Kein Grab ist stumm

 

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Lebensbeschreibung der Dachauerbank-Inhaberin Adele Spitzeder in München (1872)

Adele Spitzeder.

Einem Weibe ist es gelungen, momentan die Augen halb Europa's auf sich zu lenken. Ein schwaches Weib ist zum Riffe geworden, an welchem die hochgehenden Wogen der Parteikämpfe lecken.

Wer hört nicht den Namen Adele Spitzeder, ohne daß er nicht einen stillen Fluch vor sich hinmurmelte, oder tief aufseufzte, wohl auch gar das diabolische Weib segnete, welches diesen Namen führt.

Wir glauben das P. P. Publikum zum Danke zu verpflichten, wenn wir, gestützt auf authentische Quellen, eine kurze wahrheitsgetreue Lebensscizze dieser in der letzten Zeit so viel genannten Dame bringen, massen uns sogar an, etwas Weniges beizutragen zur Aufklärung einer der sonderbarsten Erscheinungen auf dem Gebiete des Geldmarktes.

Adele Spitzeder wurde im Jahre 1829 geboren. Ihre Mutter, eine geborne Vio, war als Mädchen von fünf Jahren zu Wien wegen des hohen mimischen u. dramatischen Talents als »Wunderkind« bekannt. Der berühmte Peter Sallier unternahm die weitere Ausbildung dieses seltenen Mädchens. In einem Alter von 16 Jahren kam die junge Vio nach Berlin nnd debütirte dort mit Efolg neben der berühmten Henriette Sonntag. Bald darauf engagirt lernte sie den Schauspieler Spitzeder kennen, welcher neben Beckmann, Block und Schmelka zu den berühmtesten Schauspielern seiner Zeit gerechnet werden kann. Im Jahre 1828 ward Fräulein Vio die Gattin des berühmten Schauspielers.

Aus dieser Ehe entsproß, wie schon erwähnt, Adele Spitzeder, welche jedoch kein Wunderkind war, sondern sich erst nach vielen Jahren eine gewisse Berühmtheit, und zwar auf einem ganz anderen Felde als ihre Mutter erwerben sollte.

Adele Spitzeder war von ihrem fünften bis zum eilften Jahre krank. Sie konnte mit eilf Jahren weder schreiben noch lesen. Mit dem erreichten eilften Jahre entwickelten sich jedoch

ihre geistigen und körperlichen Eigenschaften auffallend schnell. Ihre sehr wohlhabenden Eltern ließen ihr eine ausgezeichnete Erziehung geben. Sie erlernte fünf Sprachen, deutsch, französisch englisch, spanisch und italienisch, studirte nebenbei auch Jurisprudenz, Medizin und Botanik.

Ihr unruhiger Geist fand jedoch in diesen Studien keine Befriedigung. Sei es nun, daß sie durch ihre Umgebung verleitet wurde, oder daß der diabolische Zug, welcher wie ein rother Faden durch alle Handlungen ihres Lebens sich zieht, sie dahin führte, sie floh aus dem elterlichen Hause und betrat in einem Alter von 18 Jahren, gegen den Willen ihrer Eltern, welche ihr Kind zu sehr liebten, als daß sie dasselbe den mit dem Schauspielerstande verbundenen Fallstricken, welche sie wohl genugsam kennen gelernt haben mochten, preisgeben wollten, die Bühne.

Nun begann für Adele Spitzeder ein bewegtes aber auch schönes Leben. Sie zeigte Geschick und Talent zu dem eigenmächtig erwählten Berufe, gastirte auf allen größeren Bühnen Deutschland's und war auch in München längere Zeit engagirt.

Sie gewann in hohem Grade die Gunst des verlebten Königs Ludwig I. von Bayern, der sie als Vorleserin gerne bei sich sah, in noch höherem Grade aber die Gunst Sr. kgl. Hoheit des Prinzen Karl von Bayern. Ueberhaupt war sie damals ein bei Hofe gerne gesehener Gast, und es fehlte nicht an Neidern, welche ihr dieß zweifelhafte Glück mißgönnten. Intriguen, welche von allen Seiten gegen sie gespielt wurden, und andere, in die sie theilweise selbst verwickelt war, veranlaßten sie, München unerwartet schnell zu verlassen. Sie begab sich in die Schweiz und lebte dort von dem Taschengelde ihrer Mutter, welche ihr monatlich hundert Gulden ausgesetzt hatte.

