Kein Grab ist stumm

 

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Deutscher Bühnen-Almanach (1878)

Heinrich Büttgen.

Fast wäre man versucht, es ein Stillleben zu nennen, so ruhig und gleichmäßig, so anspruchslos und seitab dem unsteten Treiben der leitenden und bewegenden Kreise schien es dem Fernstehenden dahin zu gleiten. Und doch war es ein mehr als dreißigjähriges Ringen und Streben, ein langer Weg der künstlerischen Arbeit und Entwickelung, ein mühsam Steigen mit seltenem Haltpunkt, Jahr um Jahr, Monat um Monat, eine sorgliche Rückschau auf das Vollendete, bald ein freudiger Ausblick, wenn ein entschiedener Schritt nach vorwärts glücklich gelungen war, öfter fast ein Anhauch schmerzlichen Zweifels, aber niemals ein Schritt zurück, nie ein Bedenken, wenn es galt, auch unter schwierigen Verhältnissen der Kunst zu dienen, der übernommenen oder der neu angesonnenen Pflicht zu genügen, - eine stete Bereitschaft im selbstgewählten, mit Begeisterung erfaßten, mit männlicher Treue festgehaltenem Berufe. Wir sprechen von Heinrich Büttgen, einem der ältesten und bewährtesten Mitglieder der Münchener Hofbühne, welcher derselbe, noch an der Neige des Jahres 1876, in der Vollkraft seines stets kerngesunden Lebens entrissen worden ist; wir sprechen von einem Münchener mit Leib und Seele, wie sein Thun und Treiben von frühester Jugend auf bewies.

Geboren am 4. April 1821 zu München als der Sohn des Hof- und Cabinetsschlossermeisters Heinrich Büttgen, bereitete er sich selbst ebenfalls für den bürgerlichen Lebenslauf so vor, wie das damals für die Kinder behaglich lebender Familien üblich war, indem er die Lateinschule des k. Erziehungs-Instituts besuchte und dann im elterlichen Geschäfte die nöthigen technischen Kenntnisse sich aneignete, die er in fremden Städten zu erweitern suchte, um einst mit Ehren in des Vaters Fußtapfen zu treten.

Allein früh schon gährte in seinem Innern die Liebe zur Schauspielkunst, zu der ihn neben der feurigsten Neigung auch eine schöne, kräftige Gestalt und ein gesundes, wohltönendes, weitreichendes Organ besonders zu befähigen schienen. Der würdige Veteran der Münchener Bühne, Ferdinand Lang, dann der seinen noch lebenden Zeitgenossen noch immer unvergeßliche Heigel waren es, welche ihn in das Heiligthum der Kunst einführten. Am 9. April 1844, nachdem er eben das 23. Lebensjahr vollendet hatte, wagte Büttgen den ersten Versuch vor den Lampen des Stadttheaters in Ulm unter der Direktion Dardenne. Es kennzeichnet die damaligen Verhältnisse dieser Bühne und die Umstände überhaupt, daß der junge Kunstpriester am ersten Abende in einem Stücke - es war Raimund's »Verschwender« - drei Rollen spielen mußte, freilich alle drei so bescheiden, daß das Publikum die neugewonnene Kraft wohl in keiner derselben sonderlich bemerken mochte. Von diesem Tage an führte Büttgen bis zu seinem letzten Auftreten - 32 Jahre hindurch - ein genaues Tagebuch aller von ihm gespielten Rollen, welches einen interessanten, freilich nicht immer freudigen Einblick in eine wechsel- und drangvolle Künstlerlaufbahn gewährt.

Uebrigens weist schon nach anderthalb Wochen dieses gewissenhaft geführte Rollenbuch eine beachtenswerthe Partie auf, den Heinrich Land in der »Parteiwuth« oder: »Die Kraft des Glaubens«, und noch im selben Monat folgte Kosinsky in den »Räubern« und der Kandidat Wahl in »Der gerade Weg ist der beste«. Der Aufenthalt in Ulm war kurz, die Saison stand am Ende, den Münchener zog es, nachdem er im Ganzen neun Mal in Ulm aufgetreten war, heimwärts, wo das Theater der Gesellschaft »Frohsinn«, auf dem gar manches hübsche Talent zuerst sich offenbarte, das dann unter glücklichen Sternen einer ehrenvollen Laufbahn entgegeneilte, Gelegenheit bot, sich vor den Augen der heimischen Kunstwächter zu zeigen. Hier spielte Büttgen bis am 29. November desselben Jahres, wo endlich sein sehnlichster Herzenswunsch in Erfüllung ging, indem er an dem K. Hof- und Nationaltheater seiner Vaterstadt München als Kunsteleve durch den K. Intendanten Freiherrn v. Frays aufgenommen wurde und am 23. Dezember dieses Jahres noch auf der Hofbühne und zwar als Flurschütz im »Tell« auftreten durfte.

