Kein Grab ist stumm

 

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Morgenblatt zur Bayrischen Zeitung (1863)

Johannes Leeb, Bildhauer.
(Nekrolog.)

Am 5. Juli lauf. Js. ging in München der Bildhauer Johann Leeb im 73. Lebensjahre mit Tod ab, dessen Ruf als bedeutender Künstler weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinausreicht.

Derselbe ist am 1. September 1790 in der damaligen Reichsstadt Memmingen geboren, woselbst sein Vater als Strumpfwirkermeister ansässig und wohnhaft war.

Seine Knabenzeit fällt zwar in jene Periode großer politischer Ereignisse, dieselben gingen jedoch an der in aller Stille lebenden Bürgerfamilie so ziemlich spurlos vorüber, und auch in des Knaben Entwickelungsgange trug sich Bemerkenswerthes nicht zu.

Von seinem Vater dazu bestimmt, dereinst das väterliche Geschäft zu betreiben, begleitete er ihn häufig, wenn derselbe mit den Erzeugnissen seines Handwerks nahe und ferne Jahrmärkte besuchte. So kam er auch im Jahre 1804 nach Lindau, woselbst man eben mit dem Bau einer Kaserne begonnen hatte.

Der Anblick der Steinmetzarbeiten für diesen Bau war es, der zuerst seinen Sinn für technische Thätigkeit anregte und er sprach sich mit solcher Vorliebe für dieses Geschäft aus, daß der Vater keinen Anstand nahm, den Sohn diesen Weg gehen zu lassen.

So kam der vierzehnjährige Knabe noch im nämlichen Jahre als Lehrling zu dem Steinmetzmeister Naumann in Lindau, der die Arbeiten für den Kasernenbau zu liefern hatte und war in seinem Herzen glücklich bel der Herstellung derselben Trophäen beihelfen zu dürfen, die ihn kurz vorher so unwiderstehlich angezogen hatten.

Nachdem er seine Lehrzeit vollendet hatte und förmlich als Geselle freigesprochen worden, wanderte er im Jahre 1809 in die benachbarte Schweiz, woselbst er nacheinander in Winterthur, Lausanne und Genf auf seinem Handwerk arbeitete.

Während dieser Zeit schritt seine Ausbildung so weit vor, daß er schon im Jahre 1810 in der Lage war, - er hielt sich damals in Genf auf - die Ausführung reicher Sandstein-Verzierungen selbständig zu übernehmen, welche einen von Herrn von Troneheim auf seinem Landhause zu Coligny, dem Montblanc gegenüber erbauten, im corynthischen Styl gehaltenen, Tempel schmücken.

Damit hatte er bereits die Grenzen des Handwerks entschieden hinter sich gelassen. Genf war nicht länger ein Aufenthalt für das strebsame Talent Leeb's.

Paris erschien zu jener Zeit als der Mittelpunkt nicht blos des politischen, sondern auch des Kunstlebens. Die ersten Sammlungen der Welt waren ihrer Perlen beraubt worden, um die Eitelkeit der Franzosen zu kitzeln. Es zog Leeb, der bedeutendes nicht blos sehen, sondern auch schaffen wollte, nach Paris und er machte sich bereits im nächsten Jahre 1811 dahin auf den Weg.

Napoleon fand in den kurzen Pausen seiner Kriege noch Zeit übrig, die Kunst zu beschützen und die öffentlichen Bauten, wie jene des Louvre, des Pantheon und andre boten willkommene Gelegenheit für junge Talente, sich in ihrer Kunst zu vervollkommnen. So fand auch Leeb am Louvre und am Pantheon, später am kaiserlichen Lustschlosse zu Fontainebleau eine seinen Kräften angemessene Beschäftigung.

Der Einzug der Verbündeten zu Paris im Monate März 1814 machte allen öffentlichen Bauten urplötzlich ein Ende. Leeb ward hievon schwer genug getroffen. An die Stelle eines für die Bedürfnisse des jungen Mannes mehr als zureichenden Entkommens trat mit Einemmale Mangel. Aber schmerzlicher als dieß war es für Leeb, daß er nun keine Mittel mehr besaß, den bei dem Bildhauer Querfaut im Zeichnen und Modelliren genommenen Privatunterricht fortzusetzen. Er mußte sich in Folge dessen darauf beschränken, seiner weitern Ausbildung durch den fortdauernden Besuch der Academie des quatre nations nachzugehen.

Als endlich alle bisherigen Hilfsquellen versiegt waren, griff Leeb, um nur sein Leben zu fristen, zu kaufmännischen Commissionsgeschäften, welche ihm denn auch bis nach dem zweiten Einzuge der Verbündeten in Paris seinen Unterhalt verschafften.

