Kein Grab ist stumm

 

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Münchener Künstlerbilder (1871)

Christian Morgenstern,
Landschaftsmaler.

Der Landschaftsmaler Christian Ernst Leonhard Morgenstern ward am 29. September 1805 zu Hamburg geboren. Sein Vater war der Miniaturmaler Johann Heinrich Morgenstern, welcher, nachdem er lange körperlich gelitten, während der Druck der französischen Gewaltherrschaft auf seiner Vaterstadt lastete, im Jahre 1813 dortselbst mit Tod abging. Die Lage der Wittwe, welche zwei Knaben und drei Mädchen zu ernähren hatte, war nichts weniger als günstig. Als Davoust alle Familien aus der Stadt trieb, welche sich nicht über den Besitz von Proviant für ein halbes Jahr auszuweisen vermochten, gelang es ihr durch die Beihilfe von Verwandten, die gestellte Bedingung zu erfüllen. Unter solchen Verhältnissen mußte die bedrängte Mutter es als ein Glück betrachten, daß der damals in Hamburg hervorragende Maler Christoph Suhr sich des neunjährigen Knaben annahm. Christoph Suhr war auf dessen unwiderstehliche Neigung zum Zeichnen aufmerksam gemacht worden, und da er mit seinen Brüdern, Cornelius und Peter, neben Ausübung seiner Kunst in geschäftlicher Verbindung stand, gab es für den kleinen Christian gar mancherlei Beschäftigungen, die seinem künftigen Berufe bald näher bald entfernter standen. Die Brüder Suhr besaßen nemlich eine bedeutende Spielkarten-Fabrik und Kupferdruckerei, zu der später noch eine lithografische Anstalt kam. Der anstellige Knabe ward abwechselnd hier und dort angewendet und erwarb sich dadurch eine Menge praktischer Kenntnisse; seine geistige Ausbildung aber hielt mit der technischen keineswegs Schritt, da sie den industriellen Brüdern keinen finanziellen Vortheil bringen konnte, sohin lediglich als Nebensache betrieben wurde. So ward ihm nur dann gestattet die Schule zu besuchen, wenn die Arbeiten in der Fabrik es gestatteten. Die Gebrüder Suhr hatten auch ein optisches Panorama gefertigt und ließen dasselbe während der Winterabende dem Hamburger Publicum in ihrem eigenen Hause vorzeigen, eine Beschäftigung, welche häufig Morgenstem übertragen wurde.

Unter solchen Verhältnissen gab es der Mußestunden natürlich gar wenige. Morgenstern verbrachte sie regelmäßig, um seinem innern Drange zu genügen, hinter dem Zeichnungstische. Er sollte indeß bald eine Gelegenheit finden, die Kenntnisse, die er sich im Zeichnen erworben, auch zu einem praktischen Zwecke zu verwenden. Im Jahre 1818 entschloß sich nemlich Cornelius Suhr, mit seinem Panorama, das nachgerade für die Hamburger den Reiz der Neuheit zu verlieren begann, eine Reise zu unternehmen und es zugleich zu zeigen und durch Aufnahme neuer Objecte zu bereichern. In Aachen tagte damals der Congreß, Suhr fand dort, bei dem Zusammenflusse vieler Fremden, was er gesucht, seinen Vortheil. Morgenstern, bei dem Geschäfte vielseitig verwendet, hatte dabei Gelegenheit, alle Notabilitäten jener Zeit zu sehen, welche Suhr's Panorama besuchten. Im Herbste kehrte er mit diesem nach Hamburg zurück und in dem darauf folgenden Winter begann nun für ihn ein wahres Wanderleben. Vorerst ging es nach Kopenhagen, im nächsten Jahre nach Berlin und in den Jahren 1820 und 1821 durchzog er Rußland, wobei in Moskau, Riga, Reval und Mitau ein längerer Aufenthalt genommen wurde. Morgenstern fand auf diesen Reisen wohl mannigfachen Gewinn an Erfahrungen und Belehrungen, andrerseits aber war seine Stellung bei Suhr in der Fremde noch weit drückender als daheim im Vaterlande. Alles Mißliche seiner Lage - mußte er doch als Wächter der Suhr'schen Habseligkeiten nach Zigeunerart die meisten Nächte im Wagen zubringen, der jene enthielt - konnte ihm jedoch die Lust an der Kunst nicht nehmen. Da er nur über wenige Freistunden gebieten konnte, so erleichterte er sich die Arbeit durch eine selbst gefertigte Camera obscura, mittelst deren er viele Städteansichten anfertigte und so gut es eben gehen wollte in Wasserfarben ausführte, um sie als Erinnerungsblätter aufzubewahren. Leider konnten sie diesen Zweck nicht erfüllen, da ihn die Verhältnisse dazu drängten, sie alle um eine unbedeutende Summe zu veräußern.

