Kein Grab ist stumm

 

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Die bildende Kunst in München (1842)

Clemens Zimmermann.

Eine anmuthige Art epischer Darstellung ist diesem Künstler eigen, eine Art, wie sie jetzt nur vorzugsweise der Malerei zu üben gewährt ist, die darin die lieblichsten Scenen entfaltet und die blütenbekränzten Erscheinungen des Landlebens oder der stillen gemächlichen Häuslichkeit offenbart: die Form der Idylle, in welcher er seine schönsten Schöpfungen gab, zu welcher Darstellungsart er unwillkürlich, durch seine heitere Anschauungsgabe hingezogen wird.

Er ist im Jahre 1788 (4. Novemb.) in Düsseldorf geboren, widmete sich früh der Kunst, ging im Jahre 1808 nach München an die neu errichtete Akademie, wo er mit Eifer seinen Studien oblag und bei allen seinen Arbeiten das Streben nach künstlerischer Besonnenheit, Ordnung der Ideen und Wahrheit der Zeichnung und Charaktere, so wie überhaupt seine wissenschaftliche Bildung sichtbar waren. Das erste Werk, welches ihm Gelegenheit zu besonderer Auszeichnung gewährte, war die gelungene Lösung der Aufgabe: Noahs Opfer. Bald trat dann bei seiner mächtig fortscheitenden Entwicklung, wobei er sich häufig in der Porträtmalerei, der richtigen Auffassung und Darstellung der verschiedensten Charaktere übte, jene liebliche Idyllenform bei seinen freien Schöpfungen hervor, die gewissermaßen seine Eigentümlichkeit bezeichnet und sich in den trefflichen Oelgemälden aussprach: Theseus und seine Mutter, welches Bild er noch als Schüler der Akademie im Jahre 1814 ausführte.

Im Jahre 1815 wurde er von dem Könige Maximilian zum Professor ernannt und an die Spitze der Kunstschule in Augsburg gestellt. Da aber diese Anstalt gerade damals einen größeren Wirkungskreis in freieren Räumen erhalten sollte, und seine Gegenwart bis zur Herstellung derselben nicht nöthig war; so benützte er diese Zwischenzeit, um dem Drange seines längst genährten Wunsches zu folgen und eine Reise nach Italien zu unternehmen. Der König selbst ermunterte ihn dazu und gewährte ihm eine bedeutende Unterstützung aus seiner Kabinetskasse. Im Jahre 1816 trat der Künstler die Reise an, besuchte alle jene Orte, in welchen die Kunstschöpfungen der blühendsten Kunstperioden Italiens sich finden, nährte und belebte seinen Geist an ihnen, und kehrte im Jahre 1817 an seinen Bestimmungsort zurück.

Seine ersten Werke, die er in Augsburg vollendete, waren eine liebliche Madonna mit dem Kinde und dem kleinen Johannes in anmuthiger Landschaft, dann ein Johannes in der Wüste, lebensgroße Bildnisse; dann mehrere in kleinerem Maßstabe, die fast alle religiöse Motive zum Gegenstände haben.

Neben diesen ächt lyrischen Darstellungen fand er vielfache Gelegenheit, sein schönes Talent in Porträtmalerei zu zeigen.

Seine vielen Bildnisse, welche er während seines Aufenthaltes in jener Stadt malte, athmen Leben und lassen den inneren Charakter sichtbar erscheinen; beinahe jede bedeutende Familie in Augsburg besitzt von ihm das Bildniß eines Familiengliedes, in der Gemäldesammlung ist von ihm das treffliche lebensgroße Ebenbild des Königs Mar Joseph. Der Drang weiterer Ausbildung und die Meisterwerke der ersten Maler zu studieren, mehr als dieses in Augsburg möglich war, führte ihn im Jahre 1816 wieder nach Italien, wo er alle bedeutenden Städte und Kunstsammlungen besuchte, und dann im dritten Jahre mit reichen Erfahrungen im Kunstgebiete und lebendig erhaltener Anschauung jener herrlichen Werke nach Augsburg zurückkehrte, wo er mit rastlosem Eifer und anerkannter Wirksamkeit seiner Kunstschule vorstand. Als Cornelius die Ausführung der Freskogemälde in der Glyptothek begann, rief er zur hilfreichen Theilnahme den Professor Zimmermann, der mit königlicher Genehmigung mehrere Jahre zur Förderung des Werkes die Sommermonate in München zubrachte.

Im Jahre 1825 veranlaßte sein hoher Sinn für Farbengebung und seine glückliche angenehme und gründliche Lehrgabe, die er bei der Ausführung jener Freskobilder auf das Glänzendste beurkundet hatte, seine Berufung als Professor an die k. Akademie der bildenden Künste nach München, zunächst um die Fresken in der Glypthothek ausführen zu helfen.

