Kein Grab ist stumm

 

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Museum der eleganten Welt (1836)

Vincenzo Santini.

Noch sind es nicht 17 Jahre, daß der fröhliche Jüngling Santini zuerst vor uns erschien, und, obgleich er damals noch kein erfahrner Bühnensänger sein konnte, uns durch Schönheit und Fülle, so wie durch Umfang und Biegsamkeit seiner Stimme und durch jenen glüklichen Humor in seinen Leistungen, welcher nur angeboren, nie aber erzwungen werden kann, in Erstaunen sezte, und bald die besondere Gnade des Allerhöchsten Hofes und die herzliche Zuneigung des ganzen Publikums gewann. Mit Vergnügen und reger Theilnahme sahen wir sein glänzendes Talent sich von Jahr zu Jahr schöner entwikeln, und selbst als nach siebenjährigem Verweilen unter uns sich die Verhältnisse so gestaltet hatten, daß er hier nicht mehr wirksam sein konnte, weil die italienische Oper aufhörte und das Erlernen der deutschen Sprache ihm zu mühevoll war, führte ihn seine Vorliebe für München, wo er Frau und Kind, an denen er mit inniger Liebe hing, zurükgelassen hatte, alljährlich wieder einige Monate lang in unsere Mitte, wo er uns, wenn die Verhältnisse es gestatteten, mit Leistungen seines stets höher ausgebildeten Talentes erfreute, und, wenn dies nicht geschehen konnte, uns wenigstens durch seine heitere Laune und unverändert beibehaltene Gutmüthigkeit immer ein recht willkommener und lieber Gast war.

Auch heuer kam er wieder, freute sich aber nicht lange seines Hierseins in ungetrübter Freude; denn im Laufe des Sommers fing er an zu kränkeln, und schon zu Anfang Augusts wurde sein Zustand bedenklich. Er litt an einer Krankheit der Leber, zu der sich Wassersucht gesellte, und mußte schwer leiden, aber demungeachtet beschäftigte er sich, seinem Berufe mit ganzer Seele anhängend, fast ausschließlich nur mit der Idee, bald wieder sein Engagement in Paris antreten zu können, und seine Krankheit war ihm nur in so ferne wichtig, als sie ihn hinderte, seine eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen, und an eine Gefahr glaubte er selbst dann noch nicht, als seine Freunde schon an jeder Möglichkeit der Rettung verzweifelten. Am 9. Oktbr. endete sein Leiden durch den Tod, nachdem er nur 38 Jahre gelebt, und bereits mehr als zwanzig Jahre, immer mit Ehre und im lezten Jahrzehent mit großer Auszeichnung in den größten Städten Europas, als Künstler gewirkt hatte.

Es wird vielleicht unsern Lesern nicht uninteressant sein, einige biografische Notizen über diesen Künstler zu erhalten, und wir geben sie ihnen in gedrängter Kürze so gut wir sie bekommen konnten.

Vincenzo Santini war im Jahre 1798 zu Pisa geboren, wo sein Vater das Gewerbe eines Bijouterie-Händlers trieb, und aus Vorliebe für dasselbe seinen Sohn durchaus kein anderes, als das eines Goldarbeiters treiben lassen wollte.

Schon im Knabenalter mit Leidenschaft an Musik hängend, erspähte Vincenzo mit Schlauheit jeden Moment, wo er sich aus des Vaters Magazine fortstehlen konnte , um Musik zu hören, und war, gelang es ihm, zu einer musikalischen Produktion zu kommen, stundenlang nicht wieder wegzubringen. Diese so deutlich ausgesprochene Neigung bewog endlich den Vater, den Wünschen des Sohnes nachzugeben, und ihn Musiker werden zu lassen.

