Kein Grab ist stumm

 

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Münchener Bote für Stadt und Land (1871)

Hauptstadt-Neuigkeiten.
München, 3. Juli.

Wohl selten hat ein Leichenbegängniß unter so großartiger Theilnahme stattgefunden, wie gestern das des Professors Dr. Zenger. In dichten Schaaren strömten die Leute nach dem südlichen Friedhof, der die Tausende von Menschen kaum zu fassen vermochte. Es hatte sich nämlich mit Schnelligkeit die Nachricht verbreitet, daß dem Prof. Zenger von dem Ludwigspfarrer das kirchliche Begräbniß verweigert worden, weil Zenger seine Unterschrift von der Döllinger-Adresse nicht zurückzog. Zum ersten Male wurden bei dieser Beerdigung die in Eile auf dem Leichenhause angebrachten neuen Glocken geläutet, da auch das übliche Geläut auf der Stephanskirche unterbleiben mußte. Prof. Friedrich hatte den Muth, trotz seiner Excommunication, die kirchliche Beerdigung vorzunehmen. Dem Sarge folgten die Professoren der verschiedenen Fakultäten in ihren Talaren, 30-40 an der Zahl, an ihrer Spitze der Rektor magnificus Dr. Giesebrecht und Dr. v. Döllinger, die beiden Bürgermeister und die Studentenkorps. Am Grabe hielt Prof. Friedrich eine würdevolle Rede, in welcher er namentlich hervorhob, daß seine Priesterpflicht ihm geboten habe, dem Sterbenden die letzten Tröstungen seiner Religion nicht zu versagen. Von einem zahlreichen Sängerchor unter Kunz's Direktion wurden Trauergesänge aufgeführt. Daß bei dieser unter so außerordentlichen Verhältnissen stattgefundenen Leichenfeier keinerlei Störung vorkam, zeigt von einem glücklichen Fortschritt des Rechtssinns unserer Bevölkerung.

Münchener Bote für Stadt und Land No. 155. Dienstag, den 4. Juli 1871.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.