Monat für Monat brachte neue Rollen, von denen viele auch der gereifte Mann noch trefflich wiedergab. Von jenem Tage angefangen, hat er dann 3761 Mal die Bretter des K. Hoftheaters betreten. Rechnet man dazu noch die Rollen, welche er vom Jahre 1870 ab im Kgl. Volkstheater am Gärtnerplatz, sowie jene, welche er auf einigen Kunstreisen spielte, so wird es nicht zu hoch gegriffen sein, wenn man die Ziffern seines Auftretens mit 3900 voll annimmt. Es dürfte aber auch wenig Künstler geben, welche mit solcher Hingebung ihrem Berufe und der Kunst gelebt, wie er, denn häufig genug ist es vorgekommen, daß er, obgleich sich manchmal ernstlich unwohl fühlend, aus Berufstreue, und um nur keine Störung des Repertoires zu verursachen, seine Rolle spielte; das war insbesondere auch am 20. November 1876 der Fall, wo er, bereits von schwerem Leiden heimgesucht und bettlägerig, gleichwohl sich siech und matt nach dem Theater schleppte, und so elend nach Hause zurückkehrte, daß er zwei Tage darauf sich für immer niederlegte.

Der Juli 1847 bringt im oben erwähntem Tagebuch eine wichtig Notiz. Der 26jährige Schauspieler durfte sich in »Kabale und Liebe« an den Kammerdiener wagen, für den damals Männer, wie Jost und Heigel vorhanden waren, fand lebhaften Beifall und eigenste Befriedigung. Denn während er sonst nur sehr kurz den erzielten Applaus, manchmal aber auch ein selbstkritisches derbes »schlecht« vermerkt, setzt er hier in unverkennbarer Freude die Worte bei: »Erste Rolle im alten Fach mit Glück. Das ist der Platz, den die Natur meinem Talente angewiesen.« Nebenan steht eine, seine Zukunft betreffende, frohe Hoffnung kündende weitere Bemerkung. Aber wie zur Strafe für die so leicht verzeihliche Hochschätzung der eigenen Kraft, machte der Schreiber noch mit der gleichen Tinte einen unwilligen Strich durch. Die mitgetheilten Sätze ließ er unangetastet, ein sicheres Zeichen, daß er auch später nie an ihre Wahrheit zweifelte.

Im klassischen Repertoire sind wenig Stücke, in denen er nicht beschäftigt war, aber auch der vorübergehenden Erscheinungen zählt sein Buch eine lange, lange Reihe auf, in den ersten Jahrzehnten mit interessanten Notizen über wichtige Vorkommnisse im Theaterleben ausgeschmückt, die später seltner vorkommen, und sich endlich ganz verlieren. Die sogenannten guten Rollen sind mit eigenen Zeichen versehen; ein Beweis der strengsten Selbstkritik liegt darin, daß diese Zeichen schon seit Jahren seltener wurden, selbst bei Rollen, bei denen sie nie fehlten. Mit der Reife des Mannes reifte die Strenge des Urtheils über die eigene Leistung. Gastspiele sind, außer einem solchen in Augsburg, nicht verzeichnet, obwohl er einige Male in anderen deutschen Städten, insbesondere im April seines letzten Lebensjahres 1876 mit großem Beifall in Nürnberg gastirte.

Auch den kontraktlichen Urlaub genoß Büttgen, ehe die Theaterferien eingeführt wurden, selten. Er war am liebsten in München, bei seinem Theater, denn die Lust am Wanderleben war ihm fremd, so daß von »brillanten Gastreisen«, »enthusiastischen Aufnahmen« etc. die Biographie wenig zu berichten hat; war doch Büttgen kein Mann der jetzt so üblichen Reklame und gesellte sich zu diesem Umstande seine wohl von seiner bürgerlichen Herkunft entstammende Vorliebe für Seßhaftigkeit. Wo er aber gastirte, fand er ein dankbares Publikum. Daß ihn der Beifall des Publikums erfreute, ihn ehrte, zeigte er dadurch an, daß er jede derartige Bezeugung gewissenhaft in seinem Buche eintrug. Das dankbarste Publikum waren freilich die Münchener, die in dem unermüdlich strebenden Künstler, den sie von kleinen zu größeren, von diesen zu ersten Charakterrollen sick emporarbeiten sahen, dessen Fleiß und Streben unermüdlich war, nicht minder den Menschen als den tüchtigen Schauspieler achteten und liebten. Zwar war Büttgen kein Mann des Kothurns, kein mit allen rhetorischen Wässerchen gewaschener Deklamator, aber trotzdem, oder vielleicht eben deshalb ein ausgezeichneter Darsteller, sobald er seiner Individualität zusagende Charaktere zu zeichnen hatte. Wo es sick um markige Kraft des Ausdruckes, um natürlichen Humor handelte, da befand er sich in seinem ureigensten Elemente. Und so war er denn gerade unschätzbar für jenes echte Volksstück, das auf den Zuschauer wirkt wie ein guter alter Holzschnitt. Seiner liebenswürdigen, geselligen Eigenschaften wegen war er überall ein willkommener Gast, ein gesuchter Gesellschafter. Gewandtheit im Improvisiren, ein trockener Humor, eine herzliche, biedere Gemüthlichkeit, vor Allem ein gerader, offener, ehrlicher und anspruchsloser Charakter gewannen ihm Freunde in allen Kreisen, namentlich in den studentischen, die sich von seiner Seite einer ganz besonderen Bevorzugung erfreuten, Treue und Gewissenhaftigkeit im Berufe, die Anerkennung seiner Vorgesetzten und die Zuneigung seiner Collegen.

