Kein Grab ist stumm

 

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Frank Leslie's Illustrirte Zeitung (1873)

Die Affaire Spitzeder.

Der von dem oberbaierischen Schwurgerichtshof in München vom 14. bis 20. Juli verhandelte Prozeß »Spitzeder« dürfte nach verschiedenen Seiten hin den traurigen Ruhm einer cause célèbre im vollsten Maße in Anspruch nehmen. Ist schon die Größe des Schwindels, um dessen Aburtheilung es sich hier handelte, eine solche gewesen, die ihresgleichen sucht in den doch wahrlich nicht armen Annalen der Verbrecherqeschichte, so ist es andererseits der Umstand, daß eine Frau, welche 1868 notorisch als einziges Mobiliar eine Kaffeemaschine besaß, es ermöglichen konnte, im November 1872 bereits einen Bankerott mit einer Ueberschuldung von 8,125,758 fl. zu machen, gewiß ein so seltener, ja nie dagewesener, daß es sich sehr wohl lohnt, auf die Persönlichkeit einer solchen Frau, die keinesfalls eine unbedeutende sein kann, etwas näher einzugehen. Ueberdies bietet der Verlauf des Prozesses selbst eine solche Fülle von interessanten Momenten, eine solch' grelle Beleuchtung ganzer Stände und Berufsklassen, ein solches trauriges Bild menschlicher Corruption und sittlicher Fäulniß, daß der Kulturhistoriker späterer Zeiten sich nicht wohl ein dankbareres und werthvolleres Material wünschen könnte, um eine Darstellung des Schwindels zu geben, dieses Uebels, an dem unsere Zeit so schlimm erkrankt ist.

Der eigentliche Tatbestand des Prozesses läßt sich in wenigen Worten erzählen: Eine Schauspielerin, die schon vorgerückt an Jahren, vielleicht auch nichts Hervorragendes leistend, gründlich enttäuscht und ermüdet von dem aussichtslosen Kampf mit dem Leben, nach München zurückkehrt, sieht sich durch die peinlichste Geldverlegenheit veranlaßt, zu dem in München nur zu gewöhnlichen Mittel des »Geldsuchens durch Annoncen« zu greifen. Es wird ihr mehrfach Geld zu unerhört hohen Zinsen angeboten. Sie nimmt Alles ohne Bedenken an und zahlt mit dem neuen Anlehen die alten sammt Zinsen. Ein Loch zu, das andere wieder auf, aber die Sache macht sich über alles Erwarten, man kann wenigstens vortrefflich leben dabei.

Jetzt drängen sich schon die Versetzerinnen, die Unterhändlerinnen, die Packträger zu ihr, schon werden die Bauern in den Schenken bearbeitet, und die seltsame Kunde verbreitet sich, daß in einem Gasthofe in München eine Dame lebte, die für dargeliehene Gelder acht bis zehn Procent Zinsen monatlich, auf drei Monate gleich im Voraus, zahlte. Das »Geschäft« wuchs in nie geahnten Proportionen, schon reichten die im Gasthof gemietheten Lokalitäten nicht aus, ebenso wenig das bereits engagirte Personal zum Wechselschreiben und Geldzählen. Schon verdiente der Portier Silchinger, den die Schauspielerin angestellt hatte, um den Bauern den Weg nach ihrem Zimmer zu zeigen, sich täglich dreißig bis vierzig Gulden Trinkgeld.

Das Geld häufte sich in Schränken, sie kaufte zwei prächtige Häuser, von denen sie eines lediglich sich zum Geschäftslokal herrichten ließ. Jetzt trat sie auch in die Oeffentlichkeit; sie erschien nie ohne ein großes goldenes Kreuz um den Hals, stets eine auffallende Frömmigkeit und gut katholische Gesinnung zeigend, welche weder mit der sehr bewegten Vergangenheit der Schauspielerin, noch auch mit dem sehr derben und durchaus nicht den Lebensgenüssen abgeneigten gegenwärtigen Auftreten der Geldkönigin recht stimmen wollte.

Mit dem Einzug in das neue Haus stieg der Stern der Dachauer-Bank, wie das Geschäft von nun an hieß, glänzend empor. Aber gleichzeitig begann auch der erste Sturm gegen sie. Die Münchener »Neuesten Nachrichten« deckten mit dürren Worten den Schwindel auf und warnten das Publikum, sein Geld einer Person anzuvertrauen, die auch gar keine Garantieen für dasselbe bieten könne und durch die unerhörten Zinsen, welche sie bezahle, schon im Vornherein zeige, daß ihr Geschäftsgebahren jeglicher soliden Basis ermangele.