Die Aufstellung der Camera auf offener Straße zog natürlich den süßen Pöbel in Masse herbei und überdies fand es die hohe Polizei nicht zulässig, daß ein Fremder dies und jenes Schloß oder sonstige öffentliche Gebäude abzeichnete; es wäre sonach gar bald um Morgenstern's Arbeiten geschehen gewesen, hätte ihm nicht ein glücklicher Zufall die Bekanntschaft des General Miloradowitsch, damaligen Stadtkommandanten von Petersburg, verschafft, der ihm ein Dokument behändigte, aller Orten nach der Natur zu zeichnen. Der Zauber zeigte sich auch bald: wo er seine dunkle Kammer aufstellte, trat ihm die Polizei nicht blos nicht mehr entgegen, sondern hilfreich zur Seite, und hielt ihm die Neugierigen, die sich um ihn zu drängen pflegten, nach Bedarf selbst mittelst Stockschlägen vom Leibe. Ein andermal dagegen, es war in Narwa, trug er aus Versehen sein polizeiliches Amulet nicht bei sich, als er von der Brücke aus das alte in Ruinen liegende Schloß zeichnete. Wegen dieses Attentats gegen den russischen Staat wurde er sofort vor den Höchstcommandirenden der Stadt gebracht, der eben mit seiner Gattin beim Frühstück saß. Nur auf Fürbitte der Letzteren, einer Deutschen von Geburt, wurde er straffrei entlassen, mußte jedoch seine kaum begonnene Skizze in der Hand der Polizei zurückzulassen.

Während dieser großen und an sich schon beschwerlichen Reisen hatte Morgenstern durch Cornelius Suhr's Behandlung zu leiden, so daß er, nach Hamburg zurückgekehrt, Alles aufbot, um es durchzusetzen, daß er fortan nicht mehr mit ihm auf Reisen zu gehen brauchte, sondern bei Professor Suhr beschäftigt ward. Freilich war auch diese Beschäftigung der Art, daß dabei an ein gründliches Kunststudium gar nicht zu denken war. Sie bestand hauptsächlich im Coloriren, Lithografiren, Schneiden in Holz, z. B. von Spielkarten. Dabei ward auch im Uebrigen Morgenstern's Lage nichts weniger als besser. Er konnte es nicht länger mehr ertragen. Ein längerer Versuch, Professor Christoph Suhr dazu zu bewegen, daß er ihm neben seinen Arbeiten für ihn auch in der Kunst sich auszubilden Gelegenheit gebe, scheiterte an dessen hartem Sinne. Morgenstern war inzwischen an den damaligen ersten Künstler Hamburgs, den Maler, Kupferstecher und Lithografen Siegfried Bendixen, empfohlen worden. Derselbe zeigte lebhafte Theilnahme für ihn und sein Talent und sicherte ihm die unentgeltliche Aufnahme in seine Kunstschule, sowie freie Verpflegung zu, während Morgenstern's Vetter Rüdiger ihm sein Haus zur Wohnung anbot.