Sparsamkeit war wohl nie eine Tugend von Adele Spitzeder. Ihr excentrischer Geist ertrug keine Fesseln, zügellos in Allem stürmte sie durch's Leben. Im Monate November des Jahres 1865 trat sie in Zürich am dortigen Stadttheater auf, ohne jedoch bedeutende Erfolge zu erzielen. Natürlich, die Reize der Jugend waren verflogen und wer möchte wohl einer Schauspielerin zweiten Ranges, höher schwang sich Adele nie, deren Aeußeres nicht die Sinne reizt, in der heutigen modernen Gesellschaft noch Beifall zollen?

Aus jener Zeit datirt sich eine entschiedene Charakterwendung bei unserer Heldin. Jener Größenwahnsinn, welcher sie in den letzten Tagen in eine so traurige Katastrophe verwickelte, trat damals, wenn auch in niederem Grade bei allen ihren Handlungen zu Tage. Was ihr die Kunst nicht verschaffen konnte, Applaus und Beifall, suchte sie durch eine wohl organisirte Claque zu erringen, die Bitterkeiten, welche ihr Beruf zu kosten gab, durch fortgesetzten Sinnesrausch zu übertäuben. Adele Spitzeder muß in Zürich ein wildes Leben geführt haben. Das Taschengeld ihrer Mutter reichte nicht aus, solch' zügellose Lebsucht zu befriedigen, und sie gerieth immer mehr in Schulden, welche bis Ende Marz 1866 bereits die Summe von 1200 Frcs. überschritten hatten. Die vielen bezahlten Freunde und Freundinen, mit welchen sie sich umgeben hatte und deren Aufgabe es war, sowohl ihren Sinnen als ihrem Schauspielerstolze zu schmeicheln, sorgten dafür, daß es auf Kosten von Adelens Geldbeutel nicht an den kostbarsten Lebensgenüssen mangelte. Die Gläubiger ließen der bethörten und lebsüchtigen Dame keine Ruhe mehr und so kam es, daß sie eines schönen Tages in Zürich verduftete.

Einige Zeit hierauf tauchte sie in Augsburg, später in München wieder auf, stets in Begleitung ihrer intimsten Freundin, einer gewissen Branitzka. Adele Spitzeder war in den letzten Monaten des Jahres 1866 in eine äußerst mißliche Lage gerathen. Die ihr angeborene Energie schien sie verlassen zu haben, das Gespenst der Noth grinste ihr, da auch die Geldquellen ihrer Mutter zu versiegen begannen, in seiner scheußlichstes Gestalt entgegen. Wenn wir Gerüchten glauben dürfen, trieb sie sich, nur um das Nöthigste für ihren Lebensunterhalt zu verdienen, in jener Zeit sogar in Mannskleidern als pseudo Ausgeher einer hiesigen Kunsthandlung herum.

In den ersten Monaten des Jahres 1867 erschien in der Zeitung für Alles, den Münchener Neuesten Nachrichten, eine Annonce, des Inhaltes, daß eine Dame gegen hohe Prozente, monatlich 12 Gulden vom Hundert, und unter sicheren Garantien Geld aufzunehmen wünsche. So schwindelhaft jene Annonce jedem nur einigermassen denkfähigen Menschen erscheinen mußte, so zog sie dennoch gewisse Geldwucherer an, und es war faktisch ein Jude, welcher Adele das erste derartige Darlehen bewilligte. Dieß war der erste Schritt, welcher sie zu dem sog. Geschäfte führte, das schon nach einem Jahre unter dem Namen »Dachauerbank« so außerordentliche Dimensionen annahm und nach nur 5 jährigem Bestehen zu einer schwindelhaften Höhe anwachsen sollte, zu einer Höhe, welche ein trauriges Zeugniß ablegt von dem Mangel an Intelligenz der ärmeren Volksklassen Süddeutschlands.

