Kein Grab ist stumm

 

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Universal-Lexikon der Tonkunst (1849)

Aiblinger, J. Kaspar, Königl. Bayerischer Capellmeister in München, von Geburt ein Bayer, insbesonderheit ein vortrefflicher und geschmackvoller Kirchenkomponist, der die bei unsern neueren Tonsetzern seltene Gabe besitzt, mit einer vollkommenen Reinheit und qewissen Freiheit des Satzes zugleich doch auch eine einfache Würde und nicht selten großartige Erhabenheit des Styls zu verbinden. Von seinen zahlreichen, freilich meistens ungedruckt gebliebenen, hierher gehörenden Werken, nennen wir nur sein zu Mailand erschienenes »Pastorale«; das Offertoire (Jubilate Deo) à 4 voix sans accompagnement, Mainz, bei Schott, und das eben daselbst erschienene Offertoire (Deus, noster Deus) p. 2 Sopr. 2 Alt., 2 Tenor. et 2 Bass.

Als Operncomponist scheint A. weniger Glück machen zu wollen, so erfahren er sich auch in der Behandlung der menschlichen Stimme durch fast alle seine Gesänge zeigt. Diese sind zart, überbieten und übertreiben nie, und zeugen von einem woblgebildeten ästhetischen Gefühle; dennoch aber konnte die Oper »Rodrigo und Ximene« keinen weiter verbreiteten Eingang in die Bühnenrepertoire finden. Uebrigens müssen wir gestehen, daß, so wert wir wissen, es auch gar nicht das Streben dieses Mannes ist, Aufsehen zu erregen; geziert mit dem seltenen Schmucke jener dem Künstler so wohlstehenden Bescheidenheit beschränkt er alle seine Kräfte fast nur allein auf seine nächsten Umgebungen, und suchte er auf den mehrfach unternommenen größern Reisen (auch nach Italien) nur sich zu bilden und auf sich selbst der Tonkunst segensreiches Wirken gerichtet seyn zu lassen. So hat er sich derselben aber schon als ächter Musensohn gezeigt, und im Stillen, im engen Kreise schon manches große Verdienst sich erworben.

Erkennend den verderblichen Einfluß des neuen Italianismus auf den edleren deutschen Geschmack bietet er in seiner jetzigen Stellung alle seine Kräfte auf, durch Aufführung guter und ächt deutscher Musikwerke dem weiter um sich greifenden Eindringen italienischer Produkte aufs nachdrücklichste zu wehren. Und mit Dank und Bewunderung müssen wir es anerkennen, daß er es vor einigen Jahren, in Gemeinschaft mit der verehrten Sängerin Nanette Waagen, geb. Schechner, sogar dahin brachte, daß Glucks Iphigenia von Neuem in die Scene gesetzt wurde. Um vollständiger seinen eigentlichen Zweck dabei zu erreichen, instrumentirte er selbst mehrere Parthien daraus ganz neu. Von welch' segensreichem Erfolge müßte es seyn, wenn noch mehrere andere deutsche Operndirectoren in dieser Hinsicht an A. sich anschlössen!

Von den Gesangscompositionen A.'s verdienen, außer den bereits genannten, wohl die meiste Aufmerksamkeit noch die großen Bravour-Arien, welche derselbe für die oben genannte Sängerin besonders componirte. Er machte 1833 auf Veranlassung seines Hofes eine neue Reise nach Italien und hielt sich diesmal auch lange bei seinem Freunde Simon Mayer in Bergamo auf.

Universal-Lexikon der Tonkunst. Stuttgart, 1849.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.