Kein Grab ist stumm

 

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Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903)

Kindermann August, geboren am 6. Februar 1817 in Potsdam, war der Sohn eines armen Webers, der ihn als Lehrbursch in einer Buchhandlung unterbrachte. Bereits damals fiel seine hübsche Stimme in gesellschaftlichen Kreisen auf, und schon mit 15 Jahren wurde K., ohne eingehenden Vorunterricht, in den Chor des Hoftheaters in Berlin aufgenommen. Generalmusikdirektor Spontini bemerkte die wohllautende Stimme des Knaben und vertraute ihm am 6. September 1837 in seiner eigenen Oper »Agnes von Hohenstaufen« eine erste Solopartie an (»Der Kampfrichter«).

Dies förderte ihn nicht wenig und er erhielt im Laufe der Zeit manch nettes Röllchen zugeteilt. Da er jede Aufgabe zu aller Zufriedenheit löste und stets mit günstigstem Erfolge verwendet wurde, sich aber noch immer nicht eine Aussicht auf entschiedene Besserung seiner künstlerischen Lage zeigte, verließ er 1839 das Hoftheater und nahm als zweiter Bassist Engagement am Leipziger Stadttheater, wo er als »Orovist« in »Norma« debütierte und hierbei seinen ersten unbedingten Beifall errang. Nun war sein Weg geebnet, er fand nicht nur genügende Beschäftigung zur Weiterentwickelung, sondern gehörte während der ganzen Zeit seines Wirkens am Leipziger Stadttheater (1839-1846) zu den Lieblingen des Publikums.

Dort lernte er auch Albert Lortzing kennen, mit dem ihn ein inniges Freundschaftsband verknüpfte. Der Komponist schrieb für den Künstler die Titelrolle seiner Oper »Hans Sachs« (Erstaufführung am 23. Juni 1840 zur Gutenbergfeier) und den »Grafen Eberhardt« im »Wildschütz« (Erstaufführung am 31. Dezember 1842), welche beide Partien K. meisterhaft verkörperte.

1846 erhielt der Sänger einen verlockenden Antrag als erster Bariton nach Wien. Doch veranlaße ihn Franz Lachner zuerst ein Gastspiel am Hofoperntheater in München zu absolvieren und dann erst sein Wiener Engagement anzutreten. Dieses Gastspiel war aber von so außerordentlichem Erfolge begleitet (»Almaviva«, »Jäger«, »Tell« und »Belisar«), daß König Ludwig sofort die Konventionalstrafe zu erlegen befahl, um den Künstler lebenslänglich an München zu fesseln. Im Anfang hatte K. eine etwas schwierige Position, denn Pelegrini war sein Rivale. Er wußte sich jedoch trotzdem in der allgemeinen Gunst immer mehr und mehr zu befestigen, und als 1854 Pelegrini ausschied, wuchs seine künstlerische Stellung ins Gigantische.

Die große Verehrung, die man ihm allgemein entgegenbrachte fand 1871, anläßlich seines 25jährigen Engagements am Münchner Hoftheater, beredten Ausdruck. Man setzte zur Feier »Figaros Hochzeit« an, denn als »Graf Almaviva« hatte er auch vor 25 Jahren an dieser Hofbühne zum erstenmal gastiert, und daß seine Tochter Marie Kindermann, damals Opernsängerin in Kassel, als »Cherubin« mit ihrem Vater auftrat, gab der Festvorstellung noch einen besonderen Reiz. In noch erhöhterem Maße brachten die Münchner ihre Liebe und Verehrung für den großen Künstler am 9. September 1886 anläßich seines 40jährigen Dienstjubiläums zum Ausdruck. Ein Jahr später trat K., der schon längst zum königlichen Kammersänger ernannt war, mit dem Titel eines Ehrenmitgliedes des Hoftheaters ausgezeichnet, in den Ruhestand.

Am 6. März 1891 ereilte ihn der Tod. Dieser Künstler mit der denkbar herrlichsten Stimme war eigentlich Autodidakt, und nie produzierte er mühselig Erlerntes, sondern stets das Ergebnis eigener individueller Auffassung. Die Art derselben war viel mehr ein Ergebnis der Inspiration, der feurigen Begeisterung des Momentes, als der Reflexion, des Grübelns des Theoretikers. Wenn K. stets dabei das Richtige getroffen hatte und der unfehlbare Erfolg den Beweis lieferte, daß seine natürliche Begabung ihm über alle gefährlichen Klippen hinweghalf - so gibt dies Zeugnis von der Größe seines Genies.

Trotzdem verschloß er sich nicht eigensinnig gegen das Gute und Schöne an den Leistungen seiner Kunstgenossen. So lange er lebte, hatte er sich ein unbefangenes Ohr, ein empfängliches Herz für alles bewahrt, was ihm als nachahmenswert erschien. So hat er, der so lange Zeit seiner innersten Überzeugung nach der klassischen Richtung in der Musik huldigte, den interessanten Erscheinungen der Wagnerschen Dramen die höchste Aufmerksamkeit gewidmet und gerade als Wagnersänger Bedeutendes geschaffen. (Er kreierte den »Wotan« bei den Erstausführungen von »Rheingold« am 22. Oktober 1869 und »Walküre« am 26. Juni 1870).

K. besaß ein volltöniges, sympathisches, kräftiges Organ, eine solide, technische Ausbildung, große musikalische Begabung, deutliche Aussprache, lebenswahres, ergreifendes Spiel und einen gesunden Humor. Zu seinen besten Leistungen gehörten: »Pizarro« in »Fidelio«, »Figaro« in der Mozartschen Oper und in Rossinis »Barbier«, »Lord Ashton« in »Lucia von Lammermoor«, »Tristan«, »Stadinger« in »Waffenschmied« etc. Den »Titurel« sang er s. Z. bei den Bayreuther »Parzifal«-Aufführungen. K., der als Naturalist die Laufbahn betrat, wurde durch forschenden Fleiß und besondere Beobachtungs- und Beurteilungsgabe ein Meister, der wie nur Wenige über das innerste Wesen der Gesangskunst Aufschluß zu geben vermochte.

Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert; Verlagsbuchhandlung Paul List; Leipzig, 1903.

 

 

 

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