Kein Grab ist stumm

 

Sektionen | Register | Suchen

 

<<< | >>>

 

 

 

Abhandlung über den Werth des Veterinär-Wesens (1834)

Dem Beispiele Frankreichs folgten Sachsen und Oestreich durch Errichtung solcher Anstalten; zu München wurde schon im Jahre 1790 am 1. Mai durch den verdienstvollen Medizinalrath Dr. Anton Will eine Veterinär-Schule eröffnet.

Hätte man damals erst das Volk gefragt, ob man eine Thierarzneischule errichten und mit den erforderlichen Hilfsmitteln versehen dürfe; so würde die Stimmenmehrheit eine verneinende Antwort ertheilt haben, obwohl die Errichtung dieser Anstalt und das Wirken der an ihr angestellten Lehrer und gebildeten Schüler und nachherigen Kurschmiede die segensreichsten Folgen hatten.

Diese verneinde Antwort mit der größten Wahrscheinlichkeit zu vermuthen, dazu gibt mir das nachherige rohe und ungeeignete Benehmen der Landleute gegen Will und seine Schüler Grund genug an die Hand.

Denn noch hielt der größte Theil des Landvolkes die Seuchen für eine Strafruthe Gottes, welche nur durch Wallfahrten und Beten, durch Entrichtung schwerer Opfer an die habgierigen Mönche, u. s. f. abgewendet werden könnte. Und selbst jene Einzelnen, welche der ganz vernünftigen Meinung waren, daß nicht nur Aussöhnung mit Gott durch Buße und Gebet, sondern Anwendung jener Mittel, welche der Schöpfer zur Linderung und Heilung der Krankheiten auf die mannigfaltigste Weise auf der Erde entstehen und wachsen läßt, zur Abwendung dieser Strafen, etc. zur Heilung von Krankheiten nöthig sey; waren von dem Vorurtheile befangen, Schäfer und Schinder, Schmide und Hirten seien im Besitze solcher Kenntnisse, wodurch sie im Stande wären, Seuchen zu heilen. Und Niemand fiel es bei, zu glauben, daß Männer wie der um Bayern hochverdiente Will, dem König Maximilian, der seine Verdienste zu würdigen wußte, ein herrliches Monument auf dem Gottesacker zu München errichten ließ, mit ihren Schülern dem den Wohlstand des Landes so fürchterlich erschütternden und vernichtenden Uebelstande, den herrschenden Seuchen Einhalt zu thun im Stande seyen.

Daher kam es denn auch, daß Will mit seinen Schülern an jenen Orten, an welche er zum Beßren ihrer Bewohner und wie ein wohlthätiger vom gänzlichen Verderben rettenden Engel geeilt war, von eben diesen Bewohnern die schmählichste und roheste Behandlung zu erdulden hatte, daß man vor ihm die Thüren verschloß und ihn zu mißhandeln drohte. So wurde es denn nothwendig, daß man von Seite der Regierung dem thätigen Will zur Ausführung der von ihm entworfenen Rettungsplane Militär zur Verfügung und zum Schutze bestimmte, an dessen Spitze er, den das Volk mit offenen Armen hätte empfangen sollen, nun in die Oerter, in welchen die Seuchen wütheten einmarschieren, den Eingang in die Ställe erzwingen und nun, von den boshaften Landleuten nicht unterstützt, mit seinen Zöglingen Arzt und Wärter des kranken Viehes zugleich seyn mußte.

So abergläubisch, so vorurtheilsvoll, so verblendet war damals das Landvolk und ist es großen Theils noch! Die zweckmäßigsten Anstalten der Regierungen mißkannte und mißkennt es, dem alten Schlendriane huldigend und mit Leib und Seele anhangend, und ist mißtrauisch, ja sogar feindlich gesinnt gegen jene, welche sich ernstlich mit der Beförderung seines Wohles befassen.

Daß es hierin unrecht und sogar strafbar handelt, ist eine ausgemachte Sache.

Johann Martin Kreutzer (Thierarzt und z. Z. Veterinär-Praktikant im kgl. 4ten Chevauxleger-Regimente König): Abhandlung über den Werth, die Selbstständigkeit und den Umfang der Thierheilkunde, die Lage des Veterinär-Wesens, so wie die Nothwendigkeit und Art und Weise der Verbesserung desselben. Augsburg, 1834.

 

 

 

<<< | >>>

 

Sektionen | Register | Suchen

 

ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.