In einem unscheinbaren Hause an der Dachauerstraße hatte Adele Spitzeder still und bescheiden den Schwindel begonnen. In größerem Maßstabe betrieb sie ihn in der Ende 1868 bezogenen Wohnung im Gasthofe zum deutschen Hause in der Dienersgasse, zur höchsten Blüthe gelangte ihr Unternehmen in dem Hause Nr. 9 an der Schönfeldstraße, welches sie Anfangs des Jahres 1871 käuflich erworben hatte.

Wir glauben nicht zu viel zu sagen, wenn wir behaupten, daß Adele Spitzeder, betäubt von der schwindelhaften Höhe, zu der ihr Unternehmen in jener Zeit schon angewachsen war, ganz gedankenlos mit den ihr anvertrauten Geldern wirthschaftete. Der ihr angeborne Größenwahnsinn fand im Gnadenspenden und in der Vergötterung der blinden Massen seine vollste Befriedigung. Es hatte sich um sie ein Hof von Schurken und Speichelleckern gebildet, welcher aus allen Gesellschaftsklassen zusamengewürfelt ihr getreulich von den deponirten Geldern half. Verkommene Rechtspraktikanten, Advokaten und Literaten von sehr zweifelhaftem Rufe umschwärmten sie mit Rathschlägen und gräulichen Lobgedichten, schnöde Unterhändler und Handelsjuden suchten bei ihr glänzende Geschäfte zu machen, so daß sie mit vollem Rechte, wie wir aus dem Munde eines Ohrenzeugen vernommen haben, ausrufen konnte: »Die Sache wächst mir über den Kopf, ich komme nicht mehr zur Besinnung.«

Ohne zu bedenken, wie sie zu ihrem Vermögen gekommen, das Frevelhafte ihrer Handlungsweise gänzlich außer Acht lassend, mit, wir möchten fast sagen genialem Leichtsinn stürzte sie sich, im süßen Taumel des Gefühles, reich zu sein, von einer Lustbarkeit in die andere, fröhnte ihrer Sinnlichkeit, ihrer Eigenliebe und Hoffart in der raffinirtesten Weise, entwickelte einen wahrhaft fürstlichenLuxus, warf das Geld mit vollen Händen hinaus und gerirte sich zu gleicher Zeit als Mutter der Armen und als - Geldverleiherin. Der diabolische Zug ihres Wesens gelangte in dieser Periode zur vollsten Entwicklung. Aus der unscheinbaren Schauspielerin war sie zur Millionärin geworden, das leichtsinnige Mädchen war zum Bastard der heutigen Haute Haute volée herabgesunken, zum Mannweib geworden, das mit diabolischer bis an die Grenzen maßloser Frechheit sich ausdehnender Energie nur den einen Zweck verfolgte, von den Massen bewundert zu werden und seine zügellose Lebsucht zu befriedigen. Könnten die Wände des Hauses an der Schönfeldstraße erzählen, sie würden Scenen berichten, welche Ereignissen im Louvre zu Paris am Hofe Ludwig des Vierzehnten mindestens gleichkämen.

Wir können nicht anders! Wir müssen die Zeit vom Jahre 1870-72 eine verderbenbringende, psychologisch noch nicht aufgeklärte Wahnsiunperiode im Leben Adele Spitzeder's nennen und können sie nach ihrem Sturze nicht verdammen, nur bedauern.

