Kein Grab ist stumm

 

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Deutscher Bühnen-Almanach (1888)

Louise Söltl, eines der dienstältesten Mitglieder des Hoftheaters zu München, starb am 10. September daselbst im 66. Lebensjahre. Die hochgebildete, mit reichen Geistesgaben ausgestattete Dame war in München geboren und kam frühzeitig zur Bühne. Louise Söltl begann ihre Laufbahn in der Tanzschule und trat sehr bald in Raimund’schen Stücken in Rollen der Genien und Kinder auf. Bei all’ dem erwarb sie sich ungewöhnlich reiche Kenntnisse in Sprachen, sie übersetzte aus dem Lateinischen und Griechischen, war außer der französischen, italienischen und englischen Sprache der spanischen, russischen und polnischen mächtig und besaß eine umfassende literarische Bildung. Auch musikalisch war sie hochgebildet, sie war eine Schülerin Kaspar Ett’s; anfänglich für die Oper bestimmt, wurde sie Schülerin der damals gefeierten Sängerin Fr. Hasselt-Barth. Bei ihrer großen Bescheidenheit war sie sechszig Jahre ununterbrochen, ohne je einen Urlaub zu genießen, an der Münchener Hofbühne thätig, und mußte sich auch während ihres ganzen Lebens mit einer äußerst bescheidenen Gage begnügen, wie sie jetzt Anfängern nicht zugemuthet werden darf. Während alle ihre älteren Collegen und Colleginnen bedeutsame Abschnitte ihres Wirkens durch fünfundzwanzig- oder mehrjährige Jubiläen feierten, endete Louisi Söltl nach einer sechszigjährigen Thätigkeit - sie trat im März 1828 zum ersten Male auf - in aller Stille und Zurückgezogenheit.

Deutscher Bühnen-Almanach. Berlin, 1888.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.