Eines Tages (im Jahre 1824) ließ er nur einen die nöthige Aufklärung enthaltenden Brief zurück und verließ dessen Haus, um es nie mehr zu betreten. Von diesem Zeitpunkte an datirt nunmehr Morgenstern's Künstlerleben. Drei Jahre hindurch genoß er Bendixen's gründlichen Unterricht und erfreute sich dessen wahrhaft väterlicher Freundschaft. Bendixen's Schule konnte wohl eine treffliche genannt werden, da er einerseits eine ausgezeichnete Sammlung von Werken guter alter Meister den Schülern als Muster vorhielt, sie auf deren Vorzüge aufmerksam machte und zum Copiren derselben veranlaßte, andrerseits aber auf das strengste Naturstudium drang. Durch Bendixen machte Morgenstern auch die Bekanntschaft mehrer hochgebildeten Familien, wie denn besonders sein Umgang mit Erwin und Otto Speckter nicht wenig zu seiner geistigen Ausbildung beitrug. Ebendort wurde er auch mit Felix von Rumohr bekannt, der ihn öfters auf sein Gut in Holstein zu Gaste lud und ihm seinen reichen Schatz von Kunstkenntnissen und Erfahrungen aufschloß.

Im Winter des Jahres 1827 hatte Morgenstern seine erste selbständige Arbeit, eine Waldpartie mit Sumpfwasser, ausgeführt. Sie ward von Bendixen dem Comité des Averhoff'schen Stipendiums mit der Bitte vorgelegt, dem jüngern Künstler ein Stipendium zu einer Reise nach Norwegen zu verleihen. Als diese Bitte erfüllt worden war, ging Morgenstern zu Ende Mai zunächst nach Kopenhagen und von da nach Norwegen hinüber, durchstreifte dieses höchst malerische Land während des Sommers zu Fuß, das Ränzchen auf dem Rücken, und sammelte eine erkleckliche Anzahl von Studien. Den nächsten Winter verlebte er in Kopenhagen, besuchte die dortige Akademie und machte im freundschaftlichen Umgänge mit mehreren ältern und jüngern Künstlern tüchtige Fortschritte. Besonders waren es die Professoren Lund und Möller, die sich des jungen Mannes freundlich annahmen, dazu der Statsrath Thomsen. Lund besaß in Friedrichsthal einen reizenden Landsitz, dessen herrliche Buchenwälder Morgenstern Stoff vieler Studien gaben. Um dieselbe Zeit besuchte er das Vorgebirge Kulln in Schweden zum gleichen Zwecke. Auch im Hause des Statsrathes Brun, dem Versammlungsorte vieler Gelehrter und Künstler, ward er eingeführt und erfreute sich der Theilnahme der Frau vom Hause, der Dichterin Friederike Brun, in hohem Grade.

Morgenstern blieb bis zum Herbst 1828 in Kopenhagen und führte während dieser Zeit etwa 10 größere und kleinere Bilder aus, von denen eines vom Prinzen Christian von Dänemark bestellt war. Darunter befanden sich vier Prospecte aus der Nähe von Christiania, wie die Kobaltwerke Fosum auf Modum, der Wasserfall von Houg-Foß. Letzteren malte er später noch zweimal, das einemal für den Fürsten von Turn und Taxis in Regensburg.

Auf den Rath des Professors Lund, durch den Aufenthalt in anderen größeren Städten seinen künstlerischen Gesichtskreis zu erweitern, begab sich Morgenstern mit seinem eben vollendeten Bilde »Ein felsiger Saumweg in Norwegen« nach Hamburg zurück. Seine Arbeit sicherte ihm in den maßgebenden Kreisen eine ehrenvolle Aufnahme. Der Herbst zog ihn mit seinem Freunde Petzold nach dem Harz, und, wieder in seine Vaterstadt heimgekehrt, beschloß er nun, im lieben Kreise der Seinen dauernden Aufenthalt zu nehmen. Aber sein von ihm hochverehrter Lehrer Bendixen, dem Morgenstern's weitere Künstlerlaufbahn so warm am Herzen lag, als ob es das Schicksal eines geliebten Sohnes gegolten hätte, überredete ihn bald, daß er noch im November des Jahres 1829 seine Mutter und Geschwister, wenn auch schweren Herzens, nochmals verließ, um nach München überzusiedeln, wo König Ludwig der Kunst eine neue Heimat geschaffen hatte. Er fand bereits tüchtige Kräfte vor und fühlte gerade darin einen Sporn zu regsamster Thätigkeit.