Es dürfte hier am Platze sein, die Räumlichkeiten zu beschreiben, in welchen Adele Spitzeder die letzte Zeit lebte nnd wirkte: Der Luxus und die Verschwendung, welche in den Wohnzimmern derselben herrscht, soll, wie uns von Augenzeugen berichtet wird, überaus groß sein. Man glaubt sich in die Salons eines der reichsten Fürsten versetzt, wenn man die nun dem Gantgericht anheimgefallenen Gemächer betritt. Den Salon zieren die prachtvollsten Oelgemälde älterer und neuerer Meister, die Meubel sind vom feinsten Holz; die Ueberzüge der Sessel, Kanapee's etc. von schwerer gelber Seide, die Fenstervorhänge von grüner Seide. Für Musik scheint die ehemalige Bewohnerin dieser Gemächer sehr eingenommen zu sein. Dreizehn große Spielwerke, welche allein eine Werthsumme von ca. 6000 Gulden repräsentiren, stehen auf den Tischen herum; Klavier, Harmomum und Zither fehlen ebenfalls nicht und die Musikalien-Bibliothek weist u. A. »Adelen-Klänge,« »Adelen-Walzer« u. dgl. auf, welche Widmungen zweier hiesiger Kapellmeister sind, von denen der eine eine Militärmusik dirigirt, der andere aber immer das Malheur hat, keine Kapelle zusammenzubringen. Adele Spitzeder liebte es auch, überall eine gewisse Religiösität zur Schau zu tragen. An den Wänden sind ca. ein Dutzend Tafeln mit den Inschriften: »Gott erhalte noch lange das Haus Spitzeder;« »Heilige Maria schütze und beschirme Adele Spitzeder« u. s. w. angeheftet. Begibt man sich in das Schlafzimmer der Adele Spitzeder, so fällt vor Allem ein zweischläfriges Bett auf, dessen Ueberzüge u. s. w. von weißer und grüner Seide sind; in diesem Bette verbrachte Adele mit ihrer Rosa die Nächte. Ueber die geheimen Freuden solcher stillen Nächte wollen wir den Schleier christlicher Liebe decken. Vor dem Bette hängen ein paar Pistolen, Dolche und sonstige Waffen; auch im Schlafzimmer sind die Wände mit Oelgemälden förmlich überladen. Lorbeerkränze aus früheren Tagen und Blumenkränze, Bouquets u. dgl. Geschenke liegen in großer Anzahl auf den Kästen herum.

Wer glauben wollte, Adele Spitzeder hatte inmitten der aufgeschichteten Reichthümer ein angenehmes Leben geführt, gäbe sich einer großen Täuschung hin. Der ungeheure Zudrang von Leuten, welche sie nicht selten fußfällig baten, doch die mitgebrachten Sparpfennige anzunehmen, die Hetze, welche die Presse Münchens, insbesondere die »Neuesten Nachrichten« und deren getreuer Knecht, der »Bayerische Landbote,« wiederholt in Scene setzte, die mit jedem Monat anwachsende Geldgier ihrer Gläubiger, die Diebereien ihrer Dienerschaft, brachten ihr Aufregungen, welche ihren Körper aufreiben mußten. Augenzeugen versichern uns, daß Adele Spitzeder schon vor Hereinbruch der Catastrophe so leidend gewesen sei, daß man eine bedenkliche Krankheit von Tag zu Tag, befürchtete.

Wir können uns nicht versagen, einige kleine Beispiele anzuführen, in welch' frecher Weise und in welch' großartigem Maßstabe einzelne ihrer Diener das Diebshandwerk betrieben. Schon in einer anderen Brochüre ist von einem Herrn, ehemals, Korporal in einem österreichischen Cavallerieregimente, die Rede, welcher bei A. Spitzeder als Cassier die eingelaufenen Banknoten zu zählen hatte, jedoch von diesem Geschäfte entfernt und zum Zählen des Silbergeldes verwendet werden mußte, weil sein Griff in die Banknoten gar zu kühn war.

Ein anderer Fall ereignete sich wenige Wochen vor dem Sturze. Adele Spitzeder ließ eines Tages, an welchem 80,000 Gulden zur Rückzahlung gelangen sollten, diese Summe in die Geschäftslokalitäten bringen. Es waren noch keine 4 Stunden verflossen, als der betreffende Cassier meldete, daß die bereit gelegenen Gelder verbraucht und neue nöthig seien. Adele Spitzeder fand dieß unbegreiflich und controlirte die Bücher. Es ergab sich eine Ausgabe von 70,000 Gulden, so daß noch 10,000 Gulden von der verabreichten Summe fehlten. Wo waren diese hingekommen? Ein strenges Verhör wurde angestellt. Durch Zufall trat Adele bei dieser Gelegenheit mit dem Fuße auf einen am Boden aufgeschichteten Papierhaufen, spürte etwas Hartes darunter, ließ die Papiere hinwegräumen, und siehe da, zwei Geldsäcke, deren jeder 2000 Gulden enthielt, kamen zum gutgespielten Erstaunen der Dienerschaft zum Vorschein. Reitpeitsche und Flüche, denn damit konnte Adele Spitzeder gut umgehen, thaten das Uebrige. Einer der Diener zog aus seiner Hosentasche einige tausend Gulden in Banknoten, welche er aus »Versehen« in dieselben gesteckt hatte, ein Anderer begab sich in das gegenüber dem Hause dert »Dachauer-Bank-Inhaberin« gelegene Gasthaus zum »Wilhelm Tell« und brachte einige Tausend Gulden, welche er aus »Versehen« herübergenommen und dort aus »Versehen« liegen gelassen haben wollte, und die fehlenden 10,000 Gulden waren da! In einem ähnlichen Falle holte der Diener fehlende 6000 Gulden in seiner Wohnung, welche er in seiner Wohnung aufbewahrt haben wollte, damit sie nicht — gestohlen würden! Wünscht der freundliche Leser noch mehr solche Beispiele? Sapienti sat!

