch nie ein solches gesehen hatte, für diese Rolle an. Und alles war erstaunt, mit welcher Natürlichkeit und mit welchem Humor die elfjährige H. ohne irgend welche Anleitung ihren Part durchführte.

Seit dieser Zeit beherrschte sie nur ein Gedanke, sich dem Theater zu widmen. Der Vater wollte absolut nichts davon wissen, ließ sich endlich jedoch durch die Hofschauspielerin Marianne Lang, geborene Boudet, die von dem großen natürlichen Talente der Kleinen entzückt war, dazu bewegen, daß die Kleine bei Frau Lang dramatischen Unterricht genieße. Vier Jahrelang ging sie zu dieser tüchtigen Künstlerin in die Lehre. So entsprechend vorbereitet, betrat sie am 29. August 1828 als »Afanasia« in »Graf Benjovsky« zum erstenmal die Bühne des Münchener Hoftheaters, und zwar mit so außerordentlichem Erfolg, daß man sofort ihr Engagement beschloß.

Sie hatte auch daselbst die beste Gelegenheit, sich weiter auszubilden, da das bayerische Hoftheater bezüglich des recitierenden Dramas auf bedeutender Höhe stand und Künstler von klangvollsten Namen, darunter auch Eßlair, Vespermann und Sophie Schröder es sich angelegen sein ließen, der jungen Schauspielerin manch nützlichen Rat zu erteilen. Sie wirkte in München bis 1833, in welchem Jahre sie durch unangenehme Verhältnisse am dortigen Hoftheater sich veranlaßt sah, ihre Entlassung zu nehmen und einem verlockenden Rufe an das Hoftheater in Berlin Folge zu leisten. Hier begründete sie eigentlich ihren großen Künstlerruhm, und von dort aus unternahm sie Gastspielreisen, die sie bis nach Petersburg führten und von welchen sie stets mit Ehren und Gold beladen nach Hause zurückkehrte.

Die Berliner wußten ihr großes Talent gar bald zu schätzen und der König versicherte sich ihrer bereits 1840 durch einen lebenslänglichen Vertrag. Von ihren Gastspielen in Deutschland sei namentlich ihres zweimaligen Erscheinens in Wien Erwähnung getan. So erhielt sie 1832 einen Gastspielantrag ans Hofburgtheater, wo sie am 31. Januar als »Jungfrau von Orleans«, am 22. als »Louise« in »Kabale und Liebe« und am 24. Februar als »Julie« in »Romeo und Julie« erschien. Sie gefiel außerordentlich. Besonders als »Louise«, berichtet Costenoble, hätte ihn keine der ihm bekannten »Louisen« so fortgerissen, als die H. Ebensolche Erfolge errang sie 1835 daselbst, und nannte man ihre Darbietungen namentlich in Genrebildern, in naiven Rollen und in der Darstellung von schalkhaften, pikanten Frauenrollen geradezu »hinreißend und unübertrefflich«.

In Berlin nannte man ihre »Walpurgis« in »Goldschmieds Töchterlein« eine Leistung, die in diesem Genre wohl kaum ihresgleichen gefunden hat. So sehr sie jedoch im Fache der eleganten Salondame durch Geist und Anmut zu entzücken wußte, eine Heroine war sie nicht. Dies erwähnt auch Heinrich Anschütz in seinen »Erinnerungen«, indem er sagt: »Für die Tragödie war Charlotte von Hagn nie von Bedeutung, denn es fehlte ihr an Größe der Auffassung, an Tiefe der Empfindung für die Darstellung mächtiger Leidenschaften und Konflikte, und auch an dem erforderlichem Schwunge der Phantasie. Viel bedeutender wirkte sie im Konversationsfache.

