Kein Grab ist stumm

 

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Nürnberger Blätter für Theater, Kunst, Mode und geselliges Leben (1844)

Ulm. Nachdem der beliebte Komiker und Schauspielkünstler, Hr. Ferd. Lang, Mitglied der Münchner Hofbühne, mit glänzendem Erfolge hier gastirte, ist nunmehr ein vielversprechender Schüler des Hrn. Lang, nämlich Hr. Heinrich Büttgen, Sohn eines angesehenen Bürgers von München, aufgetreten.

Hr. Büttgen besitzt eine hohe, gefällige, schlanke Gestalt für jugendliche Helden- und Liebhaber-Rollen, ein reines, kräftiges, biegsames, voll- und wohlklingendes, gutes Organ, verbindet damit eine reine Aussprache der Laute, richtige Artikulation, Lebendigkeit des Vortrags, kluge Vermeidung des Copirens und der Manieriertheit, zeigt Talent für Geberdensprache und Mimik, verräth Phantasie, Gefühl, Beurtheilungsvermögen, ausgezeichnetes Gedächtniß etc.

Die Ulmer Schnellpost vom 26. April N. 96 meldet über das Spiel des Hrn. Büttgen, welcher im Ulmer Stadttheater seine Erstlings-Opfer auf den Altar Thaliens legte, Folgendes: Hr. Büttgen (Heinrich in »Parteiwuth«) löste seine Aufgabe mit mehr Tüchtigkeit, als sein erstes Auftreten erwarten ließ. Mittel (namentlich ein sonores Organ und deutliche Aussprache), Eifer, Talent und fester Wille sind da, und wenn letzterer vielleicht auch hin und wieder Übergriffe macht, so zeugen diese doch mehr für die Berufung als jene passive Unbeholfenheit, die den Anfänger sonst zu carakterisiren pflegt. Wird Hr. Büttgen erst den übersprudelnden Genius in der Brust zurückhalten, mit einem Worte, wird er haushälterischer mit dem Fond zu seyn lernen, den ihm Natur und Studium geben, so wird er bald ein recht brauchbarer Jünger der schönen Kunst werden, der er sich widmete. An seiner ersten Darstellung müssen wir zunächst Wärme und richtig berechnete Aktion rühmen.

Dazu muß noch bemerkt werden, daß Hr. Büttgen nicht so glücklich war, in einer der Hauptparthieen, die er einstudirte, sich zu zeigen, sondern daß er die Rolle des Heinrich erst zwei Tage vor der Aufführung des Stückes schnell übernahm und ohne alle Hülfe lernte, was für einen Anfänger keine leichte Aufgabe ist.

Er dürfte sofort für manche Bühne eine willkommene Acquisition werden, zumal, da seine Vermögensverhältnisse ihn eben nicht zwingen, nach ansehnlichem Honorar zu streben, vielmehr sein reiner Enthusiasmus für die Kunst ihm nur eine Bühnendirektion wünschen lassen, welche ihm Gelegenheit gäbe, sein verwendbares Talent in jugendlichen Helden- und Liebhaber-Rollen zu versuchen.

Nürnberger Blätter für Theater, Kunst, Mode und geselliges Leben. No. 52. Donnerstag, den 2. Mai 1844.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.