Es mag sich manchem unserer Leser die Frage aufdringen, warum Adele Spitzeder solch' »treue« Diener nicht entlassen habe? Wir glauben die Beantwortung dieser Frage ergibt sich für jeden denkenden Leser von selbst.

Ein bemerkenswerther Zug dieser Dame ist die überaus reiche Spendung von Almosen an die Armen, überhaupt deren zur Schau getragener Wohlthätigkeits-Sinn. Ob diese »Wohlthätigkeit« aus edlem Herzen kam, oder ob dieser nur ein Köder, ein Lockmittel war, um das Publikum für sich zu gewinnen, wollen wir hier nicht näher untersuchen; jedenfalls paßte hieher das Sprüchwort trefflich: »Aus ander Leute Haut ist gut Riemen schneiden.« Notorisch ist, daß Adele Spitzeder jedem Armen, der sie auf der Strasse anbettelte, ein Almosen gab, und zwar nie unter 3 fl.; auch Kirchenstiftungen und katholische Vereine gingen nicht leer aus. Die enorme Freigebigkeit unserer »Geld-Heldin« war nicht nur in München, sondern auch in Ober- und Niederbayern allgemein bekannt. Besonders in den oberbayerischen Marktflecken und Städtchen wird es wenige Vereine und Gesellschaften geben, welche nicht Geldspenden oder sonstige Geschenke von ihr erhalten haben. Hatte irgend ein kleiner Verein seine Fahnenweihe, so wendete er sich an die Geldfürstin in der Schönfeldstraße mit der ganz ergebensten Bitte, die Stelle als Fahnen-Mutter anzunehmen. Daß es diesen Vereinen weniger um die Fahnen-Mutter, als vielmehr um die reichen Geldspenden derselben zu thun war, ist wohl selbstverständlich. Die Stelle als Tauf- und Firmpathe, sowie als Ehrenmutter (Kranzljungfer wollte sie nie sein), bekleidete sie wenigstens 200 Mal. Besonders in der Münchener Vorstadt Haidhausen führt jedes dritte Mädchen den schönen Namen Adele. Bekam da eine Familie ein Kind, so war das erste zur Spitzeder zu laufen, und sie um die Pathenstelle anzugehen, wurde das Kind gefirmt, so mußte die Spitzeder ebenfalls wieder herhalten, und beging ein Paar, welches Geld bei der Spitzeder angelegt hatte, die Hochzeit, so bedachte man die »Geldfürstin« mit dem Posten einer »Ehren-Mutter.« Wußte man doch, daß A. Spitzeder bei den Tauf-, Firmungs- und Hochzeitsgeschenken nicht kargte. Gewöhnlich erhielt ein Taufkind 100, ein Firmkind 200, und ein Hochzeitspaar 300-400 Gulden als Geschenk. Es kamen jedoch schon Fälle vor, wo A. Spitzeder großmüthig 1000 Gulden und noch mehr spendete.

Das Dienstpersonal der A. Spitzeder konnte sich auch nicht über Geschenke beklagen. So erhielten dieselben zu Weihnachten goldene Uhren und Ketten, Gold- und Brillantringe; ja sogar zum »Kirchweihtag« erhielten die Bediensteten »Kirchweih-Geld« von 50-300 Gulden.