Nachdem diese vollendet waren, schmückte er die Decke des Tanzsaales im Palaste des Herzog Max, und führte ein schönes Bild in Fresko aus: die Krönung Mariens, das in der Kapelle jenes Palastes aufgestellt ist. Darauf erhielt er den ehrenvollen Auftrag, den Speisesaal im Königsbau mit vier und dreißig Darstellungen aus den Liedern Anakreons zu schmücken, wobei er sich ganz seiner Neigung überlassen konnte, und in seinen Entwürfen wieder ganz als Idyllendichter zeigte, wie er in lebendiger anmuthiger Darstellung die schalkhaften und fröhlichen Lieder und Erzählungen des greisen Sängers versinnlichte, daß sie auf glückliche Weise wahrhaft ins Leben eingeführt, ihnen gleichsam Körpergestalt gegeben scheint, und der Beschauer sogleich auf den ersten Blick das der Darstellung entsprechende Lied wieder finden, ja wenn ein solches Lied noch nicht gedichtet wäre, Jeder es sogleich selbst erfinden müßte.

Ich nenne hier nur jene Bilder, welche dem Künstler eine reiche Gruppenentwicklung gewährten; in ihnen vorzüglich zeigt sich der episch-idyllische Charakter, jener lebendige Hauch, der alle Gestalten des Bildes durchzieht und sie alle miteinander in Verbindung zu einer bestimmten, für jeden Beschauer leicht erkennbaren, Handlung bringt. Hier sitzt der alte Sänger, rosenbekränzt, das Obergewand haftet lose über der linken Schulter, die Rechte und die Brust sind unverhüllt; lächelnd hält er mit der rechten Hand die Schale dar, nicht wie ein Durstiger, sondern wie Einer, der zum Vergnügen trinkt und schon ziemlich viel getrunken hat, was die aufstützende Linke anzudeuten scheint. Um ihn her welche Geschäftigkeit! Hinter ihm kniet ein Diener und füllt eine neben ihm stehende Schale, ein Anderer hinter Diesem erhebt eben den Becher, dazu kömmt ein Mädchen mit Trauben. Vor dem fröhlichen Alten aber stehen zwei Mädchen in schöner Gruppe, Kopf geneigt an Kopf und die Arme liebevoll in einander verschlungen, und betrachten theilnehmend lächelnd den Sänger, eine Dritte neben diesem hält einen vollen Krug und vorwärts an sie schließt sich zur Rechten des Beschauers eine andere Gruppe von drei Gestalten: ein Jüngling, vielleicht Bathylos, schaut in liegender Stellung nach Anakreon um, während ein Mädchen auf dessen linke Schulter die Hände legt und sich ebenfalls nach dem Sänger wendet, indeß ein Jüngling in vollen Zügen aus einem Becher schlürft. Unwillkührlich möchte man bei Betrachtung dieses Bildes mit dem Sänger ausrufen: Gebt mir, gebt mir zu trinken!

In einem anderen erkennt Jeder sogleich die Schilderung eines Winzerfestes: die Weinlaube links, daneben Mädchen, welche das Tamburin schlagen, rechts aber Jünglinge und Mädchen, Jene Körbe mit Trauben gefüllt herbeibringend, während Diese sie in die Kufen schütten, Andere Most schlürfen und Knaben mit Trommeln u. s. w. ihr Spiel treiben; in Mitte des Bildes aber steht Anakreon freudig, den vollen Becher in der Rechten erhebend, die Linke mit einem gefüllten Kruge gesenkt. Und hier finden wir den greisen Sänger auf dem Ruhebette, diesesmal ohne Kranz. Eben wacht er aus einem angenehmen Traume auf, er sah sich von lieblichen Mädchengestalten umgauckelt, er erwacht, will sie in Wirklichkeit schauen und streckt die Hände, sich aufrichtend, nach den Entfliehenden aus; schon schwinden die Einen in der Ferne dahin und verhüllen sich, dichte Schleier nebelartig um sich hüllend, Andere verstecken sich, schalkhaft lächelnd, hinter seinem Rücken, Andere beugen sich zu seinen Füssen neben das Ruhebett, um nicht gesehen zu werden.

Ein anderes eben so anmuthiges als charaktervolles Bild stellt den greisen Sänger, dessen Leier noch immer von Wein und Liebe tönte, im Kreise blühender schäckernder Mädchen dar, die in den schönsten mannichfaltigsten Gruppen umher stehend oder sitzend gereiht sind. Der Dichter sitzt, er mochte so eben sein Lieblingsthema gesungen haben, die Rechte ruht auf der Leier, während er die Linke in der anmuthigsten Bewegung vor sich hin ausstreckt, und sein ganzes Antlitz von einem seligen Lächeln verklärt ist; denn seht! ihm halten zwei schelmische Mädchen lachend einen Spiegel dar, aus dem das heitere, aber greise Angesicht des Dichters zurückstrahlt, als wollten sie sagen: Du wirst alt, Anakreon, laß diese Gesänge. Dieser Moment ist der Lebens- und Handlungsfunke des Bildes; alle anderen Mädchen wenden auf das muthwillige Kichern jener Zwei ihr Gesicht nach dem Spiegel oder dem Sänger, der zu sagen scheint: Mag ich auch alt werden, zu trinken und zu lieben geziemt sich doch.