Von einer glänzenden Erscheinung voll der anmutigsten Formen unterstützt, legte sie auf diese den Schwerpunkt, und die Darstellung heiterer und ausgelassener Weltkinder, sowie der koketten Salondamen fand an ihr eine außerordentlich glückliche und begabte Repräsentantin. Rollen wie »Mirandolina«, »Hedwig von Gilden« im »Ball von Ellerbrunn«, »Baronin Holmbach« in »Stille Wasser sind tief«, »Landjunkerstochter« in »Ich bleibe ledig«, »Margarethe von Western« in »Erziehungsresultate«, »Olga« in »Isidor und Olga«, »Donna Diana« etc. haben Anspruch auf gerechte Anerkennung, die denn auch sowohl in München wie in Berlin der schönen Frau in vollem Maße von hoch und niedrig, von reich und arm zuteil geworden ist.«

Daß sie in Wien durch ihre Glanzleistungen einen förmlichen Aufruhr in die Gemüter brachte, beweist die Bemerkung Costenobles (1. Dezember 1835): »Die Hagn besitzt die Liebe des ganzen hohen Adels. Selbst Könige und Prinzen sind vernarrt in die Anmutige.« Im März 1846 reichte die Künstlerin dem Gutsbesitzer Alexander von Oven die Hand zum Ehebunde und trat von der Bühne zurück.

Ein Bild ihrer Persönlichkeit und ihrer Empfindungen gibt Gustav zu Putlitz in seinen »Theatererinnerungen«, er schreibt: »Charlotte von Hagn kann man mit Recht die glänzendste Erscheinung im deutschen Lustspiel nennen, unerreicht in dem Genre, das sie selbst schuf, ja unerreichbar, weil das Genre eine Spezialität war. Über das Genre ließe sich streiten, über Charlotte von Hagns Meisterschaft in demselben nicht. Die geistsprühenden, von blendender Schönheit der ausdrucksvollen Züge und der ebenmäßigsten Gestalt unterstützten Darstellungen, fesselten durch eine ununterbrochene Kette immer neu überraschender Pointen. Selbst das Gewagteste erschien im Maße der Anmut. Charlotte von Hagn trat ab, noch ehe meine schriftstellerischen Versuche sich an das Licht der Lampen wagten, sie hat also niemals eine Rolle von mir spielen, ich nie eine für sie schreiben können. Nichtsdestoweniger konnte ihre Darstellungsweise, die ich in der höchsten Blüte durch mehrere Jahre kennen lernte, nicht ohne Einfluß bleiben. Ich habe nach ihrer Verheiratung eine Saison in Ostende mit ihr verlebt. Alles, was sie sprach, dachte, tat, war voll Esprit, und daß ich ein französisches Wort für die Künstlerin wählen muß, mag zeigen, daß ihre künstlerische Begabung ein gutes Teil französischen Elementes an sich trug. Vielleicht ist sie die einzige deutsche Schauspielerin gewesen, die es vermocht hätte, sich auch in Paris eine glänzende Künstlerlaufbahn zu erringen, um neben einer Mars, sicher neben einer Madeleine Brohan Triumphe zu feiern. Damals von der Bühne zurückgetreten, krankte sie an dem Heimweh nach derselben, aber nicht an dem sentimentalen, an dem das Herz bricht, sondern an dem zürnenden, sich selbst ironisierenden, das gegen die Fesseln grollte, die sie von dem Felde ihrer Triumphe zurückhielten. Ihr Traum, ihre glühendste Sehnsucht war es, zur Bühne zurückzukehren, auf der noch ein großes Feld der Tätigkeit, der Erfolge sie erwartet hätte. Sie hat dieselbe nie wieder betreten, denn als die Hindernisse fortgeräumt waren, die sich damals ihrer Sehnsucht entgegenstellten, machte eine lange, lähmende Krankheit die Erfüllung unmöglich.«

1851 wurde ihr Ehe gelöst, dann nahm sie eine zeitlang auf einem Landgute in Schlesien Aufenthalt, hierauf in Gotha und in den letzte Jahrzehnten in ihrer Vaterstadt, wo sie hochbetagt am 23. April 1891 starb.

Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert; Verlagsbuchhandlung Paul List; Leipzig, 1903.

 

 

 

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© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.