Die Münchener Landschaftsmaler holten damals ihre Stoffe fast ausschließlich aus dem benachbarten Hochgebirge. Morgenstern lehnte sich in seiner Auffassungsweise an die Niederländer, und seine weithin gestreckten Ebenen und Seeküsten, insbesondere aber seine großen, von bedeutenden Wolkenmassen reich bewegten Lüfte hatten, abgesehen von dem bereits hohen künstlerischen Werthe, der ihnen innewohnte, den Reiz der Neuheit. Einige Bilder mit Motiven aus der Lüneburger Haide und aus der nächsten flachen Umgebung von München, fanden das verdiente Lob und bereitwillige Anerkennung. Morgenstern war der Erste, der, obwohl ein Fremder, die Hochebene, auf der München liegt und die von niemand mehr als von den Einheimischen gelästert ward, durch echt künstlerische Auffassung zu Ehren brachte, ein Umstand, der, so einfach er an sich erscheint, gleichwohl in der Geschichte der Münchener Landschaftsmalerei von sehr eingreifender Bedeutung ist.

Andrerseits konnte sich der Künstler aber auch seinerseits dem Einflüsse nicht entziehen, den der Anblick der Hochalpen auf jeden Besucher, um so lebhafter auf den Künstler zu äußern pflegt. Von mehrfachen Wanderungen durch das Bayerische und Tyroler-Gebirge brachte er zahlreiche Studien heim, und es drängte ihn, dieselben in Bildern zu verwerthen. Und so malte er wieder wilde Schluchten und Wasserfälle, wie früher aus Norwegen so nun aus den süddeutschen Alpen. Das bedeutendste seiner Werke aus jener Zeit war eine frei componirte großartige Schlucht, von Tannen begränzt und von einem brausenden Bache durchtobt. Es hat eine Breite von 7 und eine Höhe von 6 Fuß und kam in den Besitz des Herzogs von Cambridge nach Hannover, von da später nach England. Morgenstern hatte den Carton hierzu in derselben Größe auf das gewissenhafteste ausgeführt und zuletzt mit Oelfarbe skizzirt. Derselbe ist Eigenthum des trefflichen Landschafters Daniel Fohr, Morgenstern's langjährigen Freundes.

In diese Zeit fällt auch seine Bekanntschaft mit Carl Rottmann, die sich bald zu inniger Freundschaft gestaltete und in künstlerischer Beziehung für ihn von großer Bedeutung wurde.

Im Jahre 1836 ging Morgenstern in Folge einer Einladung des General-Lieutenants von Weber, dessen Nichte, Fräulein Th. von Weber, er in der Malerei unterrichtete, nach dem Elsaß, woselbst jener in Rothenberg bei Rappolsweiler ein Gut besaß. Dort trat er auch mit der Familie Stubberg in engere Beziehungen, welche zur Folge hatten, daß Morgenstern noch dreimal in jenes gesegnete Land zurückkehrte, nicht ohne durch tüchtige und zahlreiche Studien für seine Kunst großen Gewinn zu ziehen. Einige jener Studien verarbeitete der Künstler auch alsbald zu werthvollen Gemälden, darunter eine bedeutende, »Felsige Haide bei St. Hypolit am Fuße der Vogesen,« welche nach Amerika verkauft wurde, und ein andres verwandtes Motiv, das sich zur Zeit in einer englischen Privatsammlung befindet, zwei Arbeiten, welche zu den besten Leistungen Morgenstern's aus jener Zeit gerechnet werden. Er fand unter den Engländern lebhaften Beifall. So waren es Briten, welche drei seiner Bilder rasch hinter einander erwarben: eine »Fischerhütte an einem stillen Wasser unter mächtigen Bäumen«, einen »Mondaufgang an der Elbe bei Hamburg« und einen »Waldausgang an der Lüneburger-Haide.«

Das letztbezeichnete Motiv radirte Morgenstern auch in Kupfer, wie er sich denn in diesem Kunstzweig schon bei Bendixen mit bestem Erfolge versucht hatte; von den 10 von seiner Hand herrührenden radirten Blättern stammen nicht weniger als sieben aus der Zeit seines Aufenthaltes bei Bendixen.

