Kein Grab ist stumm

 

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Die bildende Kunst in München (1842)

Samuel Amsler, Professor an der k. Akademie,

der Sohn eines Arztes, wurde im Jahre 1793 zu Schinznach in der Schweiz geboren, wo er auch den ersten Unterricht, wie in der deutschen, so in der lateinischen und französischen Sprache erhielt; die in ihm schlummernde Kunstanlage erwachte schon früh und er übte sich ohne alle Anleitung im Zeichnen, welches seine Lieblingsbeschäftigung war und auch dann blieb, als er sich der landwirtschaftlichen Geschäfte seiner Aeltern annehmen mußte. Nachdem er sich im Graviren mehrerer Amts- und Handwerks-Siegel, im Radiren und Aezen mit Glück versucht hatte, faßte er endlich den Entschluß, sich ganz der Kupferstecherkunst zu widmen, und begab sich deswegen im Jahre 1810 nach Zürich zuerst zu dem Kupferstecher Oberkogler, später zu dem bekannten Heinrich Lips in die Lehre. Seine Fortschritte waren bald so befriedigend, daß er die alleinige Bearbeitung zweier größerer Platten nach seines Meisters Zeichnung erhielt und eine Nachbildung des heiligen Johannes nach Fr. Müller mit dem allgemeinsten Beifall ausführte.

Nachdem er bereits eine große Kunstfertigteit erlangt hatte, wollte er im Auslande seine Kenntnisse und Erfahrungen bereichern, seinen Geschmack vervollkommnen und was ihm noch fehlte, durch Rath und Belehrung anderer Künstler sich aneignen, und so kam er zuerst im Jahre 1814 nach München, wo er während seines zweijährigen Aufenthaltes die Akademie besuchte und den größten Theil seiner Zeit auf das Zeichnen nach der Natur und der Antike verwendete, zugleich zwei Zeichnungen nach Zurbarans hl. Bruno und einer hl. Magdalena von Carlo Dolce nach den Gemälden in der k. Gallerie fertigte, deren erste er unter der Leitung des Prof. Karl Heß radirte, die andere aber in der Grabstichelmanier ausführte, und zwar in der neueren Stechweise, daß die breite Taille und die Zwischenarbeit an Raphael Morghens Manier erinnert, welche er sich zum Vorbilde genommen.

Im Herbste 1816 begab er sich nach Rom, wo ihn vor allen die herrlichen Gebilde Raphaels im Vatikane begeisterten, daß er sogleich den Entschluß faßte, noch während des Winters sich durch Zeichnungen nach denselben in das Eigentümliche dieses Meisters, was Zeichnung, Form und Charakter betrifft, ganz einzustudiren, um diese unsterblichen Gebilde in der Folge im Kupferstiche wieder zu geben. Vorher aber führte er den Stich einer Charitas nach einem kleinen Relief von Thorwaldsen so befriedigend aus, daß ihm dieser sogleich mehrere Arbeiten nach seinen Werken übertrug, mit deren Stich er die Zeit seines ersten Aufenthaltes in Rom zubrachte und zugleich einen Theil des von Cornelius zu dem Niebelungenliede gezeichneten Titelblattes (den Theil zur Rechten) ausführte.

Da es sich bei dem Nachbilden der Werke beider Meister nicht um Farbe, sondern vorzüglich um Bestimmtheit und Strenge der Umrisse, so wie des Charakters im Runden handelte, wozu die breite Behandlung der neueren Stechweise, so lobenswerth und achtungswürdig sie auch sonst erschien, nicht förderlich und geeignet schien; so bediente er sich hiebei der Behandlung des Grabstichels, wie sie in früheren Jahrhunderten üblich war, die darin besteht, daß die älteren Künstler bei ihren Werken auf eine höchst einfache Weise verfuhren, mit Wenigem Vieles, ja das Wesentlichste leisteten. Sie bedienten sich hiezu nur zweier Taillen, einer Haupttaille in sehr engen Lagen, und einer zweiten, der umwickelnden, theils zur Verstärkung der Schatten überhaupt, insbesondere in den Gewändern, theils und hauptsächlich zur bestimmteren Bezeichnung der Knochen und Muskeln. Die Anwendung einer dritten Taille, der sogenannten malenden, und die Zwischenarbeiten, wobei man dem Stiche noch mittels eines Tuschtones eine malerische Wirkung zu geben beabsichtigte, hatte erst eine spätere Zeit eingeführt. Bei jenen Arbeiten nach Thorwaldsen und Cornelius bediente sich nun Amsler der alten Behandlungsweise und gab auf diese Weise den Geist und Charakter seiner Vorbilder treu und wahr wieder.

