Kein Grab ist stumm

 

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Tag- & Anzeigeblatt für Kempten und das Allgäu (1871)

München, 1. Juli. Gestern fand hier die erste »altkatholische« Leichenaussegnung statt. Es starb der Professor des römischen Rechtes an hiesiger Universität, Hr. Franz Xaver Zenger, eine in der bayerischen Juristenwelt allbekannte Persönlichkeit durch die jährliche Wiederholung stereotyper saftiger Witze, die er sich in seine Kollegienhefte eingezeichnet hatte. Derselbe hatte die Adresse der Universität-Professoren an Döllinger, sowie auch notorisch die Museumsadresse unterschrieben. Als er sein Ende fühlte, schickte er nach dem Franziskanerkloster am Lehel, dessen eifriger Gast er im Refektorium wie im Bräustübl bis zu den jüngsten kirchlichen Wirren war, und erbat sich einen alten Schwaben aus Roßhaupten, den P. Parthenius. Dieser ließ ihm sagen, er werde erscheinen, wenn Zenger seine Unterschrift zurückgenommen habe. Zenger antwortete, als er diese Kunde vernahm: »Ich habe in meinem Leben nie gelogen, werde auch auf meinem Todbette nicht lügen.« Er wurde dann nach dem exkommunicirten Prof. Friedrich geschickt, welcher ihn Beicht hörte und beim Ludwigs-Pfarrer anfragen ließ, ob er Hostie und Oel haben könnte, was natürlich verweigert wurde. Sodann fuhr Friedrich nach Mering, holte Hostie und Oel und ertheilte dann Zenger die Sterbsakramente. Als dieser gestorben, segnete Friedrich die Leiche im Trauerhause aus und wird, wie wir vernehmen, auch Sonntag Nachmittags die Beerdigung vornehmen.

Tag- & Anzeigeblatt für Kempten und das Allgäu Nr. 155. Dienstag, 4. Juli 1871.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.