Wer immer der Eitelkeit dieser Dame schmeichelte, wer es verstand ihrer Sucht nach Berühmtheit Stoff zu neuen Unternehmungen zu bieten, konnte mit den Händen im Gelde wühlen. Wir wollen nicht erwähnen, wie viel Hunderttausende mit der Errichtung der Volksküche theils verloren gegangen, theils in den Säckel ihrer pflichtgetreuen Vertrauensmänner gewandert sind und wollen hier nur constatiren, daß das Geschäft in der Schönfeldstraße niemals einen so schmählichen Ausgang genommen haben würde, hätte Adele Spitzeder statt Schurken, ehrliche Leute um sich gehabt, hätte sie Berather gefunden, welche sie mit Mannesmuth auf die Gefahren ihres Treibens aufmerksam gemacht und den unbegrenzten Leichtsinn dieser Dame gehörig in Schranken gehalten hätten. Das in einer diesen Punkt berührenden Brochüre eines sehr federgewandten Schriftstellers angeführte Sprüchwort: »Similis simili gaudet«, möchten wir auf Adele Spitzeder hier nicht anwenden. Wir behaupten sogar, allen gegenteiligen Ansichten zum Trotze, daß sich Adele Spitzeder nie bewußt war, daß die Quelle ihrer Reichthümcr nichts anderem als einer großartige Schurkerei entspringe, sie war zu leichtsinnig und zu sehr von ihrer Person eingenommen, um jemals einen solchen Gedanken zu fassen.

Adele Spitzeder ist ein psychologisches Räthsel unserer Zeit. Alle Schäden der gegenwärtigen Emanzipationsperiode scheinen in ihrer Person vereinigt zu sein; ihre Erscheinung ist ein verkörpertes Zerrbild schwindelhafter Habgier.

Daß Adele Spitzeder sich mit ganzer Willenskraft gegen den Gedanken stemmte, ihr Geschäft ruhe auf gefährlicher Basis, daß sie absolut nicht daran glauben wollte, daß überhaupt ein Zusammensturz ihres Unternehmens möglich sei, geht aus vielen Aeußerungen hervor, welche sie in den letzten Tagen vor der Katastrophe mehreren vertrauten Freunden gegenüber gemacht haben soll. Von allen Seiten bedrängt, setzten sie die Schmähartikel der Neuesten Nachrichten, falls ihr diese zu Gesicht kamen in eine Aufregung, welche das Schlimmste befürchten ließen. Wie krankhaft ihre Gemüthsstimmung die letzte Zeit war, zeigt der Umstand, daß sie öfters auf einem Betschemmel getroffen wurde, in der einen Hand ein Gebetbuch, in der andern das deutsche Reichsstrafgesetzbuch haltend. Wenn sich auch in ihrem Gebahren, während der letzten Stunden vor ihrer Verhaftung die »Schauspielerin« nicht verläugnete, sie trug stets ein feingeschliffenes Dolchmesser bei sich und schwur, sich in dem Augenblicke zu tödten, in welchem die Juden, welche sie stets und vielleicht auch mit Recht für ihre größten Feinde hielt, über sie siegen sollten, so kann nicht verschwiegen werden, daß sie stets den guten Willen hatte, alle ihre Gläubiger zu befriedigen, daß sie, wir wiederholen dieß, den Schwindel nicht ahnte, dessen sie sich schuldig gemacht und blind an dem Abgrunde dahin schritt, in welchen ihr eigenes Treiben sie stürzen sollte.

Was sie nicht glauben wollte, muß Adele Spitzeder jetzt glauben. Ueber die Art und Weise, wie sie gestürzt und ihr Unternehmen jählings zu Fall gebracht wurde, wollen wir nicht rechten. Der Schwindel hat ein Ende und das ist gut.

Aus den Blättern ist es bereits bekannt, wie sehr das unglückliche Weib die Mitteilung des Verhaftsbefehles niederschmetterte. Sie verfiel auf diese plötzliche ihr gewiß unerwartete Nachricht in einen so krankhaften Zustand, daß ihre Abführung in's Gefängniß einige Stunden verschoben werden mußte.

