Kein Grab ist stumm

 

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Neuer Nekrolog der Deutschen für das Jahr 1852 (1854)

Ivo Ambros Vermeersch, Architekturmaler zu München; geb. den 9. Jan. 1809, gest. den 24. Mai 1852.

V. war zu Maldeghem bei Gent geboren, wo sein Vater das Bürgermeisteramt bekleidete. Unter seinen noch lebenden fünf Geschwistern war er der Jüngste. Seine Aeltern gaben ihm eine sorgfältige Erziehung. Schon in früherster Jugend fand der talentvolle Knabe Vergnügen daran, die alterthümlichen Häuser seines Geburtsortes abzuzeichnen. Unablässig war er bestrebt, sich mit allen Kenntnissen zu bereichern, welche ihn als Mann zierten und ihm im Verein mit seinem tiefen, herrlichen Gemüth die Achtung und Zuneigung aller Derer gewinnen mußten, welche mit ihm in nähere Brührung traten.

Seinem Vaterlande leistete er in den verhängnisvollen Jahren seiner Losreißung von Holland die ihm schuldigen Militärdienste mit einem Eifer, einer Gewandtheit und Unerschrockenheit, die von seiner vollsten Hingebung zeugten. Nachdem er bis zum Stabsunteradjutanten emporgestiegen und der Kampf beendigt war, nahm er seinen Abschied, um sich in Brüssel unter der Leitung der ausgezeichneten Lehrer an der dortigen Akademie der Künste zum Architekturmaler wissenschaftlich auszubilden.

Mit welcher hohen Begabung, mit welch’ unverdrossenem Fleiße er sich seinem Kunststreben ergeben habe, wurde bald in seinen vielbewunderten Arbeiten sichtbar, deren Sicherheit und Korrektheit kaum je ihres Gleichen gefunden haben mögen. Sein früh geübter Künstlerblick fand bei den verworrensten Umrissen und Verhältnissen überall schnell das richtige Ebenmaaß. Die Auffassung und die geniale Ausführung seiner überaus naturgetreuen Bilder geben rühmliches Zeugniß von seinem Schönheitssinn und von seinem Geschick, das Schöne aus der Wirklichkeit mit ansprechender, ja hinreißender Naturtreue auf die Leinwand zu übertragen, wie er auch in Betreff des Kolorits im Ganzen Außerordentliches leistete.

Seine Bilder waren meistens vorbestellt. Keins durfte lange auf den Käufer warten. Ausgezeichnet von der Gunst des hohen Förderers und Schützers des deutschen Kunststrebens, König Ludwig I. von Bayern, geehrt von seinen Kunstgenossen, ward ihm noch im Beginn seines Todesjahres die Freude zu Theil, seine Leistungen auch von seinem Heimatlande anerkannt zu sehen. Die Akademie der bildenden Künste der Stadt Antwerpen ehrte ihn durch die Übersendung des Diploms seiner Aufnahme zum Ehrenmitglied derselben, in dem sie sich in den schmeichelhaftesten Ausdrücken anerkennend über seine in seinem Kunstfache errungene Meisterschaft aussprach.

Im Jahre 1841 kam V. nach München, dessen reiche Sammlungen von Kunstschätzen ihn mächtig anzogen. Nach vierjährigem Aufenthalte vermählte er sich dort mit der Frau Amalie, geb. Dahl, der Wittwe des im J. 1841 durch einen Sturz aus dem wagen verunglückten Civil-Bau-Ingenieurs, Joseph Pertsch (* Eine kurze Notiz über ihn s. im 19. Jahrg. d. Nekr. S. 1354.). Wiederholte Reisen, Theils mit seiner liebenswürdigen, artistisch gebildeten Gattin, Theils allein unternommen, füllten nun des Künstlers Mappen mit den kostbarsten Zeichnungen, welche seine Meisterhand in Venedig, Mailand, Florenz, Rom, Neapel, Palermo, wie auch in anderen Städten Ober- und Unteritaliens entworfen hatte. Sie sind das Treueste und Vollkommenste, was man in dieser Art sehen ann. Mit einer Kraft, welche die Zartheit nicht ausschließt, mit allem Zauber effektreicher Beleuchtung finden wir die monumentalen Schätze, die klassische Architektur jenes Landes darin ausgesprochen, wie sie chrakteristischer und bedeutsamer von keinem Künstler der Neuzeit aufgefaßt und wiedergegeben wurden.

So lebte in rastlosem Wirken V. , hochgeachtet und zugleich von allen die ihn kannten geliebt; denn er besaß eine so gemüthreiche Art der Begegnung, eine so lebensfrische gewinnende Persönlichkeit, daß sich ihm schnell alle Herzen befreundet fanden. Aber so schön und vielversprechend seinem häuslichen Glücke und seinem künstlerischen Ruhme die Zukunft lächelte, so unerwartet und in so wahrhaft tragischer Weise ward er seiner Laufbahn entrissen. Wir entnehmen das Nähere einem zu München erscheinenden öffentlichen Blatte (Neueste Nachrichte a. d. Gebiete der Politik. 1852. Nr. 140), wo es heißt: Die Annalen Münchens dürften kaum ein gleich tragisches, im Zusammenhalt aller Umstände fast wunderbares Ereigniß aufzuweisen haben, daß zwei noch vor Kurzem in vollster Blüthe des Lebens weilende Gatten an einem Tage, im Zwischenraum kaum etlicher Stunden, von hinnen schieden. Wenn bei dem trauervollen Gedanken an den zweifachen Verlust etwas tröstliches zu ersehen, so ist es die Überzeugung, daß beiden nun Verblichenen in ihrer nie getrübten Liebe und Treue für einander ein gleichzeitiges Scheiden willkommener erschien, als daß etwa Eines das Andere in Leiden des Körpers und der Seele noch eine kurze Zeit überleben sollte. Es war für V. und dessen Gattin auch die leiseste Hoffnung jemals eintretender Genesung verschwunden; für Letztere seit einiger Zeit, für Ersteren seit ein paar Tagen, indem er in Folge unausgesetzter Theilnahme und schmerzlicher Aufgeregtheit über die großen Leiden seiner Gattin unfern dem Krankenlager derselben von einem tödtlichen Schlagflusse berührt wurde.

Die beiden Trauerfälle an sich, die früheren düsteren Schicksale der Frau Vermeersch, der edle Charakter Beider, ihre treue Liebe und der große Verlust, welchen die Kunstwelt durch den Tod V.’s erlitt - sämmtlich Dieß beschäftigte von der Stunde des Bekanntwerdens an alle Kreise, und die unabsehbare Menge welche am Begräbnißtage den zwei Särgen folgte, bewies eine sichtlich ungeheuchelte, tiefe und innige Rührung. Eine ansehnliche Zahl Kunstgenossen des verlebten Meisters zog mit brennenden Fackeln vor den zwei bekränzten Särgen, welchen die ganze Schaar der Künstler nebst der großen Menge Personen aus allen Ständen ernst schweigsam in dichten Reihen folgte. Nach der Beerdigung boten die Mitglieder des Künstler-Sängervereins eine ergreifende Liebesspende als letzten irdischen Nachruf in das kühle Grab, darin unvergeßlich unser edler, liebenswürdiger V. an der Seite seiner Gattin ruht.

Neuer Nekrolog der Deutschen für das Jahr 1852. Weinmar, 1854.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.