Kein Grab ist stumm

 

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Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903)

Lang Ferdinand, geboren am 28. Mai 1810 in München, stammte aus echtem Künstlerblute und schon unter den Vorfahren seiner Eltern finden sich Namen, die am Theaterhimmel des XVIII Jahrhunderts als Sterne leuchteten. Sein Vater Theobald Lang wirkte als erster Geiger in der Hofkapelle in München, seine Mutter Regina, geborene Hitzelberger war eine hervorragende Kraft der Münchener Hofbühne. Beide wollten, daß der Sohn sich auf dem Gebiete der Instrumentalmusik gut ausbilde und ließen ihm daher eine tüchtig fachmännische Schulung angedeihen. Allein Ferdinand hatte nur einen Wunsch, Schauspieler zu werden. Es dauerte lange Zeit, bis der Vater einwilligte, allein, nachdem der Hofschauspieler Wilhelm Urban das Talent des jungen Mannes geprüft und dasselbe anerkannt hatte, und auch die Mutter als Vermittlerin auftrat, willigte der Vater schließlich ein, und nach sechs bis siebenmonatlichen Studien konnte der junge Mann am 7. Juni 1827 in der Rolle des »Ägisth« in »Merope« von Voltaire am Hoftheater in München seinen ersten Bühnenversuch wagen. Er gefiel und wurde als jugendlicher Liebhaber engagiert.

L. blieb dem Kunstinstitute seiner Vaterstadt seit dieser Zeit bis zu seinem Ableben getreu. Viele Jahre wurde er ausschließlich in jugendlichen und Liebhaberrollen aller Art beschäftigt (er erschien unter anderem am 12. April 1830 bei der Erstaufführung des »Faust« in München in der Rolle des »Schüler«, die er auch 1854 bei den Mustervorstellungen in München spielte) und zählte, da er in den mannigfachsten Partien, im klassischen, wie im modernen Repertoir, in Trauer-, Schau- und Lustspielen etc. verwendet wurde, zu den meistbeschäftigten Münchener Schauspielern.

Niemand dachte, er selbst um wenigsten, daß komisches Talent in ihm schlummere, und daß er auf diesem Gebiete dereinst die größten Triumphe feiern werde. Da entschied ein Zwischenfall, dessen Veranlassung allerdings für L. hätte höchst tragisch werden können, über seine künstlerische Zukunft. Er wurde nämlich am 25. November 1831 nach der Vorstellung des Lustspiels »Demoiselle Bock«, in welchem Stücke er einen jüdischen Bankier mit ausgesprochenem Jargon darzustellen hatte, im Flur seiner Wohnung meuchlerisch überfallen und durch einen Stich in den Unterleib auf den Tod verwundet. Man erklärte sich den Überfall als Racheakt, den der Täter vermutlich infolge verletzender Anspielungen, die L. in seiner Rolle auf der Bühne vorbringen mußte, ausübte. Er schwebte längere Zeit in Lebensgefahr und verstrichen verschiedene Wochen bis zur Wiederherstellung.

Auf seiner Erholungsreise, die er nach Wien unternahm, war es sein Onkel, der bekannte Direktor Carl (Gatte von L.’s Tante, Margarete), welcher das hervorragend komische Talent in seinem Neffen erkannte, ihn darauf aufmerksam machte und darauf drang, daß er sich fortab in Komikerrollen, die sein eigentliches Feld wären, versuche. Dazu kam, daß L. Raimund, den er wohl schon einmal in München gelegentlich eines Gastspieles gesehen hatte, genau kennen zu lernen Gelegenheit fand, ihn in allen seinen Glanzleistungen sah, und von den Meisterschöpfungen des Gefeierten, so hingerissen wurde, daß Raimund sein Ideal wurde, dem mit allen seinen Kräften nachzustreben, sein heißester Wunsch blieb.

Trotz dieses Entschlusses, sich nunmehr als Komiker zu zeigen, gastierte er doch während seines damaligen Aufenthaltes in Wien im März 1832 als »Heinrich« (»Graf von Burgund«), »Philipp« (»Johanna von Montfaucon«) und »Anton« (»Die Verwandtschaften«) am Hofburgtheater und wußte den Beifall, den er daselbst errang, wohl hoch genug anzuschlagen. Nach München zurückgekehrt, setzte er alle Hebel in Bewegung, im komischen Fach eingeführt zu werden. Allein das ging nicht so rasch. Er mußte nach der Rückkehr von seiner Erholungsreise am 5. Mai 1832 zuvor wieder in einer Liebhaberrolle als »Paul« in »Standrecht« die Bühne betreten, und dauerte es nahezu zwei Jahre, bis er sein Vorhaben durchsetzte.

