Kein Grab ist stumm

 

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Bayerischer Kurier (1862)

München, 14. März. Das edle Streben, dem Sinn für wahre, namentlich für die christliche Kunst, die in unserer Landeshauptstadt in so reicher Blüthe steht, auch auf dem Lande Eingang zu verschaffen, tragt immer schönere Früchte. Dieß bezeugen viele Kirchen auch in kleineren Städten, in Märkten und selbst in Dörfern, aus denen schon manches Machwerk einer kunstlosen Hand, manches blutige Zerrbild eines Märtyrers verschwunden ist, welches eher Entsetzen erregen, als Andacht und Erhebung hervorrufen konnte. Die Behörden begünstigen mit rühmenswerthester Willfährigkeit das Bestreben, solche Produkte einer kunstarmen Zeit durch Werke von berufener Hand zu ersetzen, ein Aufschwung, der, wie er die Kirchenräume würdiger gestaltet, selbst auf Sinn und Sitten des Volkes mildernd wirken muß.

Diese Ansicht fanden wir wieder bestätigt, als uns unlängst ein freundlicher Zufall in das Atelier des Historienmalers Hrn. Benedikt Degenhart dahier führte. Der anspruchslose Künstler hatte eben ein großes Altarbild (9 Schuh hoch) vollendet, welches die letzten Momente des h. Vitus darstellt, der bekanntlich im Knabenalter den Martertod starb. Die sanfte Gestalt des himmelwärts blickenden heiligen Knaben, den ein Henker vor den dampfenden Oelkessel führt, wahrend ein heidnischer Priester, auf den Götzen deutend, ihn noch zum Heidendienst zu verleiten sucht, zwischen Priester und Henker aber die friedlichen Gestalten des h. Modestus und der h. Kreszenz, welche, Erziehungseltern des jugendlichen Märtyrers, denselben auf dem letzten Gange geleiten, im Hintergrunde die düstern Conturen Diocletians, der das entsetzliche Urtheil gefällt, oben in lichter Höhe endlich der Erlöser, von zwei Engeln umgeben - dies ist der Inhalt des erhebenden Gemäldes, welches, wie in der Zusammenstellung, auch in Zeichnung und Farbe gleich vollendet ist. Die Gemeinde Weicht, Gerichts Buchloe, deren Pfarrkirche dieses schöne Bild aufnehmen wird, darf sich hiezu Glück wünschen; wir aber wünschen dem braven Meister Glück, der mit so trefflichen Zügen das Haus Gottes zu schmücken versteht.

Bayerischer Kurier Nr. 73. München. Samstag, den 15. März 1862.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.