Auf den Zustand der höchsten Aufregung folgte gänzliche Erschlaffung. Als sie sich in der für sie verhängnißvollen Nacht vom 12. auf den 13. ds. Mts. einigermassen erholt hatte, verlangte sie kurz nach Mitternacht selbst in das Gefängniß abgeführt zu werden.

Ihre Freundin und bisherige Bettgenossin, die Schauspielerin Rosa Ehinger begleitete sie. Noch schien Adele Spitzeder zu hoffen. Sie war der festen Ueberzeugung, daß ihr Geschäft auf gesetzlichem Boden stehe, daß man ihr nichts anhaben könne.

Sie täuschte sich bitter. Nach wenigen Tagen schon wurde sie des betrügerischen Bankrotts dringend verdächtig aus der Civilsicherheitshaft in die Criminalhaft verbracht und mußte sich auch von ihrer letzten Freundin trennen.

In der Gefängnißzelle des Criminalgerichts scheint ihr excentrischer Geist die letzten Banden, in welchen sie Klugheit und Willenskraft bisher noch, wenn auch nur schwach gefesselt hatten, zersprengt zu haben. Ihr Gebahren soll ein wahnsinniges gewesen sein. Mit wildem Geschrei sei sie, so erzählt man, in ihrer Zelle auf und niedergerannt, habe sich den Kopf an die Wände gestoßen und in gräßlichen Flüchen ihrer wilden Verzweiflung Ausdruck gegeben.

Schwer krank liegt sie gegenwärtig darnieder. Die nothwendigen Verhöre können nur mit äußerster Vorsicht vorgenommen werden. In ruhigen Augenblicken jedoch scheint sie ihre Situation vollkommen zu erkennen, zu fühlen, welch' gefährlichen Weg sie die letzten Jahre ihres Lebens betreten habe.

Das unglückliche Weib, welches aus einem Feenpalaste in die düstre Gefängnißzelle wanderte, verleugnet aber auch keineswegs den Charakter ihres Geschlechtes. Rücksichtslos deckt sie die Schurkereien ihrer ehemaligen Freunde, soweit ihr deren Schändlichkeit bekannt ist, auf und dürften diese Enthüllungen, welche aus allen Parteischattirungen des heutigen politischen Lebens »ehrenhafte Subjekte« in Menge blosstellen sollen, seiner Zeit großes Aufsehen erregen.

Soeben erfahren wir, daß Adele Spitzeder mit den Sterbsakramenten ihres Glaubens versehen worden sei.

Vielleicht erlöst sie der Tod von den Leiden eines verfehlten Lebens. Sie, die in Palästen gern gesehene Favoritin, endet dann in der Gefängnißzelle! Ein furchtbares Gottesgericht.

Die Millionen, welche der unverzeihliche Leichtsinn dieses Weibes den armen Dienstboten und Arbeitern geraubt, die Tausende von Menschen, welche durch den Verlurst ihrer ganzen Habe nun an den Bettelstab gebracht, sich wilder Verzweiflung hingeben, sind ein warnendes Zeichen der Zeit, die Folge einer von jeder wahren Religiösität entblößten Genußsucht. Eines hat Adele Spitzeder erreicht. Sie ist berühmt geworden. Um die Berühmtheit wird sie aber Niemand beneiden.

Zum Schlusse noch eine Mahnung.

Trage Jeder bei dem Bankerott der »sog. Dachauerbanken« in der Schönfeldstrasse Beteiligte, das durch eigenes Verschulden über ihn hereingebrochene Unglück mit Ergebung. Wilde Verzweiflung kann den Verlurst nicht ersetzen. Fluchen wir nicht der Unglücklichen, sie ist gerichtet. Sie ist gerichtet, selbst wenn sie der Tod den Armen der weltlichen Gerechtigkeit entziehen sollte. Sie hat für den leichtsinnigen Frevel der letzten Jahre gebüßt, denn die Seelenqualen, welche dieses Weib in den Tagen ihrer Gefangenschaft erduldet haben muß, wiegen der Genußseligkeit vieler Jahre auf.

Verdammen wir sie nicht. Gott allein sei der Richter.

Lebensbeschreibung der Dachauerbank-Inhaberin Adele Spitzeder in München. 1872.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.