Kein Grab ist stumm

 

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Münchner Tagsblatt (1830)

Tagesgeschichten.

Allgemein anerkannt werden die vielen, oft ganz uneigennützigen Bemühungen der vielen hiesigen Aerzte von dem Publikum der Hauptstadt. Wer preiset nicht die edle Menschenfeundlichkeit, mit welcher viele Herrn Aerzte, Besuch annehmen und Visite machen, gleichviel ob die Hilfe in der Hütte der Armut oder in dem Pallast eines Reichen bei ihnen gesucht wird.

Wem sind nicht die vielen Verdienste bekannt, welche sich z. B. Herr Hofrath Dr. von Leuthner, die Herrn Dr. Schlagintweit, Dr. Rainer u. a. m. um Münchens Bewohner erworben haben. Wie um so auffallender muß im Laufe der Tagesgeschichte ein Contrast dieser Handlungen vorkommen, der, der Wahrheit gemäß, vor die Publizität gelangen mußte.

Der Tod eines vor Kurzem hier verstorbenen jungen Künstlers, welche denselben in der Blüthe seiner Jahre nach einem kaum fünftägigen Krankenlager von der Seite seiner jetzt tiefbetrübten Mutter hinwegraffte, hat er in dem kunstliebenden München eine große Sensation hervorgebracht, um so mehr, da er zu verschiedenen Muthmaßungen Anlaß gab, und man, und zwar nicht mit Unrecht einen großen Theil der Schuld, dem den Kranken behandelnden Arzt beimeßte. Es steht uns nicht zu, über die ärztliche Behandlung hier ein Urtheil zu fällen, welches wir Sachverständigen anheim gestellt seyn lassen, nur ab er über das Benehmen eines Arztes, hier im Namen einer tiefgebeugten Mutter mit Indignation aufzutreten, halten wir um so mehr für Pflicht, da diese Publizität vielleicht andere dergleichen Vorfälle verhindern könnte.

Hr. Dr. G., welcher den verstorbenen Hofsänger Wepper, diesen allgemein beliebten jungen Mann, behandelte, hat vom Anfang des Uebels, die Sache zu leicht genommen, hat, als sich dasselbe in der Nacht vor Weppers Sterbetag verschlimmerte und man nothgedrungen war, den Hrn. Doktors Nachts um 11 Uhr zu holen, mit dem größten Unwillen das Krankenzimmer des Patienten betreten, ist auf die gemeinste Art in Verwünschungen »über die Theaterwaare, von der man keine Ruhe habe« (eignem Worte excellentissimi) ausgebrochen, äußerte: »es schade ihm (dem Kranken) nicht, wenn er ein wenig leiden müsse«, hielt das Ganze für eine Kleinigkeit, gieng, nachdem er der weinenden Mutter das Maul gebothen, und fand seinen Patienten 12 Stunden darauf, als Leiche!

Die hartnäckige Verweigerung, die Leiche zu öffnen, das nach dem Tode des Verwahrlosten angenommene Benehmen, das hinterlistige Verfahren bei der Sekzirung selbst, die Ausflüchte und Tröstungen, die der Herr Doktor der verzweifelten Mutter machte »ihr Sohn könnte vielleicht noch ganz aus der Art geschlagen haben« etc. »es ist so weit besser« etc. sind triftige Beweise der bewußten Schuld dieses menschenfreundlichen Arztes.

Da unsere Gesetze in solchen Fällen sich nicht genau aussprechen, da es für solch Vergehen an Pflicht und Menschheit keine Riegel und Schlößer giebt, so möge diese öffentliche Bekanntmachung der tief trauerden Mutter, deren Thränen und Schwur die Wahrheit des Gesagten bestättigen, einige Genugthuung verschaffen, ihr betrübtes Herz beruhigen und den gerechten Schmerz etwas lindern!

Münchner Tagsblatt Nr. 144. Mittwoch, den 26. Mai 1830.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.