Diese und ähnliche Scenen, von welchen besonders ansprechen: Amors Besuch bei dem Dichter und Amors Klage bei seiner Mutter Aphrodite, die ihn über den Stich einer Biene schalkhaft lächelnd tröstet, sind theils von dem Künstler selbst nach seinen Entwürfen, theils von seinen Schülern in solch harmonischer Weise und mit solchen lebendigen Farbentönen ausgeführt, wie dieses in Wachsfarben anfangs nur möglich war, da die Frische und die sanften Uebergänge zwischen Licht und Schatten, welche mit Oelfarben hervorgebracht werden, dort wiederzugeben unmöglich schien. Er hat die Absicht, diesen Bilderkreis in radirten Blättern, seiner Zeit, herauszugeben.

In Anerkennung dieses ausgezeichneten glücklichen Talentes für Form und Farbengebung erhielt er den königlichen Auftrag, die kleinen Skizzen des Cornelius für die Loggien der Pinakothek in Cartons und dann in Freskobildern selbst auszuführen, und die gediegene Lösung dieser Aufgabe beschäftigte ihn mehrere Jahre, entzog ihn aber der Ausführung eigener Schöpfungen, da er die Sommermonate beinahe ausschließlich mit rastlosem Eifer an jenen Bildern arbeitete, und außerdem, besonders aber in den Wintermonaten nebst der Fertigung der Cartons zu diesem Werke die Arbeiten von beinahe hundert Schülern im Antikensaale bewacht und sie mit Rath und That fördert.

Während dieser vielfachen Thätigkeit ward der Künstler jedoch der Oelmalerei nicht untreu, sondern vollendete außer mehreren höchst gelungenen Bildnissen und der Vermählung der hl. Katharina, ein großes, gegen 7 Schuh langes uud 5 Schuh hohes Bild aus der biblischen Idylle, welcher er mit großer Zuneigung huldigt und aus welcher er schon früher einen großen Carton ausführte, wie Joseph von seinen Brüdern verkauft wird, wobei man die plastische Ausführung der Formen, Sicherheit der Zeichnung und die ausdrucksvolle Charakterauffassung allgemein lobte.

Als Gegenstand des neuesten Bildes dieser Art aber ist der Augenblick gewählt, wie der junge Tobias mit seiner errungenen Gattin aus dem Hause ihrer Eltern scheidet. Unter einem hohen Vorhause, durch welches sich zur linken Seite hin die Aussicht auf eine südlich warme, fremdartige Landschaft öffnet, ist die Abschieds-Scene dargestellt; die Hauptpersonen treten vor den übrigen in kenntlicher ausgezeichneter Weise hervor. Unter dem Ausgange des Vorhauses steht schon ein bepacktes Kameel, darauf sitzt eine jugendliche Frau, die sich zurückwendet nach den Personen, welche sich auf dem Säulengetragenen Stiegenhause befinden und sich über die Brüstung neigen, voll Theilnahme an der Scene, welche vor und unterhalb ihnen vorgeht. Die blühende junge Gattin küßt zum Abschiede die Mutter, der Vater steht daneben und erhebt die eine Hand zum Segen. Auf sinnige Weise wird diese Gruppe mit derjenigen verbunden, welche gegen den Ausgang des Vorhauses hin edle Männergestalten bilden: Tobias von dem Engel, der die eine Hand auf dessen Schulter legt, zur Eile gedrängt, streckt die linke Hand nach seiner Gattin zurück, als wolle er sie fortziehen. Zwischen den beiden Gruppen ist im Hintergründe, damit kein unangenehmer Raum bleibe, ein Diener beschäftigt, Schafe vorwärts zu treiben. Andere sind außerdem gehörig vertheilt, und Alles deutet den Augenblick des Scheidens an. Die Gestalten selbst mit ihren markirten orientalischen Gesichtern, dazu die südliche, doch fremdartige Landschaft mit dem glühheißen Lufttone, und die Engelgestalt neben dem jungen Manne läßt jeden Beschauer sogleich die Deutung des Bildes erkennen, wie es bei der gelungenen Darstellung eines Kunstwerkes stets der Fall ist und seyn muß.

Schon beschäftigt sich der Künstler wieder mit neuen ähnlichen Entwürfen, die er in Oel auszuführen gedenkt, da er im September 1840 die Freskobilder in den Loggien der Pinakothek zu seinem Ruhme und zur Freude der Beschauer vollendet hat.

Dr. Johann Michael von Söltl: Die bildende Kunst in München. München, 1842.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.