Kein Grab ist stumm

 

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Ein Beitrag zur Geschichte der königlichen Theater in München (1894)

Bezüglich der am 9. September 86 zu Ehren Kindermann’s stattgehabten Aufführung schreibt der Hagen’sche Bühnen-Almanach:

Hunderte von Rollen hat er gesungen, tausende Male hat er durch die Macht seines Gesangs entzückt und hingerissen, und neuerdings hat er an seinem Ehrenabend bewiesen, daß er diese Macht noch voll besitzt. Das Haus war überfüllt! Als das erwartungsvolle Publikum seinen Liebling erblickte, brauste Jubel und Begeisterung durch den Raum. Jede kleinste Gelegenheit benützte man, um dem Künstler zu beweisen, wie tief er sich in die Herzen Aller hineingesungen. Unter lautloser Stille begann August Kindermann das immer schöne »Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar.« Und da er geendet und die jubelnden Zurufe immer stärker erschollen, die Kränze immer dichter fielen, da hob er den Kranz, der ihm aus der Intendanzloge zugeworfen wurde, auf und mit bewegter Stimme sang er folgende Strophe, die seinen heißen Dank bekunden sollte:

»Nun hab ich gesungen wohl fünfzig Jahr,
Durch Euch war leicht mir die Kunst,
Und ward ich ein Greis mit gelichtetem Haar,
Jung blieb ich durch Eure Gunst.
Ihr habt ein halbes Jahrhundert lang
Mit Huld begleitet meinen Gesang,
Und wenn Ihr sie ferner mir weiht,
Dann bleibt mir die köstliche Zeit.«

Nach dem Schluß der Oper hob sich der Vorhang nochmals zu einer glänzenden Feier. Der Jubilar saß auf einem mit Blumenguirlanden gezierten Sessel, umgeben von allen seinen Colleginnen und Collegen, aus deren Mitte Herr Regisseur Heinrich Richter hervortrat, um in feierlicher Ansprache den Altmeister zu ehren. Bei dem Satze, mit welchem er ihm den goldenen Lorbeer überreichte: »Nimm ihn hin, Du hast ihn redlich verdient, denn du sangst nicht nur mit der Kehle, sondern auch mit der Seele,« stürmte mitten in die Rede hinein jubelnder Beifall. Fräulein Dreßler, die liebliche Darstellerin der Marie, überreichte hierauf den Ehrenpokal,welchen ihm seine Collegen gewidmet hatten. Mit einem vom Chorpersonal gesungenen Hymnus schloß die erhebende Feier, worauf Kindermann mit tief bewegter Stimme dem verehrten Kunstpersonal, sowie dem Publikum in schlichten Worten seinen Dank aussprach. S. k. Hoheit der Prinz-Regent verlieh dem Künstler die goldene Medaille für Wissenschaft und Kunst, S. k. Hoheit Herzog Max die große goldene Erinnerungsmedaille mit seinem Brustbild und eine kostbare Busennadel.

Karl von Perfall: Ein Beitrag zur Geschichte der königlichen Theater in München. 25. November 1867 - 25. November 1892. Verlag von Piloty & Löhle, München 1894.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.