Kein Grab ist stumm

 

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Passauer Zeitung (1871)

Leichenrede
auf
Prof. Dr. F. X. Zenger,
gehalten am 2. Juli 1871 auf dem alten Friedhofe zu München
von
Prof. Dr. J. Friedrich.

Hochansehnliche Trauerversammlung!

Wir haben einen Mann ins Grab gesenkt und zur ewigen Ruhe eingesegnet, auf den man mit Recht die Worte der Schrift anwenden kann: »Selig die im Herrn sterben«. Der Verblichene war ein wahrhaft christlicher Charakter, ein Biedermann in des Wortes vollster Bedeutung. Leider, daß meine Kräfte zu schwach sind, dessen vortreffliche Eigenschaften würdig zu schildern; eine weit beredtere Zunge als die meinige müßte diese Aufgabe lösen.

Der Verstorbene ist Herr Franz Xaver Zenger, Doctor und o. ö. Professor der Rechte an der k. Universität dahier. Er wurde am 28. November 1798 zu Stadtamhof geboren; allein schon wenige Monate nach seiner Geburt siedelte sein Vater, ein k. Proviantbäckermeister, nach Augsburg über. Hier verlebte der heitere und hoffnungsvolle Knabe seine Jugend. 1817 absolvirte er mit Auszeichnung die Gymnasialstudien an der Studien-Anstalt St. Anna, und das k. Rectorat glaubte die Erwartung aussprechen zu sollen: Zenger werde einst ein ausgezeichneter Theologe werden. Und wirklich hatte auch damals schon, wie mir der Verstorbene noch vor wenigen Tagen erzählte, ein eben wiederhergestellter großer und mächtiger kirchlicher Orden (der Jesuitenorden) auf den begabten Jüngling seine Aufmerksamkeit gelenkt. Es kam jedoch anders. Zenger bezog unsere Universität, welche damals noch in Landshut ihren Sitz hatte, und widmete sich mit seltenem Fleiße und unerschütterlicher Ausdauer dem Studium der Philosophie und Jurisprudenz. Er wußte dies zu leisten, ohne sich seinen Freunden zu entziehen; ja, der strebsame junge Mann stand sogar einige Zeit dem Corps Suevia als Senior vor. 1821-23 treffen wir ihn dann als Praktitanten an den k. Landgerichten Obergünzburg und Göggingen. Die praktische Laufbahn hatte jedoch keinen besonderen Reiz für ihn: er erwarb sich zu Landshut den juridischen Doctorgrad und wanderte im Herbste 1823 nach damaliger Studentensitte zu Fuß nach Göttingen, um an der dortigen k. großbritannischen hannover'schen Universität während eines Jahres seine wissenschaftliche Bildung zu erweitern und seinen juridischen Blick zu schärfen. Nach seiner Rückkehr (1824) bewarb er sich um die Dozentur in der juridischen Facultät, allein erst nach der Uebersiedlung unserer Universität trat er als Privatdozent ein (Nov. 1826). Der Senior unserer Hochschule, Herr v. Bayer, hatte sein Bittgesuch begutachtet. Zenger gehörte jedoch als Privatdozent unserer Universität nicht lange an. 1828 wurde er zum außerordentlichen Professor der Rechte in Erlangen ernannt, aber schon 1831 an die Stelle des Professors Wening von Ingenheim für die Lehrkanzel des Civilrechtes nach München zurückberufen. Obgleich er sich schon 1828 zu Erlangen einen häuslichen Herd gegründet hatte, indem er die Nichte seines ehemaligen Amtsvorstandes Reiber in Göggingen, Frl. Carolina von Zaiger, ehelichte, gründete er doch erst hier in München sich jenen Wirkungskreis, in welchem er sich behaglich und heimisch fühlte und dem er bis an sein Ende treu bleiben wollte. Bald bekleidete er an unserer Universität alle akademischen Aemter und Würden. So führte er 1840/41 das Rektorat derselben; 1848 sandte ihn die Universität als ihren Vertreter in die Kammer, der Abgeordneten, wo er das Referat über das Gesetz, die ständische Initiative betr., übernommen hatte. Insbesondere wird ihm aber unsere Anstalt stets dankbar sein für seine vieljährige Thätigkeit in ihrem Verwaltungsausschuß, in dem er eine hervorragende administrative Thätigkeit entfaltete.