Das zeigte sich deutlich nach seinem Tode, der die meisten seiner Bekannten, ja die ganze Stadt München überraschte, von ihm selbst aber sichtlich geahnt war; denn als er am 20. November von der Vorstellung »Die Maler« heimkehrte, schrieb er resignirt in sein Tagebuch »Das war meine letzte Rolle, heut’ hab ich zum letzten Male gespielt!« - Und er hatte Recht gehabt - drei Wochen später, am Sonntag, den 10. December Abends 7 Uhr starb der Künstler, ruhig und gottergeben schloß sich das schmerzensmüde Auge für immer. Ein akut aufgetretenes Herz- und Nierenleiden mit erfolgter Herzlähmung setzte seinem, der Kunst mit Hingebung geweihten Leben im 55. Jahre ein zu frühes Ende.

An seinem Sarge stand seine trostlose Wittwe, mit der er 32 Jahre zusammen im Dienste der Kunst an der Münchener Hofbühne gewirkt hatte, standen seine drei Tochter (von denen die älteste, Caroline, mit dem k. bayer. Hofschauspieler Franz Herz, die jüngste, Julie, mit dem k. bayer. Geh. Staatsarchivs- und Ordens-Sekretär Ernst v. Destouches verheiratet ist) und drei Enkelkinder.

Eine allgemeine tiefgehende Theilnahme hatte sich schon während Büttgen's Krankheit, um so mehr bei der Nachricht seines Hinscheidens in ergreifender Weise kund gegeben, und als man ihn am 13. Dez. 1876 auf dem alten südlichen Friedhofe Münchens zu Grabe trug, da war sein Sarg mit Blumen- und Lorbeerkränzen förmlich überdeckt. Die ersten Mitglieder des Schauspiels und der Oper, darunter auch sein erster Lehrer, der greise Ferdinand Lang, mit Florschärpen, Wachskerzen tragend, begleiteten den Sarg, dem in endlosem Zuge, nach den beiden Schwiegersöhnen des Verstorbenen, der k. General-Intendant Freiherr v. Perfall, der Hof-Sekretär des Königs, Hofrath v. Dufflipp, der interimistische Leiter des k. Staats-Ministeriums des k. Hauses und des Aeußern, Staatsrath Dr. v. Daxenberger, sämmtliche Beamte und Mitglieder der beiden k. Theater, die Mitglieder der k. Hofkapelle, einer Anzahl von Gesellschaften, Vereinen, Studenten-Corps, sowie eine endlose Reihe von Leidtragenden aus allen Ständen folgten. Man sah deutlich, daß ein Liebling des Münchener Publikums, ein hochachtbarer Bürger der Stadt, zu Grabe getragen ward.

Daß Büttgen's früher Tod als ein Verlust für die deutsche Schauspielkunst nicht blos in München selbst, sondern weit über das Weichbild der Stadt hinaus, schmerzlich empfunden wurde, das bewiesen vor Allem die ehrenvollen Nachrufe, die ihm nicht blos von den Münchener Lokalblättern, sondern auch von den geachtetsten Journalen Süddeutschlands gewidmet wurden, das bewiesen ferner die Zeichen herzlichster Theilnahme, die seiner Familie von Nah und Fern - so u. A. auch von Oskar v. Redwitz aus Schillerhof bei Meran - zukamen.

Darum wird aber auch sein Angedenken auf lange Zeit in Ehren fortleben in den Herzen seiner vielen Freunde und Verehrer und in der Geschichte der Münchener Hofbühne; in den Annalen der Stadt wird er sicherlich einen Ehrenplatz einnehmen! Ihm aber, der den Kampf des Lebens ausgerungen, ihm rufen wir in sein frühes Grab nach:

»Ruhe sanft in Frieden!«

Deutscher Bühnen-Almanach. Berlin, den 1. Januar 1878.

 

 

 

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