Er schlug auch die Übernahme des Rollenfaches seines 1833 verstorbenen Lehrers Urban ab, hatte noch manche andere Kämpfe zu bestehen, doch rastete und ruhte er nicht, bis ihm endlich am Faschingsdienstag 1834 die Rolle des »Staberl« anvertraut wurde, deren glänzende Durchführung den Beweis lieferte, daß er in der Tat den Beruf zum Komiker besitze, und daß er erst jetzt in dem seinem Talente angemessenen Fahrwasser sich befinde. Doch obzwar er nicht nur in den Staberlrollen, sondern auch als »Zwirn« in »Lumpaci«, »Dr. Kramperl« und anderen ausgesprochen komischen Rollen riesig gefiel, so mußte er immer noch nebenbei Liebhaber spielen.

Erst sein sensationeller Erfolg am 4. Januar 1836 als »Damian Stutzl« in »Zu ebener Erd’ und im ersten Stock«, schlug alle Zweifel nieder und man erklärte es direkt für eine Beeinträchtigung des Publikums, L. in anderen als in komischen Rollen zu verwenden.

So wirkte dieser hervorragende Künstler zur Freude aller Münchner, und war während seiner weit mehr als 50jährigen künstlerischen Tätigkeit sowohl der Liebling der Hofloge, als auch der Liebling der Besucher der letzten Gallerie, und blieb in Deutschland der beste, vielleicht der einzige Vertreter der sogenannten süddeutschen Komik. Strahlend ging sein Stern auf und erlosch erst mit seinem gänzlichen Scheiden von Bühne und Welt. In den letzten Jahren seiner künstlerischen Tätigkeit erschien er nicht mehr allzu oft auf den Brettern und erstreckte sich sein Wirken fast ausschließlich auf »Staberl«, »Zwirn«, »Damian Stutzl«, »Valentin« (»Verschwender«), »Rappelkopf« (»Alpenkönig und Menschenfeind«) und »Freiherr von Rinnecker« im »Bürger und Junker«, welches Stück regelmäßig, wenn er auf dem Zettel erschien, vor ausverkauften Häusern gegeben wurde.

Ein überaus reiches und dankbares Feld öffnete sich ihm noch im Sommer 1870, als das Aktientheater am Gärtnerplatz auf Kosten des Königs übernommen wurde. Gastspielreisen unternahm er nicht all zu oft. Doch wo er auch immer erschien, wurde er mit Jubel empfangen. Dies geschah auch 1854, als er an den von Dingelstedt arrangierten Mustervorstellungen teilnahm (»Moses« in »Lästerschule«, »Licht« in »Zerbrochener Krug«, »Jetter« in »Egmont« und »Schüler« in »Faust«). L. war nur wenige Tage krank. Das letztemal erschien er als »Damian Stutzl« auf den Brettern. Bald darauf erkältete er sich und nach kurzem Krankenlager erfolgte am 30. August 1882 sein Ableben.

München und die deutsche Kunst hat dadurch einen gar schweren Verlust erlitten: die Kunst im allgemeinen, seine Vaterstadt im besonderen. Zur Charakteristik des bedeutenden Künstlers sei hier der tiefempfundenen Abschiedsworte, die Intendant von Possart seinem langjährigen Freunde und unvergeßlichen Kollegen ins Grab nachsandte, gedacht: »... L. überraschte nicht, er blendete nicht, aber er verwendete seine Naturgaben, den unwiderstehlichen Blick, den herzlichen Ton, den ungekünstelten Anstand seiner Bewegungen mit so bezwingender Wahrheit und Einfachheit, daß in wenigen Minuten das schöne Band der Sympathie zwischen Darsteller und Publikum geschlungen war. Er war ein Komiker, der es wagen durfte, sich mitten in den Rahmen einer hohe Tragödie zu stellen und den ungeheueren komischen Kredit, der ihn umgab, sobald nur sein Gesicht in der Coulisse sichtbar wurde, machte er vergessen durch die Charakteristik seiner Leistung. Die kleinste Partie erhielt in der Noblesse seiner Darstellungsweise, einen wohltuenden Anstrich. Er erteilte selbst der niedrigst-komischen Rolle durch die unerschütterlich diskrete Aufführung den künstlerischen Adelsbrief. Ferdinand Lang war ein aristokratischer Komiker und er besaß den charakteristischen Vorzug des Aristokraten, er war konservativ in seiner Kunst! Niemals hat er sich durch lauten oder durch zu geringen Beifall hinreißen lassen, nur eine Linie über die Grenze zu gehen, die sein künstlerisches Feingefühl ihm steckte. Wie er vor 30 Jahren in dieser oder jener Scene stand und sprach und spielte, so, genau so agierte er auch drei Dezennien später, und die Wirkung war in jungen, wie in alten Tagen die gleiche, unwiderstehlich zündende! Schlichte Wahrheit, rührender Herzenston und unbestechliche Decenz bildeten die Elemente seiner künstlerischen Eigenart! Sie geht mit ihm verloren!...«

Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert; Verlagsbuchhandlung Paul List; Leipzig, 1903.

 

 

 

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