Zenger war keine jener Naturen, welche über die Grenzen des engeren Vaterlandes hinaus durch schriftstellerische Produktivität wirken: er war vielmehr zum Lehrer geschaffen. Ich habe von urtheilsfähigen Schülern desselben immer das eine Urtheil gehört: Zenger ist ein vorzüglicher Lehrer, der nicht nur mit außerordentlicher Schärfe seinen Stoff auffaßt, sondern auch bei der ihm eigenen Klarheit ihn seinen Schülern verständlich zu machen weiß. Mit Recht bewahren ihm darum seine zahlreichen Schüler, wohl der größte Theil der jüngeren Beamten Bayerns, ein dankbares Andenken.

Diese juristische Schärfe und Klarheit rühmten aber auch seine Collegen in der juristischen Facultät, welche sich davon namentlich in dem juristischen Spruchcollegium der Universität häufig zu überzeugen Gelegenheit hatten. Auch der hochselige König Maximilian II. anerkannte seine Verdienste und zeichnete ihn mit dem Ritterkreuze I. Classe des Verdienstordens vom hl. Michael aus.

Wir Universitätslehrer verlieren in ihm einen theuren, liebenswürdigen Collegen.

Zenger war aber auch ein liebevoller Bruder: schon mit seinem 18. Jahre mußte er statt des zu früh verstorbenen Vaters für seine jüngeren Brüder die Sorge übernehmen! Und als er seine Familie gegründet hatte, bot sie das Bild eines wahrhaft christlichen Familienlebens, in dem alle Glieder mit aufrichtiger und treuer Liebe einander zugethan sind. Es war rührend zu hören, wie der Greis im Anblicke des Todes mit Thränen seiner theuren Gattin noch gedachte, welche ihm im November v. Js. im Tode vorausgegangen war. Seit ihrem Hintritte siechte aber auch der sonst so kräftige Körper sichtlich dahin, nachdem er ja vor fünf Jahren schon den herben Verlust einer erwachsenen lieben Tochter erlitten hatte, welche unmittelbar vor dem älterlichen Hause überritten und tödtlich verwundet worden war.

Für all' sein Wirken, für sein Leiden und Dulden hatte aber Zenger einen Halt in seinem tiefen religiösen Sinne, in seinem festen und unerschütterlichen Glauben an unsern Heiland. Für ihn galt das Wort des hl. Paulus: »Wie ihr Jesum Christum, den Herrn, angenommen habt: so wandelt in ihm, eingewurzelt und gegründet in ihm und befestigt im Glauben, sowie ihr gelehrt worden, zunehmend in demselben mit Danksagung.« Zenger war daher stets ein treuer Sohn seiner Kirche und ein wahrer, aufrichtiger Freund ihrer Diener. Darnach nahm er wie an unserer Universität, so im Leben seine Stellung. Erst in der jüngsten Zeit kam ein kleiner Mißton in dieses Verhältniß. Ein überzeugungstreuer Mann, schloß er sich jenen kathol. Männern der Hochschule an, welche dem bis zum vorigen Jahre allgemein in unserer Diöcese herrschenden Glauben treu bleiben wollten. Je mehr er die Gottesnähe fühlte, je weiter das Irdische zurückwich, desto sorgfältiger erwog er seine Lage; aber er mußte endlich abschließen und er schloß damit ab, daß er bekannte, er könne und dürfe auch auf dem Sterbebette seine Ueberzeugung nicht verläugnen. Als er nun nach den heil. Sterbsakramenten rief, da fand er sich von seinen ehemaligen Freunden verlassen. Von der Nothlage überzeugt nahm ich mich, meines priesterlichen Charakters und meiner priesterlichen Pflicht mich erinnernd, des Mannes an. Aber kein Groll, kein Aerger, das will und muß ich an seinem Grabe bezeigen, beschlich sein Herz. Wie war er aber dafür dankbar, daß er sich noch mit seinem Heilande vereinigen konnte! »Christus war mein Trost und meine Hoffnung im Leben, Christus ist auch mein Trost und meine Hoffnung im Sterben« - sagte er, - »und ich hoffe, fügte er bei, daß er mir auch gnädig sein wird, wenn ich meinen Geist in die Hände unseres Gottes übergeben werde.« So schied dieser edle Greis aus dem Leben. Wir können sagen: er schied in dem Herrn, und wir dürfen darum auch hoffen, daß an ihm das Wort der Schrift in Erfüllung gegangen: »Selig, die im Herrn sterben!« Amen.

Passauer Zeitung No. 192. Samstag, 15. Juli 1871.

 

 

 

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