Kein Grab ist stumm

 

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Der Grenzbote (1874)

Oberbayerische Schwurgerichtssitzung.

München, 6. Mai. Vor dem oberbayerischen Schwurgerichte begann heute die Verhandlung gegen den 35jährigen Porzellandreher Heinrich Stöhr aus Burgberg, Gerichts Lichtenfels in Oberfranken, dem schwere Reate zur Last gelegt sind, darunter der Raubmord an Frl. von Hebberling, welcher seiner Zeit unter den Bewohnern unserer Stadt große Entrüstung verursacht hatte.

Die thatsächlichen Momente sind folgende: Am 15. August v. Js. ungefähr um Mitternacht hörte die Magd der Frl. Hebberling, welch' letztere den zweiten Stock des Hauses Nr. 6 an der Amalienstraße bewohnte, heftig schellen; sie kleidete sich rasch an und wollte durch das Küchenzimmer zu ihrer Herrin. Zu ihrem Erstaunen fand sie die von der Küche in den Hausgang führende Thüre von Außen verschlossen; sie rüttelte und klopfte an der Thür und rief dem Fräulein. Nach ein paar Minuten war die Thür geöffnet und vor ihr stand zu ihrem Entsetzen ein Mann, in der einen Hand ein Licht, in der andern ein Beil, ohne Fußbegleitung in Hemdärmel, den Kopf mit einer Larve verdeckt, durch welche nur die Augen, die Nase und ein Theil des Schnurrbartes sichtbar waren; um auch an den Beinkleidern nicht erkannt zu werden, hatte der Mann über dieselben einen Frauenrock gezogen, welcher auf dem Küchentische lag und der Magd Josepha Kreitmeier gehört. Er sagte zur Letzteren: »Sind Sie ruhig, es geschieht Ihnen Nichts«, und sperrte die Küchenthüre hinter ihr wieder ab. Josepha Kreitmeier weiß vor Schrecken nicht mehr, wie sie an das Bett der Hebberling kam; diese lag wie leblos da und Kreitmeier bemerkte sofort, daß sie am Kopfe verwundet war.

Inzwischen hatte der Mann, welcher im Salon Licht und Leuchter genommen und die Schlüssel zu den einzelnen Behältnissen in der Wohnung gefunden, begonnen, in allen Räumlichkeiten herumzuleuchten und die Kästen, Schränke etc. zu öffnen. Nach einigen Minuten fragte er: »Wo ist das Geld?« Fräulein Hebberling richtete sich auf, schaute auf den im Wohnzimmer stehenden Sekretär und sagte zur Magd die einzigen Worte vor ihrem Tode: »Thu dies herunter«, wobei sie auf ein ihr gegenüberhängendes Oelgemälde deutete, auf welchem der bereits abgerissene Glockenzug lag. Die Kreitmeier folgte diesem Befehle, Frl. Hebberling wollte nach dem Glockenzug greifen, der Fremde aber rieß denselben von der Wand weg und legte ihn auf einen Stuhl. Hierauf setzte er das Suchen fort und als er sich in das Speisezimmer begab, hob er die vom Alkoven dahin führende Thüre aus den Angeln und lehnte sie an den Ofen vom Speisezimmer, um auf diese Weise die Hebberling und deren Magd nicht aus den Augen zu verlieren. Ehe er in das Speisezimmer trat, wickelte er die in den vorderen Zimmern genommenen Gegenstände in einen Teppich, womit der Tisch des Wohnzimmers bedeckt gewesen war.

Nachdem er ungefähr eine Stunde lang gesucht hatte, richtete er die genommenen Werthsachen nebst einer kleinen hölzernen Kasette zu einem Pack zusammen und entfernte sich dann durch den Hausgang, dessen Ausgangsthür er sorgfältig abgesperrt hatte, mit einer brennenden Kerze über die Stiegen hinunter durch die hintere Hausthür, deren Schlüssel auf einem Tische in der Küche der Hebberling’schen Wohnung lag. Vom hinteren Hofraum stieg der Räuber über die Planke in den angrenzenden Garten und gelangte dann über den Bauplatz der neuen protestant. Kirche in die Gabelsbergerstraße. An der Planke des fraglichen Gartens hatte er den Rock der Kreitmeier und die Stearinkerze zurückgelassen und eine Woche später wurden auf dem erwähnten Bauplatz ein Beil und ein Stemmeisen gefunden, die dort versteckt waren.