Vincenzo wählte Klarinette und Flöte zu den Instrumenten, denen er sich widmen wollte, und machte so schnelle Fortschritte, daß er schon im Alter von 14 Jahren Morgens in der Kathedrale, Abends im Theater mit Auszeichnung mitwirkte, und dadurch den Kapellmeister Romani, einen vorzüglichen Singlehrer, auf sich aufmerksam machte. Dieser untersuchte seine Stimme, und fand in ihm eine ausgezeichnete Sopran-Stimme von seltener Reinheit und großem Umfange.

Romani gab ihm nun durch zwei Jahre, bis die Stimme zu mutiren anfing, Gesangs-Unterricht, rieth ihm während der Mutationszeit das Organ sorgfältig zu schonen, und hatte die Freude an seinem Zöglinge, als derselbe kaum 17 Jahre alt war, diese umfangreiche, kräftige und wohllautende Baßstimme zu vernehmen, welche uns schon gleich bei seinem ersten Auftreten dahier so sehr für ihn einnahm.

Von dieser Zeit an beschloß Santini seine Vaterstadt zu verlassen und in verschiedenen Städten Italiens Concerte zu geben, wo er zugleich als Clarinettist und als Sänger sich zu zeigen gedachte; ein Zufall aber gab ihm bald eine andere, und zwar die Richtung für welche er eigentlich bestimmt war. Als er nemlich in Rom angckommen war, befand sich gerade der Unternehmer des Teatro Vale in großer Verlegenheit um einen Buffo cantate, hörte von Santini’s Gesangstalent, lernte ihn kennen, und beredete ihn auf der Bühne aufzutreten.

Hier sang er nun neben den berühmten Marcolini, den Grafen, In Rossini’s Pietra del Paragone, und machte so viel Glük daß er von da an Bühnensänger blieb. Noch immer widmete er sich indessen seinem Lieblingsinstrumente, der Clarinette, und von den contraktmässigen Beneficevorstellungen welche ihm bei seinen Engagements zu Theil wurden, ließ er keine vorübergehen, ohne nach einer gesungenen großen Baß-Parthie dem Publikum noch in einem Concerte seine Virtuosität als Clarinettist zu zeigen. So hielt er es in mehreren Städten, und unter andern auch in Venedig, wo indessen seine Beharrlichkeit Doppelkünstler sein zu wollen, eine mächtige Erschütterung erlitt: denn als er in seinem Benefice nach der Vorstellung ein Clarinett-Concert spielte machte er mit diesem einen solchen Furor, daß über dem Clarinettisten Santini der Sänger Santini ganz vergessen wurde. Dieß ärgerte ihn in dem Masse, daß er dem Publikum zum Troze sein Instrument und alle seine Musikalien ein paar Tage nachher verkaufte, und den Schwur that, nie wieder Clarinette zu spielen. Von da an widmete er sich mit verdoppeltem Eifer der Gesangskunst, sang noch in Mailand und mehreren anderen Städten Italiens mit stets zunehmendem Beifalle, und wurde endlich vom Jahre 1819 an, für die k. italienische Hofoper zu München engagirt. Was Santini hier während eines sechsjährigen Engagements bei der italienischen Oper mit ausgezeichnetem Talente, stets regem Eifer und dem besten Willen geleistet hat, bedarf keiner Aufzählung, denn seine Leistungen leben noch im Angedenken jedes wahren Kunstfreundes. Eben so wenig ist es nöthig seiner Leistungen in Paris und London zu erwähnen, denn bei Urtheil der gelesensten Blätter dieser großen Städte so wie sein langes Verweilen und immer wieder dahin Zurükkehren beweißt hinreichend, daß er dort war, was er hier war: mit vollem Rechte ein Liebling des kunstsinnigen Publikums.

Gestern wurde seine Leiche bestattet und die würdige und feierliche Art wie troz der schlechtesten Witterung seine Begräbniß Statt hatte, bewies den regen Antheil den seine Kunstgenossen an ihm nahmen, und die herzliche Achtung die sie ihm zollten.

Friede sei seiner Asche!

München den 13. Oktober 1836.

Museum der eleganten Welt Nro. 83. München. Sonnabend, den 15. Oktober 1836.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.