Kein Grab ist stumm

 

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Neuer Nekrolog der Deutschen für das Jahr 1850 (1852)

Dr. Franz Xaver Pettenkofer, königl. bayer. Leib- und Hofapotheker, Medicinalassessor, Ritter des königl. bayer. Verdienstordens etc. zu München; geb. den 3. Dec. 1783, gest. den 12. März 1850.

P. wurde geboren zu Pobenhausen Landgerichts Pfaffenhofen an der Ilm, wo sein Vater als kurfürstl. bayr. Mauthner angestellt war. Er studirte im Gymnasium des Jesuitenkollegium zu Neuburg a. d. D. bis zur Klasse der Rhetorik und wurde dann 1800, also in einem Alter von 17 Jahren, in der kurfürstl. Leib- und Hofapotheke zu München als Lehrling aufgenommen. Der junge Pharmaceut zeichnete sich so sehr aus durch geistige Anlagen, moralische Tüchtigkeit, Fleiß, Geschick, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit im Dienste, daß er schon nach zwei und einhalbjähriger Lehrzeit von seinem Lehrer, dem damaligen Leibapotheker Brentano à Moreto für den Uebertritt in den Gehilfenstand reif erkannt, mithin aus der Lehre freigesprochen wurde.

P. trat hierauf als Gehilfe in die Militärapotheke zu Würzburg, wo ihm der Dienst so viel freie Zeit zur Fortsetzung seiner Studien gewährte, daß er an der dortigen Universität die Vorlesungen über Botanik, Physik und Chemie besuchen konnte. Im J. 1803 nahm er eine Gehilfenstelle in der Apotheke des Jos. Scherer von Hofstatt zu Botzen in Südtyrol an und im darauf folgenden Jahre machte er eine Reise durch ganz Oberitalien, worauf er wieder in seine Gehilfenstelle nach Bozen zurückkehrte.

Am Schlusse des Jahres 1804 bestand er zu Salzburg vor dem dortigen Medicinalkollegium seine Prüfung als Apotheker mit der Note »ausgezeichnet.« Die Folge dieses glänzenden Examens war, daß P. sogleich als Provisor in der Johannisspitalapotheke zu Salzburg angestellt wurde. Diese Stelle verwaltete er bis gegen Ende 1805. Im J. 1807 treffen wir ihn abermals in Salzburg, wo er das Militärhospital der französischen Armee besorgte.

In der Zwischenzeit war er zu Braunau als Provisor der Apotheke des jetzt als Pomologen rühmlichst bekannten Dr. Liegel, mit welchem P. die innigste Freundschaft knüpfte. Rastloses Streben nach höherer Ausbildung führte ihn später nach Wien, wo er sich anderthalb Jahre lang zunächst unter Baron von Jacqin *) [*) Dessen Biogr. siehe im 17. Jahrg. des N. Nekr. S. 966.] und Scherer **) [**) Dessen Biogr. siehe im 17. Jahrg. des N. Nekr. S. 355.] ausschließlich den Naturwissenschaften widmete. In den damaligen Kriegszeiten waren für Veterinärärzte gute Aussichten zu Anstellungen in der österreichischen Armeee; daher entschloß sich P., sich in der Thierarzneischule zu Wien als Zögling aufnehmen zu lassen. Bald nach seinem Eintritt wurde ihm die Auszeichnung, daß man ihm in Abwesenheit des Professors der Chemie, Waldinger ***) [***) Eine kurze Notiz über ihn s. im 7. Jahrg. des Nekr. S. 999.], die chemischen Vorlesungen an der Veterinärschule einige Zeit lang übertrug.

Zu Anfang des J. 1809 wurde er als praktischer Thierarzt geprüft und erwarb sich dabei die erste Note der Befähigung. Als P. eben im Begriff stand, als Veterinärarzt in den österreichischen Militärdienst zu treten, wurde ihm von dem Professor Baron von Jacquin das Lehramt der Chemie an der Bergschule zu Schemnitz in Ungarn angeboten. Dieses Lehramt schlug er indessen aus, weil ihm zur selben Zeit die Stelle eines Oberfeldapothekers bei der bayer’schen Armee angetragen wurde. Die Liebe zu seinem Vaterlande siegte über die vielleicht besseren Aussichten in Österreich.

Bevor er jedoch nach Bayern zurückkehrte, wurde er am 6. Sept. 1809 an der damaligen Universität Salzburg zum Doktor der Philosophie promovirt. Im Herbst 1810 treffen wir ihn als Oberapotheker des Feldspitals zu Nürnberg. Während der dort gegebenen Muse zog ihn Zufall und sein bereits anerkannter wissenschaftlicher Geist wieder aushilfsweise auf die Lehrkanzel der Chemie an der Realstudienanstalt in Nürnberg, welche damals unter Leitung des nunmehrigen Hofraths, Akademikers und Universitätsprofessors Dr. v. Schubert stand, bis zur Wiederbesetzung des ordentlichen Lehramts, welche nach einem halben Jahre erfolgte. Vom J. 1811 bis 1815 folgten die mühseligsten und gefährlichsten Tage in P.’s Leben, nämlich in den Feldzügen nach Rußland und später nach Frankreich, wo er sich als Muster eines Feldapothekers zeigte; man darf sagen, er hat im Felde geleistet, was vielen Andern selbst bei gleichgroßem Talente und gleich gutem Willen nicht möglich gewesen; denn er wurde bei seiner Willenskraft, Rastlosigkeit und Ausdauer von einer ungewöhnlichen Körperkraft und Gesundheit unterstützt. Nach der Schlacht von Polock dispensirte er fast allein die Arzneien für das ganze bayer. Armeekorps; wegen Mangel an anderem Hilfspersonal war er bei Tag und Nacht nicht nur mit der Zubereitung und dem Darreichen der Arzneien an die einzelnen Kranken, sondern auch mit dem Kochen und Austheilen der Speisen beschäftigt, um den Unglücklichen so gut wie möglich Trost, Erleichterung und Hilfe zu gewähren.