In jenen Tagen hatte er das Glück, dem kunstliebenden Kronprinzen Ludwig von Bayern in Paris vorgestellt zu werden. Der Prinz benützte seinen Aufenthalt zu bedeutenden Ankäufen von Werten antiker Plastik und versetzte Leeb wieder in Thätigkeit, indem er ihm den Auftrag ertheilte, das Gesammelte nach München zu bringen und weiter für die im darauffolgenden Jahre in Angriff genommene Glyptothek dekorative Modelle zu liefern.

Indessen stand des Künstlers Sinn nach Italien gerichtet, woselbst er sich für das figürliche Fach auszubilden gedachte.

Eine lebensgroße Figur der Leda, welche den Beifall des Königs Max Joseph fand, verschaffte ihm die Mittel, diesen seinen Lieblingsgedanken in's Werk zu setzem, da sie ihm ein Reisestipendium eintrug.

Er machte sich sofort (1817) auf den Weg über die Alpen und lag zwei Jahre lang in Rom mit dem größten Eifer seinen Studien ob.

Als nach Ablauf dieser Zeit das Stipendium, erlosch, wanderte Leeb nach Neapel, wo er hoffte, für die Kirche St. Vincenz und Paul Aufträge zu erhalten. Zwar gelang ihm dieß nicht; das Schicksal entschädigte ihn jedoch dadurch, daß er dem Herzoge von Alba empfohlen wurde, der ihm den ehrenden Auftrag ertheilte, den Hylas mit der Nymphe in Marmor auszuführen, eine Aufgabe, deren glückliche Lösung ihn drei Jahre im schönen Neapel festhielt.

Hatte den Künstler in Paris die Wiedereinführung der legitimen Herrscherfamilie um seine Existenz zu bringen gedroht, so brachte ihm dagegen in Neapel der von den Carbonari's gegen das Princip der Legitimität geführte Kampf großen Nachtheil. Der Carbonarismus verscheuchte nemlich den Herzog von Alba aus Neapel. Indeß war die Gefahr nur eine vorübergehende und die für den Herzog begonnene Gruppe ging in den Besitz des mit den Occupationstruppen nach Neapel gekommenen österreichischen General-Lieutenants Freiherrn v. Keller über.

Aus jener Zeit stammt auch eine in Marmor ausgeführte Psyche und ein Porträt Paganini's, welches dem Künstler durch die frappante Aehnlichkeit und geistreiche Auffassung viele Freunde erwarb, und zugleich eine ansehnliche Anzahl von Bestellungen von Gypsabgüssen für Neapel, Palermo und Genua verschaffte.

(Schluß folgt.)

Johannes Leeb, Bildhauer.
(Nekrolog.)
(Schluß.)

Im Jahre 1822 kehrte Leeb wieder nach Rom zurück und arbeitete einige Zeit lang in Thorwaldsen's Atelier, woselbst er mehrere Entwürfe des unsterblichen Künstlers unter dessen Augen in Marmor ausführte.

Thorwaldsen, welcher unsern Künstler lieb gewonnen, empfahl ihn dem Könige von Württemberg, der ihm den Auftrag ertheilte, für die auf dem Rothenberge bei Stuttgart erbaute griechische Capelle den Evangelisten Matthäus in mehr als Lebensgröße aus cararischem Marmor herzustellen.

Diesem Auftrage folgte schon im nächsten Jahre (1823) ein weiterer des Grafen Schönborn, der damals eben Rom besuchte und einen schlafenden Amor bestellte, der im Schlosse zu Reinhardshausen am Rhein aufgestellt wurde. Daran reihten sich 1824 die Büsten Stein's und Boerhave's für die Walhalla und 1826 der Auftrag, die zehn weiteren Büsten Mozart's, Händel's, Gluck's, Mehul's, Haydn's, Vogler's, Beethoven's, Winter's und C. M. v. Weber's gleichfalls für die Walhalla auszuführen.

S. Maj. König Ludwig hatte den Künstler schätzen gelernt und zog ihn auch herbei, als es galt, das Giebelfeld seiner Glyptothek mit Statuen zu schmücken. Leeb arbeitete für dasselbe die Statue der Minerva und für zwei untere Nischen den Hadrian und Perikles.

Als im Jahre 1832 die Abgesandten Miaulis, Bozzaris und Plaputas in München erschienen, um dem zweitgeborenen Sohne des Königs Ludwig die Krone des jugendlichen Königreiches Hellas zu Füßen zu legen, modellirte Leeb dieselben nach dem Leben und den Seehelden Miaulis insbesondere als Statuette auf den Anker sich stützend, und fand dafür zahlreiche Abnehmer.

