Kein Grab ist stumm

 

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Bunte Erinnerungen (1854)

Familienverhältnisse fesselten mich zu verschiedenen Malen Jahre lang an München, an das heitre, lebenslustige Isar-Athen, wie es sich, im Hinblick auf seine Kunstschätze, gern zu nennen pflegt. Ich bin mein Lebelang eine Art von Theater-Narr gewesen; auch dort interessirte mich das Treiben der Bühne und der Künstler. Es war im Jahre 1834, als ich dort zum Erstenmale verweilte und den trefflichen Komiker Lang kennen lernte, der auch auf den Bühnen Berlin's in neuerer Zeit mit vieler Anerkennung aufgenommen worden. Damals war in München noch eine tragische Geschichte lebhaft in der Erinnerung, die sich nur wenige Jahre vorher zugetragen, deren Held Lang gewesen, deren Opfer er beinahe geworden. Es liegt ein Dunkel auf derselben, das bis zur Stunde noch nicht aufgeklärt und darum ein erhöhtes Interesse in sich trägt. Ich erzähle sie, wie sie dazumal in München von Mund zu Munde ging und wie sie mir Freund Lang selbst bestätigt.

Es war im Jahre 1831. Lang, damals noch ein junger Mann, hatte auf der Königlichen Hofbühne zu München, seiner Vaterstadt, kurze Zeit vorher seine theatralische Laufbahn mit vielem Glück begonnen und sich bereits zum gerngesehenen Liebling des Publikums emporgeschwungen. Es war gerade das hübsche Lustspiel »Mamsell Bock« an der Tages-, oder vielmehr Abendordnung, in welchem Lang einen jungen Gecken mit um so größerem Erfolg darstellte, da das Publikum in dieser Rolle die glückliche Copie eines in München bekannten Originals erkennen wollte, seltsam genug, eigentlich nicht eines, sondern mehrerer Originale, namentlich eines jüdischen und mehrerer wallachischen; zu jener Zeit, wie auch jetzt noch, studirten nämlich mehrere junge Leute aus der Wallachei und Moldau auf der Münchener Universität. An einem November-Abende hatte Lang wieder die Rolle unter jubelndem Beifall des Publikums gespielt und begab sich nach Beendigung des Stücks nach seiner Wohnung, die sich im vierten Stock eines Hauses am Dultplatze, einer namentlich Abends öden Gegend Münchens befand. Die Localität war in der Art beschaffen, daß von der Straße eine Doppelflügelthür, von der der eine Flügel offen stand, in einen schmalen, langen, dunklen Hausflur führte, an dessen Ende der Aufgang zu den oberen Stockwerken sich befand. Lang tritt, in einen braunen Mantel gehüllt, in die Thüre und kaum in dem dunkeln Flur angelangt, fühlt er - die Dunkelheit verhinderte das Sehen - wie ein Mensch an ihm vorüberstreift, ihm einen Stich in den Unterleib beibringt und ehe Lang sich umdrehen kann, hört er, wie der Fremde die Flucht zur Thüre hinaus nach der Straße ergreift.

Der Verwundete sinkt zusammen und schleppt sich nun auf Händen und Füßen die vier Treppen hinauf, in die Wohnung seiner Eltern, wo er, im Blute schwimmend, ohnmächtig zusammenbricht. Herbeigerufene Ärzte erklären die Wunde, die mit einem Dolche beigebracht scheint, für lebensgefährlich. Am andern Morgen, als sich die Kunde von der Frevelthat verbreitet, herrscht natürlich bei dem Publikum, dessen Liebling sie betroffen, große Aufregung. Der Verwundete ist, da das Bubenstück im Finstern begangen, nicht im Stande, etwas Näheres über den Thäter anzugeben. Die Polizei, der von König Ludwig, einem großen Mäcen des jungen Künstlers, die unermüdlichste Thätigkeit empfohlen wird, ist nicht im Stande, dem Mörder auf die Spur zu kommen, obgleich alle Verdachtsgründe zur Erforschung desselben benutzt werden. Lange Zeit ist Lang dem Tode nahe. Seine Jugendkraft rettet ihn und nach siebenmonatlichem Schmerzenslager erscheint er als Genesener. Er tritt zum Erstenmale wieder in der Rolle auf, die dem Anschein nach, ihm jenes Unglück zugezogen hat. Das colossale Schauspielhaus ist bis zum höchsten Gipfel besetzt und der junge Künstler begeht unter Teilnahme des Publikums eine seltene Genesungsfeier. Nach Beendigung des Stücks wird er von seinen jungen Freunden in einem großen Fackelzug nach Hause geleitet und steigt diesmal unangefochten durch zwei Fackelreihen, die auf den vier Treppen von seinen Begleitern gebildet worden, nach seinem Stübchen hinauf. Am folgenden Tage erhält er von König Ludwig von Baiern das Decret seiner lebenslänglichen Anstellung.

Dieses tragische Ereigniß hatte aber noch einen zweiten romantischen Theil. Herr Lang ist Katholik. Seinem Cultus getreu, macht er am nächsten Jahrestage des Mordanfalls eine Reise nach dem berühmten baierischen Wallfahrtsort Alt-Oettingen, um dort vor dem Gnadenbilde der heiligen Jungfrau Dank zu sagen für seine Lebensrettung. Der Altar, auf dem das Marienbild thront, ist mit Votivtafeln umgeben, auf welchen, nach katholischer Sitte, von Denjenigen Gedenkzeichen aufgehängt sind, die durch Gebet Befreiung von ihren Leiden errungen. Lang gewahrt unter diesen Gedenkzeichen einen Dolch, bittet nach verrichteter Andacht den Kirchendiener, ihm die nähere Besichtigung des Mordinstruments zu gestatten. Dies wird bewilligt. Lang hat denselben Mantel an, den er bei dem Attentate getragen, in demselben befindet sich noch das Loch, das der Dolchstoß gemacht, man mißt die Oeffnung mit dem Dolche und dieser füllt sie genau aus. Lang wendet sich an den Pfarrer der Gnadenkirche und erfährt von diesem, daß vor einigen Monaten dieser Dolch eines Abends an der Votivtafel aufgehängt gefunden worden sei. Wer dies bewerkstelligt, sei unter der ungeheuren Menge der Wallfahrer nicht zu ermitteln gewesen. Vielleicht mag dem Priester das Mordwerkzeug auch unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses, das er nicht brechen darf, übergeben worden sein. Das Gericht in München requirirte den Dolch zur weitern Untersuchung der Frevelthat, die aber nie an's Tageslicht gekommen.

Der berühmte Künstler hat, was an ihm verschuldet, vergeben. Vergessen kann er es wohl nicht, da, namentlich beim Wechsel der Jahreszeiten, die Schmerzen der Wunde ihn an den Unglücksfall mahnen. So hat Herr Lang, ehe er im Sommer 1853 Berlin zu Gastrollen besuchte, ein schmerzliches Krankenlager in Folge jener vor 22 Jahren erhaltenen Verletzung erleiden müssen. Sein heiteres Talent, sein köstlicher Humor aber sind ihm in frischer Kraft geblieben, wie dies seine Darstellungen auch den Berlinern bewiesen.

Fr. Tietz: Bunte Erinnerungen an frühere Persönlichkeiten, Begebenheiten und Theaterzustände des Berlin und anderswoher. Zusammengesucht von Fr. Tietz. Berlin, 1854.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.