Kein Grab ist stumm

 

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Biographisches Taschenbuch deutscher Bühnen-Künstler und Künstlerinnen (1837)

Fräulein Charlotte von Hagn.
Königl. Preußische Hofschauspielerin.

(Biographische Skizze von Emil Linden.)

Charlotte von Hagn betrat den 29. August 1828, da sich noch nicht ihr drittes Lustrum zurückgelegt hatte, in München, ihrem Geburtsorte, zum ersten Male die Bühne als Afanasia in Kotzebue's Schauspiel »Graf Benkowsky.« Ihre Eltern lebten in Rothenburg a. der Amper, wo sie von ihrem dritten bis zum zehnten Jahre erzogen wurde und dann mit ihnen nach München zurück kam. Ihr Talent für die Bühne machte sich auf eigene Art bemerkbar. Herr W., ein reicher Kaufmann in München und großer Kunstfreund, hatte seinen Kindern ein Theater in seinem Hause erbauen lassen, auf welchem kleine, passende Stücke aufgeführt wurden. Man wollte Körner's Lustspiel »die Gouvernante« geben, allein keine der jungen Künstlerinnen war geneigt, die Rolle der alten Gouvernante zu übernehmen, und so würde das ganze Repertoir gestört worden sein, wenn nicht die elfjährige Charlotte Hagn sich erboten hätte, diese Rolle zu spielen. Da man wußte, daß sie, dem Willen ihres Vaters zufolge, noch nie ein Theater gesehen hatte, so konnte man sich freilich nicht viel Gutes versprechen, und teilte sich leise bange Besorgnis mit; allein kaum hatte sie eine Scene gespielt, als sie durch ihre Natürlichkeit, ihre Laune, durch manch gute Einfälle eigener Erfindung einen unerhörten Enthusiasmus erregte, und mit Beifallsbezeigungen überhäuft wurde.

Als einst die Hofschauspielerin Mad. Lange, welche bereits ihr Jubiläum gefeiert und sich von der Bühne zurückgezogen hatte, einer dieser Vorstellungen beiwohnte, wurde auch sie von den herrlichen Anlagen Charlottens so mächtig ergriffen, daß sie weder Bitten noch Vorstellungen unversucht ließ, die Eltern zu bewegen, die talentvolle Tochter der Bühne zu widmen, was ihr endlich, nicht ohne grpße Schwierigkeiten, gelang.

Madame Lange übernahm nun die Ausbildung der den Muden Geweihten; sie führte sie öfter in das Hoftheater, und setzte mit mütterlicher Liebe durch vier Jahre ihren Unterricht fort. Endlich glaubte sie, daß der Augenblick gekommen sei, ihren Zögling eine öffentliche Probe ihres Talents ablegen zu lassen; die Rolle der Afanasia wurde gewählt, und Charlotte betrat an dem erwähnten 29. August zum ersten Male die Bretter, welche die Welt bedeuten; da aber bei der Probe sowohl ihre Jugend, als eine, früher nicht bemerkte Schüchternheit, den Erfolg doch zweifelhaft machten, so mußte Mlle. Stubenrauch, welche im Besitze dieser Rolle war, sich am Abende bereit halten, im ungünstigsten Falle die Anfängerin zu vertreten. Ihre Angst war auch wirklich so groß, daß sie, als der Vorhang aufgerollt war, die Bühne verlassen und das Weite suchen wollte, ihren Entschluß auch zuverlässig ausgeführt habenwürde, wenn nicht der würdige Künstler Eßlair sie durch wohl gewählte Worte ermuthigt und zum Stehen gebracht hätte. Diese Schüchternheit schwand indeß mit den ersten Scenen, und rauschender, von Moment zu Moment sich steigernder Beifall begleitete sie bis zum Schlusse. Ihre zweite Rolle war Josephine in »Armuth und Edelsinn«, ihre dritte Elisa Valberg, ihre vierte Klärchen in Göthe's »Egmont«, nach welcher sie mit einem kleinen Gehalte an der Hofbühne angestellt wurde.

Schon im folgenden Jahre erhielt sie einen Ruf nach Wien, wo sie auf dem Hofburgtheater zehn Gastrollen mit dem glänzendsten Erfolge gab. Im Jahre 1831 ging sie nach Dresden, um da eine Gastrolle zu geben; der ungetheilte, stürmische Beifall des Publikums aber veranlaße die General-Intendantur, ihr noch zwölf zu bewilligen. Von Dresden kam sie nach Berlin, wo sie an sieben Abenden mit gleichem Stücke, wie in Wien und Dresden, auftrat, und endlich mit der Ober-Direktion der K. Hofbühne einen Kontrakt abschloß, welcher jedoch in München nicht ratificirt wurde. Bei ihrer Rückkehr dahin fand sie die berühmte Schröder, und auch diese Meisterin ließ es sich angelegen sein, der jungen Künstlerin manchen nützlichen Wink zu ertheilen. Im jahre 1832 erhielt sie einen zweiten Ruf zu Gastrollen nach Wien, und zu gleicher Zeit sehr vortheilhafte Anträge zu einem Engagement. Sie spielte zwölf Male in Wien, mußte die Rolle der Donna Diana drei Male wiederholen, und ging von da nach der Hauptstadt Ungarns, wo sie dreißig Male bei stets überfülltem Hause auftrat.

Im Jahre 1832 kam sie zum zweiten Male nach Berlin, gab fünfundzwanzig Gastrollen und wurde, in Folge früher gepflogener Unterhandlungen, an der K. Hofbühne angestellt.

Von Berlin aus machte sie ihre erste Kunstreise nach St. Petersburg, wo sie achtzehn Male spielte, von dem Publikum mit Beifall überhäuft und von dem Kaiser und der Kaiserin auf das huldreichste ausgezeichnet und beschenkt wurde. Kleinere Ausflüge machte sie in verschiedenen Zeiträumen nach Riga, Danzig, Königsberg, Magdeburg, Breslau, Prag. Das alte Sprichwort: »man soll nicht wieder dahin gehn, wo man einmal gut aufgenommen worden ist«, bewährte sich bei Fräulein Charlitte von Hagn durchaus nicht, denn im verflossenen Jahre erhielt sie eine dritte Einladung nach Wien, um sechs Gastrollen zu geben, spielte aber, den llgemeinen Wünschen zu entsprechen, statt sechs, neunzehn Male.

Wenn Fräulein Hagn als Künstlerin unterrichtet ist, so dürften auch wenige Töchter, wenige Schwestern leben, die sich durch eine so zärtliche Liebe zu ihren Müttern, durch eine so warme Anhänglichkeit an ihre Schwesten, auszeichnen, als sie. Daß sie die Kunst mit ganzer Seele liebt, bedarf keiner Versicherung, denn ohne diese Liebe bringt man der Kunst nicht so bedeutende Opfer, als sie wirklich gebracht hat.

Emil Linden: Biographisches Taschenbuch deutscher Bühnen-Künstler und Künstlerinnen; L. v. Alvensleben (Hrsg.); Zweiter Jahrgang; Fischer & Fuchs; Leipzig 1837.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.