Diesen heftigen Angriffen gegenüber fanden sich aber sofort überall die wärmsten Vertheidiger. Die Spitzeder-Angelegenheit wurde jetzt als Parteisache behandelt und erhielt wohl dadurch zumeist ein Relief, das sie sonst wohl nie und nimmer bekommen haben würde. Der erste Sturm auf die Dachauer-Bank wurde glänzend abgeschlagen und das Geschäft blühte mehr wie je. Es ist gerichtlich constatirt worden, daß die Einnahmen eines Tages schon 100,000 fl. erreicht haben und nie unter 30,000 fl. betrugen. Die Spitzeder, berauscht durch diesen Erfolg, »mitten in einem Märchen aus Tausend und eine Nacht stehend,« wie sie selbst sagte, begann nun erst recht für ihr Geschäft zu arbeiten. Sie kaufte in größerem Umfange Realitäten an, sie erwarb die Westendhalle (ein Vergnügunglokal für die Münchener »Demi-Monde«), um ein Theater daraus zu machen, sie richtete ein Volksküche mit ungeheurem Aufwande ein, »um ihrem Volke gesunde und wohlfeile Nahrung zu geben,« sie plante Arbeiterquartiere im größten Maßstab zu bauen, sie umgab sich mit Literaten und suchte durch Aufwand von kolossalen Summen die gelesensten Tagesblätter sich dienstbar zu machen, wobei sie die Taktik gebrauchte, sogar liberale Redakteure und Blatter, wenn auch nur im Geheimen, sich zu kaufen.

Der zweite Sturm gegen die Dachauer-Bank begann in den »Neuesten Nachrichten,« er wurde abermals glänzend überstanden - die Bauern drängten sich, um »ihr Geld anzulegen.« »Mit aufgehobenen Händden, unter Thränen flehten sie, daß man ihr Geld nehmen möge.« »Sie warteten oft drei Tage vergebens und konnten erst am vierten Tage ankommen,« so sagten Zeugen aus.

Städtische, staatliche und geistliche Behörden warnten gleichmäßig öffentlich vor dem Schwindel-Institute - vergeblich. Da griff endlich die Polizei ein; nachdem die »Neuesten Nachrichten« wiederholt die wirksamsten Artikel gegen das Unwesen gebracht, wandte sich eine Anzahl von Gläubigern, die doch bedenklich geworden waren, an die Polizei, und diese Behörde veranlaßte einen Anwalt, im Namen dieser Gläubiger Antrag bei den zuständigen Gerichten auf Ganteröffnung und Vermögensuntersuchung zu stellen. Die Gerichtskommission fand bei ihrem plötzlichen Eintritt in das Haus der Spitzeder, trotzdem die Bücher derselben im mangelhaftesten Zustande waren, bald eine kolossale Ueberschuldung und sah sich veranlaßt, das Geschäft zu sperren, die Spitzeder selbst aber in Personalsicherheitshaft zu nehmen. Im Laufe der Untersuchung stellte sich denn auch bald der Bankerott der Adele Spitzeder und ihre bereits erwähnte kolossale Ueberschuldung heraus, und das Appellgericht verwies daher Adele Spitzeder wegen Verbrechens des betrügerischen Bankerotts, ihre Freundin Rosa Ehinger und zwei ihrer Dienstboten wegen Hülfeleistung zu diesem Verbrechen, vor das Schwurgericht in Oberbayern.

Der Ausgang, sowie die Details dieses Monstreprozesses, der eine ganze Woche dauerte - von Montag, den 14. Juli, Früh bis Sonntag, den 20. Juli, Abends, - und in welchem 137 Zeugen geladen waren, sind bekannt. Adele Spitzeder wurde von den Geschworenen als Kauffrau des Verbrechens des betrügerischen Bankerotts schuldig erachtet und erhielt drei Jahre Zuchthaus zuerkannt. Bei den übrigen Angeklagten wurden mildernde Umstände angenommen und sie erhielten in Folge dessen Freiheitsstrafen, welche schon durch die Untersuchungshaft als verbüßt erachtet wurden.

Es ist in diesem seltsamen Prozeß zu Vieles im Dunkel geblieben.

Die Mitangeklagten der Spitzeder sind alle auf freiem Fuß; nur sie allein büßt den schönen, aber kurzen Traum aus Tausend und eine Nacht mit dem Erwachen im Gefängniß.

Frank Leslie's Illustrirte Zeitung No. 841. New-York, 23. September 1873.

 

 

 

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