In der Hebberling’schen Wohnung ließ der Räuber ein mit D. G. gemerktes Sacktuch zurück, offenbar in der Absicht, um die Verfolgung auf eine falsche Spur zu leiten. Den Weg zur Wohnung der Frl. Hebberling machte der Räuber durch die benachbarten Gärten, lehnte eine 30 Fuß lange Leiter, welche am nebenanstehenden Atelier zur Befestigung des Blitzableiters angebracht war, an das Hauptgebäude gerade unter dem Fenster der Hebberling’schen Küche, von dessen Brüstung die oberste Stufe der Leiter noch etwa 3 Schuh entfernt war. Von da aus schwang er sich an dem zum Wasseraufzuge gehörigen Seiles zum Küchenfenster, durch welches er in die Küche selbst gelangte.

Die 76 Jahre alte Frl. Hebberling verlor, nachdem sie die oben angeführten Worte zur Magd gesprochen, sofort das Bewußtsein, das auch nicht mehr zurückkehrte. Der gegen 2 Uhr Morgens gerufene Arzt fand sie mit Blut überströmt, eine Rettung war unmöglich und um 6¼ Morgens trat der Tod ein. Die Unglückliche erhielt nach dem ärztlichen Gutachten mit einem Handbeile einen wuchtigen Schlag auf die rechte Scheitelgegend, wodurch ein gewaltiger Sprung im Schädel veranlaßt wurde, der in der Mitte des ersten Scheitelbeines begann und von da bis in die rechte Hälfte der Hinterhautschuppe sich fortsetzte. Verletzungen, welche unter allen Umständen den alsbaldigen Tod zur Folge haben mußten.

Auf ähnliche Weise wie bei Frl. Hebberling wurde im ersten Stocke des Oekonomie-Anwesens der 83 Jahre alten Stadtkämmererswittwe, K. Bösner zu Regensburg eingebrochen, wobei es jedoch nur beim bloßen Versuche räuberischer Erpressung blieb. Dortselbst trat in der Nacht zum 7. Juni v. Js. ungefähr um 1 Uhr auf einmal in das Schlafzimmer der Bösner und deren Tochter ein Mann mit einer sogen. Spitzbuben-Larve angethan, barfuß in der einen Hand ein Licht, in der andern ein Handbeil und verlangte sofort 300 fl. Während nun die Tochter dem Eindringling erklärte, daß sie dieses Geld nicht habe, wurde auch ihre Mutter wach, worauf der Vermummte drohend das Beil mit den Worten erhob: »Heraus du Alte, 300 fl. muß ich haben.« Die beiden Frauen hatten jedoch den Muth, über den Mann herzufallen und entwanden demselben nach mörderischen Ringen das Beil, wobei die Karolina Bösner fortwährend um Hilfe schrie, was den Banditen mit Zurücklassung des Beiles zur Flucht veranlaßte.

Stöhr gesteht auch dieses Reat und behauptet nur, daß er weder Gewalt angedroht, noch gebraucht, sondern in seiner Noth nur um 20-30 fl. gebeten habe. Die alte Frau erlitt bei dem Ueberfall einen solchen Todesschrecken, daß sie seitdem mit einer Irritation des Nervensystems zu kämpfen hat und ein ärztliches Zeugniß bekundet, daß sie als Zeugin nicht erscheinen könne, denn der Anblick des raffinirten Räubers würde auf ihren Gesundheitszustand einen nachtheiligen Einfluß üben. Dem Angeklagten sind noch drei weitere Reate zur Last gelegt, die er aber, da ihm deren Verübung nicht direkt nachgewiesen werden kann, hartnäckig leugnet.

(Schluß folgt.)

Der Grenzbote Nro. 20. Sonntag den 17. Mai 1874.

 

 

 

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© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.