Kein Grab ist stumm

 

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Allgemeine Theater-Revue (1836)

Der arme Santini ist in diesen Tagen noch jung bei seiner Familie in München gestorben. Er war kaum in die Jünglingsjahre getreten, aus Italien nach Deutschland gekommen, und obgleich er hier fast fünfzehn Jahre gelebt, so blieb er doch seinen Sitten und seiner Sprache getreu, aß Polenta und Pasta, brachte ganze Tage im Münchener Hofgarten im dolce far niente zu und wußte nicht einmal einen zudringlichen Betteljungen auf Deutsch wegzujagen.

Er war hager über die Maßen, und obgleich den größten Theil des Jahres in Pelz gekleidet, den er auch auf dem bloßen Leibe zu tragen pflegte, sah er doch spindeldürr aus. Sein Kopf nahm mehr als den gewöhnlichen Theil der Länge des ganzen Menschen in Anspruch und seine Gesichtszüge waren auffallend. In der Jugend waren sie hübsch zu nennen, allein später, als das hervortretende Auge sein Feuer verlor, als die Unterlippe schlaff herabhing und stets die großen Zähne sehen ließ, und die Gesichtsfarbe in ein schmutziges Gelb übergegangen war, konnte nur noch die oben gewählte Bezeichnung mit Recht gebraucht werden. Die Haare hatte Santini frühe verloren und trug eine modische Perücke, »une chevelure touffe,« die er im Scherze oftmals abzunehmen pflegte. Als er einst den Fernando Villabella in der diebischen Elster darstellte, erschien er in seinem haarlosen Haupte, dessen sich ein griechischer Weiser nicht zu schämen gehabt haben würde, und die Pariser verwunderten sich über die herrliche Glatze, die noch nie dem geschicktesten Friseur so natürlich darzustellen gelungen war. Niemand traute nämlich dem erst dreißigjährigen jungen Manne ein solches Greisenhaupt zu.

Schwere Krankheiten hatten diese frühe Metamorphose in dem Aeußern des Künstlers hervorgebracht, wobei es zu bewundern ist, daß die Stimme bis zur letzten Zeit eine unverwüstliche Kraft jenen Verheerungen entgegensetzte.

Als kunstgewandter Sänger konnte Santini nie mit Lablache oder Tamburini verglichen werden; er kam zu jung nach Deutschland, wo das was er zu leisten vermochte, schon Beifall die Fülle erhielt und hinlänglich belohnt wurde, um den, allen Vergnügungen einer heitern Stadt, wie München damals war, sich übermäßig hingebenden jungen Menschen von seinen Studien abzuhalten, dem überdieß auch noch die erforderlichen Muster fehlten. Santini’s Stimme behielt immer etwas hartes, rauhes, den Rouladen widerstrebendes, aber sie war dessen ungeachtet schön und kräftig und sein Vortrag charakteristisch und dramatisch im höchsten Grade.

Sein Darstellungstalent hielt mir dem was er als Sänger leistete gleichen Schritt. Er besaß eine bedeutende vis comica, die ihn jedoch manchmal zu Uebertreibungen verleitete, denen er sich besonders gern bei seinen Gastdarstellungen in München überließ. Hier fühlte er sich der Erste und war also dreister; auch nahm es das gemischte Publikum des Münchener Hoftheaters niemals sehr genau in diesen Sachen. In Paris war er stets discreter.

Er führte ein Amphibienleben und gehörte theils Deutschland, theils Frankreich an. Nachdem nämlich die italienische Hofoper in München aufgelöst worden war, wandte er sich nach Paris, wo seine bescheidenen Forderungen neben seinen unläugbaren trefflichen Eigenschaften und sein gefälliges, verträgliches Wesen, ihm alle Jahre bei jeder neuen Saison wieder eine Anstellung finden ließen.

Als Leporello war er ausgezeichnet. Es war seine Meisterrolle. Sowohl im Gesang wie im Spiel gab er hier ein ihm allein angehöriges Bild, von der glücklichsten Laune durchzogen. In München fand man, daß er einige Farben zu stark auftrage, allein dies war der deutschen Umgebung zur Last zu legen, wie ich schon oben erwähnte. Ich sah die Rolle auch in Paris von ihm, und muß gestehen, daß sie mir dort bei Weitem weniger grell erschienen ist.

Neben Leporello stelle ich seinen Dandini in der Cenerentola. Auch den Geronimo in der heimlichen Ehe gab er sehr gut. Er ist zur rechten Zeit gestorben, denn er entging dadurch einer schneidenden Kränkung. Stets hatte er gewünscht dieses alte Meisterwerk Cimarosa’s wieder auf das Theater Rossini’s zu bringen, um sich den Parisern als Geronimo darin zu zeigen. Er rechnete auf einen sichern Triumph. Im vorigen Jahre erzählte er mir frohlockend, daß nun endlich seine Bemühungen bei der Administration Anklang gefunden hätten und daß im Laufe des nächsten Winters il matrimonio segreto aufgeführt werden würde. Aber die Austheilung war schon getroffen und in den Blättern lange vor dem Beginne der stagione bekannt gemacht, ehe man noch einmal wußte, daß der Tod Santini abhalten würde nach Paris zu kommen. Und Lablache hatte den Geronimo. - Die französischen Blätter haben noch nicht einmal die Nachricht von seinem Tode gegeben, da Herr Severini, der Geldmensch, es wahrscheinlich nicht der Mühe werth hielt, die Redaktionen davon in Kenntniß zu setzen. Nur von seiner Krankheit ist eine kurze Meldung geschehen.

August Lewald: Künstler-Porträts; Allgemeine Theater-Revue. 1836.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.