Kein Grab ist stumm

 

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Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst (1870)

Nekrolog.

Friedrich Brugger †. Die deutsche Künstlerschaft hat durch das Ableben des Bildhauers Friedrich Brugger wieder ein schwerer Verlust getroffen. Brugger's Werke zeichnen sich durch Gediegenheit, edle Auffassung und fleißige, meisterhafte Ausführung, endlich durch den darin an den Tag gelegten großen Schönheitssinn auf das Vorteilhafteste aus. Die bekanntesten darunter sind: die in Ueberlebensgröße ausgeführte Figur eines Jägers mit einem Hasen, zu dem ein Hund emporschaut, Theseus mit den Waffen seines Vaters, Chiron, welcher den jungen Achilleus die Leier spielen lehrt, eine Penelope, das edel aufgefaßte Standbild Gluck’s auf dem Promenade-Platz in München, die Statue des kriegerischen Max Imanuel ebendaselbst, das Denkmal des Geschichtschreibers Jobannes von Müller mit den Figuren der Gerechtigkeit und Geschichte und der Büste des Gefeierten auf dem Friedhofe zu Cassel, ein Werk von edelster Einfachheit und Würde, Dädalus und Ikarus (kürzlich in der Zeitschrift abgebildet), ein Faun, der mit einem Panther scherzt u. s. w. Von seinen Büsten ist wohl die des Philosophen Franz von Baader die gelungenste.

Für Brugger war das antike Ideal in formeller Auffassung der absolute Maßstab für die plastische Kunst. Dadurch erklärt sich wohl eine gewisse Kühle, welche uns aus den meisten seiner Werke anweht. Er fühlte sich beengt, wenn ihm Aufträge gegeben wurden, welche einer andern Sphäre angehörten als der antiken Welt, und wenn Arbeiten dieser Art dem wackeren Künstler mit Recht wenig Ehre eintrugen, so trifft ein Theil der Schuld ohne Zweifel Jene, welche nicht begriffen, daß man einem Künstler, dessen ganzes Dichten und Trachten der untergegangenen klassischen Welt zugewendet ist, nicht zumuthen darf, seine Zeitgenossen in Sackpaletot und Pantalons plastisch zu gestalten.

Brugger war 1815 in München geboren, woselbst sein Vater Tischlermeister war, und erreichte sonach ein Alter von nur 55 Jahren. Er starb nach kurzem Leiden am 9. April unvermählt, von seinen zahlreichen Freunden tief betrauert.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst Nr. 15. Leipzig, den 20. Mai 1870.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.