Er besorgte nicht nur im Feldspital die kranken und verwundeten Soldaten, deren Zahl sich auf 1000 belief, sondern nebstbei auch die vielen kranken Officiere in der Stadt, worüber amtliche belobende Zeugnisse im Jahre 1813 ausgestellt, unter den hinterlassenen Papieren P’s sich fanden. Unter diesen unglaublichen Anstrengungen wurde P. selbst vom Spitaltyphus ergriffen, welchen er bei seiner ungemein kräftigen Körperkonstitution glücklich überstand. Nach Beendigung der Feldzüge im J. 1815 wurde P. als Militäroberapotheker in München stationiert; in Anerkennung seiner Verdienste erhielt er das goldene Sanitäts-Ehrenzeichen.

Da der Dienst eines Militär-Oberapothekers in der Friedensgarnison ein sehr ruhiger war, so benutzte P. neuerdings wieder Zeit und Gelegenheit, um sich mit wissenschaftlichen Arbeiten zu beschäftigen, wovon er einige Früchte im Repert. f. d. Pharmacie veröffentlichte, nämlich über die Zersetzung des Calomels durch einige andere Salze; Analyse des Mutterkorns; Versuche über das Morphin; Reinigung des Steinöls; über Kockelskörner und Pikrotorin; Strychnin.

Als Zeichen der Anerkennung seines Strebens und seiner Kenntnisse wurde P. im J. 1819 als Mitglied einer Kommission für Bearbeitung einer Pharmacopoea Bavarica berufen. Im J. 1822 wurde er zum Assessor des königl. Medicinalkomité zu München ernannt und 1823 berief ihn der König an die Stelle des verstorbenen Brentano à Moreto, seines ehemaligen Lehrers, als königl. Leib- und Hofapotheker. Am königl. Hofe hatte er nun einen schönern, freiern und weitern Wirkungskreis für sein vielseitiges Können und Wissen. Zu seinen vorzüglichsten Verdiensten gehörte, daß er die Hofapotheke zu einer pharmaceutischen Schule machte, worin er fortwährend 6-10 junge Pharmaceuten unterrichtete, was nur bei dem ungemein großartigen und ausgebreiteten Geschäfte der königl. Hofapotheke möglich war. Viele der gegenwärtigen Apotheker Bayerns *) [*) Auch imAuslande finden sich Schüler von ihm, z. B. Landerer in Athen] ehren das Andenken P.’s als ihres eben so einsichtsvollen und unermüdlichen, wie strengen Lehrers.

In seinem neuen geschäftsvollen Wirkungskreise hörte P. nie auf, mit wissenschaftlichen Forschungen sich zu beschäftigen; die Leser des Repertorium für die Pharmacie kennen seine Arbeiten über die Darstellung des kohlensauren Eisenoryduls; über die quantitative Bestimmung des Kali in Pflanzensäften und Extrakten; über ein bleifreies Heftpflaster, welches das zusammengesetzte Diachylonpflaster zu ersetzen vermag; über medicinische Seife und Opodeldecseife; über Lak Magnesie.

Zu seinen Hauptverdiensten gehört ferner die Einrichtung der neuen Hofapotheke, welche als sein Werk ein Muster von Apotheke ist und für Kenner zu den vorzüglichsten Sehenswürdigkeiten Münchens gehört. Mehrere gelehrte Gesellschaften suchten die Anerkennung seiner Verdienste durch Uebersendung von Diplomen auszudrücken: so der pharm. Verein in Bayern (1817), der Apothekerverein im nördlichen Deutschland (1822); der Apothekerverein im Großherzogthum Baden (1822); die pharmac. Gesellschaft in der Pfalz (1837); die naturhistorische Gesellschaft in Athen etc. Auch der jetzt regierende König Maximilian II. von Bayern ehrte das vieljährige erfolgreiche Wirken und die treue Anhänglichkeit seines Leib- und Hofapothekers, indem er ihm am 24. December 1848 eigenhändig das Ritterkreuz des Verdienstordens von h. Mich. übergab.

P. war in jeder Beziehung ein Ehren- und Biedermann von ernstem und rechtlichem Charakter; gegen sich wie gegen Andere war er höchst genau, pünktlich und streng im Dienste, aber auch zugleich freundlich und liebevoll gegen seine Familie, seine Freunde und Alle, die er als seiner Achtung würdig erkannt hatte. Er war zweimal verheirathet; beide Ehen blieben aber kinderlos; dessen ungeachtet war er aber stets von einer dankbaren Familie umgeben, denn er nahm nicht weniger als sechs Bruderkinder - Theils Knaben, Theils Mädchen - in ihrem Kindesalter zu sich und sorgte wie ein liebevoller Vater für ihre Erziehung und Versorgung. Der eine seiner Pflegesöhne und Neffen ist der rühmlichst bekannte Akademiker und Universitäts-Professor Dr. Max. Pettenkofer, und ein anderer jüngerer Bruder des letztern, Michael Pettenkofer ist zur Zeit noch Gehilfe in der königl. Hofapotheke. Seine früher sehr veste Gesundheit war seit 4 Jahren auffallend im Abnehmen begriffen; seine Kräfte ließen nach; es trat in den letzten Monaten seines Lebens eine unheilbare Störung der Ernährungsthätigkeit ein, die endlich sein Leben auslöschte. Er hinterließ eine trauernde kinderlose Witwe und zahlreiche Verwandte und Freunde.

Neuer Nekrolog der Deutschen für das Jahr 1850 (1852).

 

 

 

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