Kein Grab ist stumm

 

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Neuer Nekrolog der Deutschen (1843)

Joseph Pschorr,
Bierbrauereienbesitzer zu München;
geb. d. 2. Juni 1770, gest. d. 3. Juni 1841.

Unter Münchens ausgezeichneten Bürgern der gewerbetreibenden Klasse nimmt P. einen verdienten ehrenvollen Platz ein. Dieser würdige Mann hat einen erfreulichen Beweis geliefert, was Rechtschaffenheit, Thätigkeit, Ordnungsliebe und Sparsamkeit im bürgerlichen Leben mit geringen Mitteln vermögen.

Seine Eltern waren wackere nicht unbemittelte Bauersleute zu Kleinhadern im Landgerichtsbezirke München, welche dem mit guten natürlichen Anlagen ausgestatteten Sohn eine gewissenhafte sittlich-religiöse Erziehung gaben. Er hatte Vorliebe zum Brauwesen und widmete sich diesem Geschäfte. Zu München in dem Oberkandler Brauhause trat er in die Lehre und machte darin bald ausnehmende Fortschritte. Nachdem er in diesem Haus etliche Jahre in Diensten gestanden, kehrte er wieder einige Zeit zum Betriebe der Landwirtschaft auf sein väterliches Hofgut zurück, übernahm aber in der Folge das Hacker’sche Brauhaus in der Sendlingerstraße zu München durch Heirath der Tochter seines Vorfahres, Therese Hacker. Sein Vermögen mochte damals beiläufig 10,000 Fl. und das seiner Gattin ungefähr in halb so viel bestanden seyn. Als sie ihr Brauanwesen antraten, war es sehr verschuldet, ja dem Ruine fast nahe gekommen.

Aber durch kluge Leitung, beharrlichen Fleiß und strenge Ordnung hob P. mit ausgezeichneter Geschicklichkeit in kurzer Zeit seinen Gewerbsbetrieb auf eine hohe Stufe. Das Hacker Bier gewann allenthalben den besten Ruf, P.’s Wohlstand stieg sichtlich, so daß er bald auf die Vergrößerung seiner Brauerei bedacht seyn konnte. Zur Verdoppelung der Quantität seiner Biererzeugung begann er das Sudwerk auf 2 Pfannen zu führen.

Im J. 1813 unternahm er außer der Stadt vor dem Karlsthor am Ende der jetzigen Baierstraße auf einem meist öden oder zu ungeheuern Sandgruben benutzten Grundstücke von 8-10 Tagwerken zwischen der Hochstraße nach Landsberg und dem Marsfeld auf dem Platze, welcher in der Vorzeit der Galgenberg hieß, die Errichtung eines so großartigen Kellergebäudes in 2 Hauptabtheilungen mit Remisen, Holzmagazinen, Gartenanlagen u.s.w., wie man desgleichen vorher zu München noch nicht gesehen hatte, alles nach eigenen Angaben und mit Ueberwindung aller Schwierigkeiten, welche in dem ungünstigen Terrain lagen. Die erste Abteilung desselben brachte er noch im J. 1813 zu Stande, die andere und den ganzen Bau vollendete er erst im J. 1824. Die Baukosten werden auf eine Summe von 400,000 Fl. angeschlagen. Beiläufig 60,000 Eimer Bier können in diesen Kellern gelagert werden. Im J. 1840 wurde ganz in der Nähe der Bahnhof der Münchner-Augsburger Eisenbahn angelegt.

Inzwischen kaufte P. im J. 1820 in der Stadt die kleine fast ganz in Verfall gerathene Braustätte, genannt zum Bauernhansel, in der Neuhausergasse, nebst 4 anstoßenden kleinen Wohnhäusern, ließ diese Gebäude sämmtlich demoliren und baute auf deren Stelle mit einem Koftenaufwande von beiläufig 250,000 Fl. ein kolossales Brauhaus, das allgemein bekannte Pschorr’sche Brauhaus. Im J. 1825 wurde jedoch P.’s Glück auch durch eim herbes Mißgeschick getrübt. Am 13. März d. J. entstand Nachts in seinem Brauhaus in der Sendlingergasse ein großer Brand, welcher es nebst den bedeutenden Vorräthen zu Grunde richtete. Bei diesem Unglücke bewies er einen hohen Grad seltener Geistessstarke. Stets gegenwärtig da, wo die Gefahr am größten war, ordnete er mit eben so viel Umsicht als Fassung und Ruhe die Arbeiten, um dem Brande sowohl im Innern so viel möglich Einhalt zu thun, als dessen Verbreitung auf die Nachbarschaft zu verhindern. Er hatte einen Schaden von mehr als 80,000 Fl.

Allein der thätige und umsichtsvolle Mann war dadurch nicht entmuthigt; er bedurfte auch nicht einmal der ihm vielfältig dargebotenen, aber von ihm erkenntlich abgelehnten Hilfe, er kaufte vielmehr noch 2 kleinere Nebengebäude zum Abbruch und errichtete ein stattliches sehr großes Brau- und Wohngebäude, forthin das Hacker’sche Brauhaus in der Sendlingergasse genannt, mit einem Aufwande von beiläufig 150,000 Fl.