Im Jahre 1839 machte Morgenstern vom Elsaß aus einen Ausflug den Rhein entlang nach Köln und verweilte eine Woche lang in Düsseldorf, um sich darauf nach Hamburg zu wenden, woselbst er den Winter zubrachte. Er stand mit der von Hermann'schen Kunsthandlung in München in geschäftlicher Verbindung und vollendete auch während jener Zeit mehrere Bilder für dieselbe.

Im Frühlinge des Jahres 1840 nach München, wo er eine zweite Heimat gefunden, zurückgekehrt, traf er wieder mit dem russischen Obersten von Barischnikoff zusammen, der mit ihm und C. Rottmann in lebhaftem Verkehre stand und namentlich auch mehrere Bilder Morgenstern's erwarb, unter denen der »Zehmgrund in Tyrol« das hervorragendste ist.

Welche ehrenvolle Stellung der Künstler bereits in jener Zeit in der Künstlerwelt einnahm, dafür spricht der Umstand zur Genüge, daß ihn die Akademie der bildenden Künste zu München im Jahre 1842 zu ihrem Ehrenmitgliede ernannte. Seine Freude über diese Auszeichnung wurde leider durch ein öfter wiederkehrendes Unwohlsein getrübt, das nicht ohne Einfluß auf sein sonst heiteres Temperament blieb, seine Stimmung herabdrückte und seine künstlerische Thätigkeit nicht selten unterbrach. Nachdem verschiedene, als tüchtig bekannte Aerzte ihre Kunst an ihm versucht, war es endlich seine kräftige Natur, die den Sieg davon trug. In's selbe Jahr fällt eine mit seinem Freunde, dem berühmten Landschafter Eduard Schleich, unternommene Reise nach Oberitalien.

Seit Fohr, mit dem er so lange Jahre zusammengelebt, nach Carlsruhe übergesiedelt war, dachte Morgenstern lebhafter daran, sich einen eignen Heerd zu gründen. Fräulein Louise v. Lüneschloß, die Tochter eines königl. Hauptmanns, in Mannheim geboren, hatte schon früher einen dauernden Eindruck auf ihn gemacht; nun, 1843, bot er ihr Herz und Hand und wurde mit ihr am 31. December des darauf folgenden Jahres getraut. Im engsten Zusammenleben mit der Familie des Miniaturmalers Carl Restallino, in welcher seine Gattin erzogen worden war, fand Morgenstern an der Seite derselben das höchste häusliche Glück, das durch die am l4. September 1847 erfolgte Geburt eines Sohnes, der nach seinem Pathen Restallino Carl getauft ward und der jetzt selber als tüchtiger Landschaftsmaler bekannt ist, noch erhöht wurde.

In der vollen Ruhe seines Gemüthes konnte er sich nun wieder mit ganzem Herzen der Kunst widmen. Wenn er auch den Sommer über im Kreise der Seinen in der Umgebung Münchens, wie in Murnau, Starnberg und Brannenburg lebend, die schönsten Motive zu Bildern fand, so zog ihn doch stets sein Sinn wieder nach der fernen Heimat. Dieser Sehnsucht verdanken seine reizenden Mondnächte auf den ausgedehnten Ebenen Norddeutschlands, am Elbestrand und der Seeküste ihren Ursprung. Sie sind in einer Menge von Privatsammlungen zerstreut, eine ganz vorzügliche Arbeit dieser Art besitzt auch das Städel'sche Institut zu Frankfurt.

