Kein Grab ist stumm

 

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Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903)

Herz Franz, geboren am 24. Dezember 1817 in Münster als Sohn eines Offiziers und einer Schauspielerin. Er sollte ursprünglich Kaufmann werden, jedoch als er 1835 nach Duisburg kam, um daselbst in eine große Fabrik einzutreten, versuchte er sich bei einer Wandertruppe, die daselbst in einer Scheune Komödie spielte, als »Adam« in »Dorfbarbier«. Der Erfolg bestärkte ihn in seiner Neigung, Schauspieler zu werden, und rasch entschlossen, gab er die schon begonnene kaufmännische Karriere auf und ging zur Bühne.

Zuerst mußte er sich bei reisenden Gesellschaften durchschlagen, bis es ihm endlich gelang, 1845 Engagement in Bremen zu finden. Er blieb ein Jahr daselbst, dann wirkte er in Augsburg 1846-1847, Regensburg 1847, Graz 1848-1851, Düsseldorf 1852 und am Hoftheater in Wiesbaden 1853-1858. Dort sah ihn Friedrich Dahn, der ihn zu einem Gastspiel ans Münchener Hoftheater für den ausscheidenden Friedrich Haase empfahl. Der Künstler gastierte mit Erfolg (»Mephisto«, »Shylock, »Präsident« im »Urbild des Tartüffe« und »Carlos« in »Clavigo«) und wurde engagiert.

H. hat selbst in seiner Jugend nebst komischen Gestalten und Naturburschen, Charakterrollen gespielt, und behauptete sich auch in München während seiner mehr als 30jährigen künstlerischen Tätigkeit in diesem Fach mit großem Glück. Zu seinen beliebtesten Rollen zählten vor allem »Philipp II.«, »Narziß«, »Shylock«, »Butler« sowie »Argan« und »Harpagon«, und verschaffte er durch seine köstliche Darstellung den Moliereabenden besondere Zugkraft. Auch verdient sein »Klosterbruder« Erwähnung, der bei den Mustergastspielen im Jahre 1880 durch die einfache und treuherzig - milde Gestaltung H.’s allgemeine Bewunderung errang.

Aber nicht nur in der Klassik, auch im Lustspiel trat er mit großem Erfolg auf, und blieben sein »Kommerzienrat Verren« in »Maria und Magdalena« oder sein »Lebrecht Müller« in »Störenfried«, sein »Vetter«, »Kaufmann Bloom« etc. den Münchnern stets in angenehmster Erinnerung. Er war und blieb immer ein Schauspieler, der es verschmähte, durch Aufdringlichkeit zu wirken. Stets bestrebt, als dienendes Glied sich dem Ganzen anzuschließen, war ihm jede Sucht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, fremd. H. hatte dies auch gar nicht nötig, denn er wirkte durch seine herzerfrischende Natürlichkeit, seine natürliche Ursprünglichkeit, seinen behaglichen Humor und seine spontane Beredsamkeit. Er grübelte auch nicht lange, sondern fand meist ohne zu spintisieren das Richtige, welches die Wirkung nur selten verfehlte. Der Künstler ist dem Münchner Hoftheater bis zu seinem Tode treu geblieben. Er starb am 23. April 1889, und nur schwer gewöhnte man sich daran, dem »alten Herz« nicht mehr auf den Brettern zu begegnen.

Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert; Verlagsbuchhandlung Paul List; Leipzig, 1903.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.