Als er aber nach einem vierjährigen Aufenthalte in Rom, im Jahre 1820, in sein Vaterland zurückkehrte und hier den Stich einer kleinen Madonna mit dem Kinde nach Raphael, von welcher er in Perugia noch eine Zeichnung genommen hatte, in runder Form begann und seiner Stechweise auch hiebei treu bleiben wollte; überzeugte er sich bald, daß sie bei Stichen nach Gemälden nicht ganz anwendbar sei. Nachdem er dieses Werk vollendet hatte, begab er sich zum zweitenmale nach Rom, wo er mehrere Platten nach Thorwaldsen, das Bildniß dieses Meisters nach Begas in einem sprechend ähnlichen Stich ausführte, die übrige Zeit aber auf Zeichnungen, meistens nach Raphael, zu künftigen größeren Stichen verwendete, worauf er gegen das Ende des Jahres 1824 wieder in sein Vaterland zurückkehrte und sogleich neben der Fortsetzung des in Rom schon begonnenen Triumphzuges Alexanders nach Thorwaldsen mit dem Stiche der Grablegung Christi nach Raphael begann. Während dieser Arbeiten erhielt er im Jahre 1828 den ehrenvollen Ruf als Professor an die Akademie der bildenden Künste zu München, an die Stelle seines hier in demselben Jahre verstorbenen Lehrers Karl Heß, welchem Rufe er freudig folgte und im April 1829 in München eintraf.

Während er hier den Unterricht in der Kupferstechkunst leitete, vollendete er den erwähnten Aleranderszug, dann die Grablegung Christi und eine heilige Familie, beide nach Raphael, mit solcher Meisterschaft, daß sie allgemeine Bewunderung und Anerkennung erhielten und überhaupt vielleicht zu den beßten Nachbildungen des unsterblichen Künstlers gehören. Mit der größten Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit sind alle Umrisse gezeichnet, alle Theile im Runden bestimmt, der Ausdruck in seiner Tiefe so unvergleichlich aufgefaßt und geschildert, daß man bei dem Anblicke jener Grablegung, bei der unendlichen Zartheit und Zierlichkeit der Umrisse und Formen, in welchen sich der Seele tiefstes Leiden in allen Köpfen, besonders den weiblichen, zu erkennen gibt, kein Nachbild, sondern das Gemälde selbst zu sehen glaubt. Mit der innigsten Theilnahme versenken wir uns bei dem Betrachten der heiligen Familie in die göttliche Ruhe und himmlische Anmuth, welche über alle Gestalten ausgegossen ist, die das Gemüth wunderbar erquickt: das sind Raphaels Charaktere, seine feinen Gesichtszüge und Formen.

Amsler erreichte diese Wirkung bei seinem Stiche dadurch, indem er bei der Ausführung dieser Platten die einfache Stechweise der Alten zu Grunde legte, um der Bestimmtheit und Strenge der Umrisse des Originals keinen Abbruch zu thun, es aber auch nicht verschmähte, mit jener auch die neuere Behandlungsweise zweckmäßig und glücklich zu verbinden, wenn es nöthig schien, dem Ganzen dadurch eine malerische Wirkung zu geben. Zu dem Ende bediente er sich einer Haupt- oder Grundtaille mit enger Lage und zwar an vielen Stellen nur dieser allein, selbst da, wo in ihrer fortlaufenden Bewegung leichte Knochen und Muskelerhöhungen anzudeuten waren. Dabei fehlt es am geeigneten Orte nicht an ungemein leichter, mehr fühl- als sichtbarer Zwischenarbeit, theils um das Licht zu gemäßigteren Mitteltönen zu dämpfen und zur Andeutung zarter Muskellagen, theils zur Erzeugung des nöthigen Tuschtones, um dem Ganzen auch Farbe und Haltung zu geben. Zur Verstärkung der Schatten in den dunkleren und dunkelsten Stellen, und zur kräftigeren Bezeichnung der durch Anstrengung mehr hervorgetretenen Muskeln gebrauchte er eine zweite Taille und brachte in den Fleischtheilen die kalte Nadel vorzugsweise in Anwendung, um seinen Platten einen zarten gefälligen Silberton und eine größere Dauerhaftigkeit zu geben.

So bildete Amsler durch die tiefdurchdachte und mit Erfolg durchgeführte Verbindung der alten und neueren Stechweise eine ihm ganz eigentümliche einfache Weise aus, in welcher man die Sicherheit und Festigkeit der Hand in Führung der Schneidnadel, die Reinheit des Grabstichels, den leichten und zierlichen Schwung der Linien und das sichtbar vorherrschende Streben erkennt, die Taille nicht nur nach der Lage und Bewegung der Muskeln anzulegen, sondern sie auch in ihrer Fortführung gleichsam wie aus sich selbst entspringend und fortlaufend erscheinen zu lassen.

In dem erst vor Kurzem ausgegebenen Blatte der Madonna dei Tempi nach Raphael spricht sich des Künstlers meisterhafte Auffassung des großen Malers und sein Streben nach Vollendung wohl am deutlichsten aus, und es übertrifft an zarter Behandlung und Reinheit des Stichels noch die früheren ähnlichen Arbeiten.

Sein neuestes Unternehmen, welches ihn mehrere Jahre beschäftigen wird, ist der Stich des Oelgemäldes von Overbeck: der Triumph der Religion in den Künsten, welches sich im Städel'schen Institute in Frankfurt befindet, und das er im großen Formate wieder geben wird. Zum Behufe der Zeichnung machte Amsler eine Reise dorthin. Derselbe Gegenstand nach Overbecks erstem Entwurfe wurde bereits von ihm in Umrissen auf Kupfer gegeben.

Dr. Johann Michael von Söltl: Die bildende Kunst in München. München, 1842.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

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