Ein Künstler, der mit solcher Pietät an der Kunst hängt wie Morgenstern, giebt sich seinen Arbeiten auch mit ganzer Seele hin. So kam es, daß er im Jahre 1847 von einem schweren Nervenleiden befallen wurde, das ihn der Kunst fast ganz entzog. Endlich, aber nur zögernd, wich das Uebel. Als er sich wieder in Etwas gekräftigt fühlte, vermochte er dem Verlangen, seine alte Mutter wieder zu sehen, nicht zu widerstehen und trat im Juli 1850 eine Reise nach Hamburg an, die er auf ärztliches Anrathen nach der Insel Helgoland ausdehnte, um dort fünf Wochen lang seiner Gesundheit und seiner Kunst zu leben. Er fühlte sich dort so recht in seinem Elemente: die öde Düne mit den lang darüber hinrollenden Wogen, die malerisch zerklüftete Westküste der Insel selber fesselten und begeisterten ihn. Dies Alles und ein während drei Tagen anhaltender Sturm, der mehrere Schiffe in der Nähe Helgolands scheitern machte, gaben treffliche Stoffe zu Bildern. Nach München zurückgekehrt, machte er sich, obwohl noch immer leidend, an eine »Sturmnacht mit Mondaufgang«, die in den Besitz eines Mr. Graham aus England kam und wiederholt wurde. Seinem Aufenthalt auf Helgoland verdanken eine Reihe größerer und kleinerer Bilder ihre Entstehung: darunter eine »Brandung mit dem Leuchtthurm bei Mondlicht«, »Die Höhle Mörmersgatt bei Mondaufgang«.

Im Jahre 1853 wählte Morgenstern mit seiner Familie den schön gelegenen Markt Dachau, 4 Stunden von München, zum Sommeraufenthalte und sammelte in diesem und den nächsten fünf Sommern daselbst eine Menge der werthvollsten Studien, wozu die großartigen Fernsichten über die ungeheure, von den Alpen begrenzte Ebene, die malerisch gelegenen alten Dörfer reichliches Material darboten. Ihm folgten bald mehrere Künstler, und so war Morgenstern's Wanderung nach jener Richtung nicht ohne wesentlichen Einfluß auf die Münchener Landschaftsmalerei selber, die sich nun auf der Fläche ebenso behaglich findet, wie früher auf den Bergen.

Morgenstern war eine echte Künstlernatur, reich begabt und im Besitze eines wahren Schatzes von künstlerischen Erfahrungen. Leicht empfänglich für alles Schöne, weiß er es in Linien und Farbe festzuhalten und den Beschauer sicher in jene Stimmung zu versetzen, welche er beabsichtigte. Seine Arbeiten sind immer wahr und ursprünglich, sie sprechen deshalb auch immer frisch und kräftig an. Am gelungensten erscheinen immer jene, welche als ein Ganzes in seiner Seele auftauchten und an's Licht sprangen, ohne im Großen nachträglich modificirt zu werden. Seine Studien nach der Natur, deren er eine ungewöhnliche Anzahl besaß und welche nach seinem am 27. Februar 1867 erfolgten Tode theilweise in fotografischer Nachbildung erschienen, geben den besten Beweis für die Unmittelbarkeit seiner Auffassung. Die meisten derselben können mit geringen, viele ohne alle Modifikationen zu einem künstlerisch vollendeten Ganzen gestaltet werden. Die meisten Freunde aber haben ihm wohl seine von tiefster Poesie durchhauchten, das Gemüth wunderbar ansprechenden Mondnächte erworben, wie denn überhaupt seine Hauptstärke in der Darstellung mehr oder minder reich bewegter Lüfte liegt, deren Reich er mit der größten Umsicht beherrschte.

Es giebt kaum eine bedeutendere Sammlung, welche nicht ein Werk Morgenstern's aufzuweisen hätte, wie denn Morgenstern bei aller Sorgfalt der Durchbildung eine außerordentliche Produktivität entwickelte. Die Galerie Schack wie die Neue Pinakothek in München besitzen sehr bedeutende Arbeiten des Künstlers, den König Maximilian II. im Jahre 1861 zum Ritter des Verdienstordens vom heiligen Michael machte und die Akademie von München zu ihrem Mitgliede.

Carl Albert Regnet: Münchener Künstlerbilder. Zweiter Band. Leipzig, 1871.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.