Kein Grab ist stumm

 

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Allgemeine Deutsche Biographie (1875)

Aiblinger: Johann Caspar A., Capellmeister und Componist. geb. zu Wasserburg in Baiern 23. Febr. 1779, † 6. Mai 1867. Als elfjähriger Knabe kam er nach Tegernsee zu den Benedictinern auf die lateinische Schule, wo auch seine schon früher zu Tage getretenen musikalischen Anlagen Pflege und Nahrung fanden. Eigentliche musikalische Ausbildung erhielt er aber erst auf dem darauf bezogenen Gymnasium zu München, durch den Professor Jos. Schlett, damaligen Organisten an der St. Michaelshofkirche, welcher die Zöglinge des Seminars in Generalbaß und Composition zu unterrichten hatte. Es war nämlich dies Seminar 1473 von Herzog Albert V. blos für Studirende, welche zu Musikern erzogen werden sollten, gestiftet worden.

1800 ging A. auf die Universität Landshut um Theologie zu studiren und dann als Ordenspriester in die Abtei Polling einzutreten. Die 1803 erfolgte Säcularisation der Klöster veranlaßte ihn jedoch, ganz zur Musik überzugehen. Er zog nach Italien, lebte 8 Jahre zu Vicenza und siedelte 1811 nach Venedig über, wo er 1817 in Verbindung mit dem Abbate Gregorio Trentino den Verein »Odeon« gründete. Derselbe sollte für Musikliebhaber einen Vereinigungspunkt bilden, um durch Ausführung der classischen Werke eines Marcello, Leo, Pergolese, Jomelli, Valotti, Gluck, Mozart und anderer großen Meister ihre Ideen über die Kunst zu bereichern, ihren Geschmack zu bilden und ihre Technik zu fördern (s. Leipziger allgem. Musikzeitung XIX. 865). Doch hielt das verdienstliche Unternehmen nicht lange Stand gegen den verwahrlosten Geschmack der Italiener. Im Carneval 1819 wurde A. vom Balletmeister Vigano nach Mailand berufen, um die Musik zu fünf neuen Balleten zu componiren; doch setzte er nur die Musik zum ersten, »Bianca«, und zum zweiten Acte von »I Titani«, löste dann seinen Contract mit Vigano und kehrte alsbald wieder nach Deutschland und in seine Vaterstadt zurück.

Als hier Königin Karoline den Entschluß gefaßt hatte, eine italienische Oper an ihrem Hofe zu gründen, wurde 1819 A. mit dem Balletmeister Friedrich Horschelt nach Italien geschickt, um namentlich Sängerinnen dafür zu gewinnen; in der That bewog er die meisten der damals bewunderten italienischen Sängerinnen zum Auftreten in München, deren Einfluß dort auch z. B. in der Schechner fortwirkte. A. wurde nun Maestro bei dieser neuen italienischen Oper; allein er gerieth bald in Zwistigkeiten mit dem Sängerpersonale, welche ihm seine Stellung vollständig verleideten. Der König ernannte ihn deshalb 1825 zum Vicecapellmeister und 9. Nov. 1826 zum wirklichen Capellmeister seiner deutschen Hofmusik.

Seit 1816 hatte der damalige Organist an der St. Michaelshofkirche Casp. Ett in Verbindung mit seinem Freunde dem Hofcapellmeister Schmid die classische Musik des 16. Jahrhunderts in seiner Kirche dem erstaunten Publikum wieder vorzuführen angefangen; Publikum und Hof nahmen an dieser Erscheinung gleich freudigen Antheil, namentlich auch der Kronprinz, später König Max II. Dieser wollte seinen ehemaligen Musiklehrer und Ett nach Italien senden, um von den Schätzen jener längstvergangenen Zeit so viel als möglich wieder aufzusuchen. Ett aber, der von seinen musikalischen Lectionen nur spärlich lebte, konnte sich von seinen Schülern nicht trennen, und schlug deshalb dem Kronprinzen A. vor, der in Italien ausgebreitete Bekanntschaft besaß. A. ging also 1833 wieder nach Italien und brachte von da manches Interessante zurück, das in der Münchener Staatsbibliothek bewahrt wird.

A. hatte die Direction der eigentlichen Hofcapelle übernommen, während Kapellmeister Stunz und Direktor Moralt die Oper im Hoftheater zu dirigiren hatten. Da in der neuen von Klenze 1826 erbauten Allerheiligen-Hofkirche Instrumentalmusik nicht wirkte, wurden nun dort klassische Vocalwerke eingebürgert, um deren vollendete Aufführung sich A. die größten Verdienste erwarb, und denen er auch seine ganze Thätigkeit widmete, bis die Kräfte des nahezu 80jährigen Mannes wichen.

Als Komponist hat sich A. in Italien herangebildet. Als er nach München zurückkehrte, wurde ihm der Antrag gemacht, eine Oper zu componiren. Er wählte einen heroisch romantischen Text »Roderigo e Chimene«. Die Oper erlebte aber nur eine Aufführung. Nach einem gleichzeitigen Berichte in der Allgemeinen musik. Zeitung (von seinem Lehrer Prof. Schlett verfaßt) hatten nur die Chöre Werth, im übrigen war die Oper bei großer Länge arm an Melodie und eigenen Gedanken, voll von auffälligen Reminiscenzen an Mozart etc., in der Harmonie und Instrumentirung stark überladen u. s. f. Obwol A. die menschliche Stimme trefflich zu behandeln verstand und mehrere Bravour-Arien, z. B. für die Schechner und für Pellegrini setzte, die sehr gefielen, fehlte es ihm doch an tieferer Erfindung und dramatischem Talent.

Nach diesem unglücklichen Erfolg entsagte er jeder weiteren dramatischen Composition und widmete seine ganze Kraft von nun an der Kirchenmusik. Wenn auch seine Stärke im eigentlichen strengen Stile nicht lag, so war er doch Meister in dem freieren Stile seiner Zeit, besaß Formgewandtheit und tiefes religiöses Gefühl, so daß seine Kirchencompositionen mit ihren sangbaren und leicht faßlichen Melodien sehr beliebt wurden. Seine Werke tragen ganz seinen eigenen Charakter: obwol beim Dirigiren oft sehr aufbrausend, war A. doch im Leben höchst bescheiden, einfach, weich, mehr zurückhaltend, als sich hervordrängend. Er vertritt deshalb in der Kirchenmusik ungefähr die Stelle, die Weigl im Gebiete der Oper einnimmt.

Seine Kirchencompositionen leben in der katholischen Kirche, vorzüglich in Süddeutschland, noch immer fort, und werden sich ohne Zweifel noch lange erhalten. Sie bestehen in einer Anzahl Messen (darunter auch solche für kleine Stadt- und Landchöre), einige Todtenmessen, zahlreiche Gradualien und Offertorien, Litaneien, Psalmen, ein Ave Regina und andere Stücke, meist mit Orgel oder Orchester und Orgel begleitet. Gedruckt sind davon mehrere in München bei Falter; in Augsburg bei Böhm und bei Kollmann; in Paris bei B. Schott's Söhnen. Auch ein Pastorale für Orgel ist bei Riccordi in Mailand herausgekommen. Schafhaeutl.

Schafhaeutl: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1875.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.