Die Grafen von Preising-Hohenaschau und Preisiag-Moos, die Grafen von Rechberg und Bray übertrugen Leeb die Herstellung zum Theil sehr umfangreicher Familiendenkmäler.

Zu des Künstlers größeren Arbeiten gehört namentlich eine originell erfundene Niobiden-Gruppe zu Pferd in ganzer Lebensgröße. Durch bestehende Anmuth zeichnet sich die in cararischem Marmor ausgeführte Figur der Unschuld aus, welche mit einem Amoretten-Neste spielt. Besonderer Erwähnung würdig erscheint auch ein gleichfalls aus Marmor gemeißelter Amor, den Pfeil schleifend, der auf der Londoner Ausstellung des Jahres 1851 durch die Jury ausgezeichnet wurde.

Fünf Jahre früher ward ihm durch die Empfehlung des Erzherzogs Stephan Gelegenheit geboten, durch mehrere Arbeiten zur Ausschmückung der neuerbauten Kirche zu Marienbad in Böhmen beizutragen.

Leeb hat auch das Verdienst, die terra cotta wieder zur practischen Anwendung gebracht zu haben. Seine in dieser Technik behandelten vier Jahreszeiten fanden nicht blos in Deutschland und der Schweiz, sondern auch in England freundliche Aufnahme.

Während der großen Kunst- und Industrie-Ausstellung zu München im Jahre 1854 schmückte ein Gypsmodell des grandiosen Danaiden-Brunnens von Leeb, den zwanzig Wasserstrahlen belebten, das Querschiff des Ausstellungsgebäudes und es erinnert sich wohl jeder Besucher derselben dieses Kunstwerks.

Zwei Jahre später erhielt Leeb von der Stadt Genf den ehrenvollen Auftrag, für einen der dortigen öffentlichen Plätze einen monumentalen Brunnen zu entwerfen, und dabei das historische Ereigniß der Abwehr des Einfalls des Herzogs Carl Emanuel von Savoyen durch die Bürger von Genf (die Escalade von 1602) zur Anschauung zu bringen. Leeb's geistvolle Arbeit fand in Genf ungetheilten Beifall und übersandte ihm die Stadt dafür die große goldne Medaille sammt einem sehr anerkennenden Schreiben.

Unmittelbar darauf stellte Genf unserm Künstler die Aufgabe, für einen dortigen Platz ein Denkmal zum Gedächtniß des am 15. Angust 1815 erfolgten Anschlusses des Cantons Genf an die Eidgenossenschaft zu erfinden, welche Aufgabe unser Künstler mit demselben großem Geschick löste.

Im Jahre 1857 wandte sich seine Vaterstadt Memmingen an ihn, nachdem sie beschlossen hatte, vor dem neuerbauten Bezirksgerichtsgebäude eine Colossalbüste Sr. Majestät des Königs Maximilian II. aufzustellen.

Das Jahr 1859 fand Leeb mit der Ausführung des Gypsmodells der Hauptgruppe für das zweite der Genfer Monumente beschäftigt: sie zeigt die Helvetia im Vereine mit der Republik Genf, beide als Frauengestalten aufgefaßt, ernst und edel im Ausdruck.

Im selben Jahre arbeitete Leeb im Aufträge der Stadt Winterthur zwei allegorische Figuren über Lebensgröße für das neuerbaute großartige Schulhaus in Stein. Er wählte hiefür die Perseverantia und Diligentia als die Symbole, ohne welche die Wirkungen des Unterrichts und der Bildung nicht denkbar sind.

Als letzte bedeutende Schöpfung Leeb's erscheint die Statue seines Landsmannes Burghard Zingg, der als Geschichtsschreiber und Staatsmann unter seinen Zeitgenossen gleich hervorragte und in hohen Würden stand, so daß er selbst einige Zeit als Gesandter in Konstantinopel fungirte. Sein Denkmal schmückt seit wenigen Monaten einen der Plätze Memmingens.

Leeb hinterließ eine höchst werthvolle Sammlung von Handzeichnungen, meist Entwürfe des verschiedensten Inhalts, Darunter befinden sich namentlich eine Sammlung von Brunnen-Entwürfen in 3 Abtheilungen von je 15 Blättern, geschieden je nachdem sie für öffentliche Plätze, Gärten, oder Parke bestimmt sind, nicht alle bedeutend durch Großartigkeit oder Anmuth der Form, aber alle originell. Mögen sie nicht für immer in den Mappen verschlossen bleiben, sondern auf irgend eine Weise vervielfältigt und so für das Gemeinwesen benützbar werden!

Regnet.

Regnet: Morgenblatt zur Bayrischen Zeitung Nr. 189, Montag, 13. Juli 1863 & Nr. 191, Dienstag, 14. Juli 1863.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.