Kein Grab ist stumm

 

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Tag- & Anzeigeblatt für Kempten und das Allgäu (1871)

München, 2. Juli. Heute Nachmittags 4 Uhr strömten wenigstens 10,000 Menschen auf den alten Friedhof, wo Prof. Zenger beerdigt wurde. Die Beerdigung nahm Prof. Friedrich vor. Dem bekränzten Sarge folgten nach den Verwandten etwa 50 Professoren in ihren farbigen Talaren, dazu die beiden Bürgermeister. Um die neuen magistratischen Friedhofsglocken läuten lassen zu können, wurde die ganze Nacht gearbeitet und ein provisorischer Glockenstuhl hergerichtet. Die große Masse von Neugierigen, die vor 3 Tagen den Namen Zenger ebensowenig kannten, als Pandekten und Institutionen, drängte sich in den Leichenzug hinein, so daß man denselben nicht überblicken konnte. Die Herren vom Museumskomite waren nicht einmal in schwarzer Kleidung anwesend. Prof. Friedrich schildert die fast 40jährige lehramtliche Thätigkeit des Verstorbenen und erklärte am Schlusse, daß er eingedenk seiner priesterlichen Pflicht, dem Verstorbenen die Sterbsakramente gespendet habe, nachdem sie von einem Freunde des Dahingeschiedenen verweigert wurden. Die Bürgersängerzunft, deren Dirigent der Sohn Zengers, der bekannte Komponist Max Zenger, mehrere Jahre lang war, sang den Grabgesang: In paradisum decutant angeli. Die Ordnung war im Geringsten nicht gestört; er waren aber auch 50 Gendarmen aufgeboten.

Tag- & Anzeigeblatt für Kempten und das Allgäu Nr. 155. Dienstag, 4. Juli 1871.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.