Das Sudwerk hatte er mit solcher Schnelligkeit wieder hergestellt, daß schon ein Paar Wochen nach dem Brande wieder gebraut wurde. So wirkte P. rastlos bis in das J. 1834. Am 21. Sept. dieses Jahres übergab er seinen 2 jüngeren Söhnen die beiden großen Bierbrauereien. Matthias erhielt das Hacker’sche, Georg das Pschorr’sche Brauhaus. Ueber die 2 Hälften des großen Kellergebäudes ließ er das Loos entscheiden. Der nördliche Theil fiel an Matthias, der südliche an Georg. Schon mehrere Jahre vorher nach jeder Bauvollendung hatte er Jedem derselben die völlige Verwaltung einer der beiden Brauereien mit förmlicher Besoldung, unter seiner Direktion, übertragen.

Diese beiden thätigen Männer fahren in ihrem Geschäftsbetriebe ganz im Geist und nach dem Vorbild ihres Vaters fort. In welchem Flore sie ihr ausgebreitetes Geschäft erhalten haben, erhellet aus der großen Quantität ihres Gerstenmalzverbrauches; so hat z. B. das Hacker’sche Brauhaus für das Sudjahr 1839-1840 in 400 Suden 7606, für 1840-1841 in 404 Suden 7568 und für 1841 bis 1842 in 416 Suden 7716 Scheffel, die Pschorr’sche Brauerei für das Sudjahr 1839-1840 in 382 Suden 7200, für 1840—1841 in 357 Suden 6749 und für 1841-1842 in 411 Suden 8040 Scheffel [Ein baier. Scheffel hat 4,0457 preuß. Scheffel oder 2,2236 franz. Hektoliter.] Gerstenmalz verbraucht, sonach für das letzte Sudjahr beide zusammen 15,756 Scheffel und folglich, da nach den Angaben in öffentlichen Blättern der Gesammtverbrauch aller Privatbrauereien braunen Bieres in der Stadt München (ohne die Vorstadt Au) für dieses Jahr 107,176 Scheffel Malz betrug, allein mehr als der siebente Theil des von denselben überhaupt erzeugten Bieres geliefert.

P.’s älterer Sohn, Kaspar, hatte sich schon lange vorher nach Wien begeben, wo er als Essigfabrikant ein ansehnliches Haus in der Vorstadt Landstraße besitzt.

Als P. sich von dem Hauptgeschäfte zurückzog, erbaute er für sich noch ein besonderes großes Haus im schönen Baustyl auf dem Hauptmarktplatze Münchens (Schrannenplatze) an der Stelle von 2 zu diesem Zweck angekauften Häusern mit einem Aufwande von beiläufig 250,000 Fl., das eine Zierde dieses Platzes ist. Alle von ihm ausgeführten Bauten tragen das Gepräge außerordentlicher Festigkeit, Dauerhaftigkeit und Großartigkeit an sich, so auch sein Familiengrabmonument mit Gruft, welches er auf dem allgemeinen Leichenacker mit einem Kostenaufwande von 6000 Fl. errichtete. Er endete sein Leben an Altersschwäche, mit der Beruhigung, die Seinigen zum sorgenfreien Wohlstände gebracht und in seinem Wirkungskreis Alles geleistet zu haben, was ihm möglich war.

Er besaß einen festen, nicht zu erschütternden Charakter, was er einmal aus reiflich überlegten Gründen beschlossen hatte, das mußte zur Ausführung kommen. Er war eben so wohlthätig als religiös. Schon einige Jahre vor seinem Ableben hatte er sich seinen Sarg verfertigen und in einem Gemache seines Wohnhauses aufstellen lassen, mit solcher Ruhe sah er dem Tod entgegen.

Durch letztwillige Verordnung vermachte er 800 Fl. zum allgemeinen Krankenhause, 800 Fl. dem Waisenhause, 800 Fl. dem Blindeninstitute, 800 Fl. dem Armenfonde, 800 Fl. der Kleinkinderbewahranstalt zu München und 800 Fl. jener in der Vorstadt Au, dann 1600 Fl. zur Verbesserung des Beneficiums der St. Stephanskirche am Gottesacker zu München, mit der Verbindlichkeit eines solennen Jahrtagsgottesdienstes an seinem Sterbetage. Jedem der Dienstboten in seinen und seiner beiden Söhne Diensten zur Zeit seines Ablebens vermachte er eine vollständige Trauerkleidung und denen, welche schon 4 Jahre in Diensten standen, 200 Fl., denen zwischen 3 und 4 Jahren 150 Fl., denen zwischen 2 und 3 Jahren 100 Fl. und den übrigen unter 2 Jahren Jedem 25 Fl.

P. war 4 Mal verehelicht. Er sah bei der Wahl seiner Gattinnen nicht auf Vermögensverhältnisse, sondern nur auf Sittsamkeit, Rechtschaffenheit und häusliche Tugenden. Seine erste Gattin verlor er schon nach 5 Jahren glücklicher Ehe; die vierte, Elisabeth Blaß, hinterließ er als 43jährige Witwe mit einem ansehnlichen Witwengehalt und dem Besitze des oben erwähnten schönen Hauses auf dem Schrannenplatze. Außer den oben genannten 3 Söhnen aus P’s erster Ehe hinterblieben aus der zweiten und dritten noch 4 Töchter, von denen eine unter dem Namen Theresia Augustina den Schleier als Nonne des Ordens der Salesianerinnen in dem Kloster zu Dietramszell in Oberbaiern genommen hat.

Neuer Nekrolog der Deutschen für das Jahr 1841. Weimar, 1843.

 

 

 

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© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.