Kein Grab ist stumm

 

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Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog (1897)

Geiger-Thuring, August, Landschaftsmaler, geboren 1861 zu München als der Sohn des Privatiers Karl Anton Geiger, widmete sich seit früher Jugend der Kunst, besuchte die Akademie und bildete sich weiter unter der Leitung des schon hochbetagten Albert Zimmermann. Die Grossartigkeit der baierischen, tiroler und österreichischen Gebirgswelt mit ihren Schneealpen, Gletschern und Sturzbächen, mit ihren gigantischen Bergkuppen und wild aufschäumenden Wasserfälle übte mit ihrem hochpoetischen Zauber einen grossen Einfluss auf das Gemüth des jungen Mannes, der als geübter Hochtourist unermüdlich neue Studien sammelte und zu originellen Bildern gestaltete, welche schon 1886 (die Teufelsbrücke) im Kunstvereine und auf den Ausstellungen erschienen und vielen Anklang und Beifall fanden. Auch für illustrirte Zeitschriften, wie «Ueber Land und Meer« und »Unsere Zeit« lieferte sein immer bereitwilliger Stift schöne Beiträge.

Seine ursprünglich frische Begabung rasch zu skizziren und seine Ideen zu malerischen Gebilden zu gestalten, zeigte sich bei jeder Gelegenheit, wo er mitwirkend und unterstützend in Thätigkeit trat. Auch zu heiteren Festen und wohlthätigen Bestrebungen bot unser Maler immer seine opferwillige, erfindungsreiche Hand, so bei den fröhlichen Abenden der Münchener »Geselligen Vereinigung«, der »Bürgersängerzunft», im Comité des sog. »Armenballs« (wobei er noch im Januar 1896 das »Leckkuchenhaus im Schlaraffenland« inscenirte) und bei verschiedenen Anlässen der Künstler-Vereine. Sehr zu statten kam ihm dabei seine Kenntniss in den Costümen und Volkstrachten.

Auch lieh er seinen Erfindungen das belebende Wort und war mit ächt dilettantischer Vielseitigkeit als Dichter, Musiker und Schriftsteller thätig; er excellirte mit Prologen, humoristischen Essays, Theaterstücken, grotesken Balladen, Musikstücken u. dgl. bei jeder Gelegenheit.

Zu seinen gelungensten Oelbildern gehören die Ansicht vom »Herzogstand und Haimgarten« und ein »Wolkenbruch in den Tauern«. (Vgl. dazu die »Wilde Wasser« in »Vom Fels zum Meer« 1894. 13. Heft und das »Hochwasser« in »Unsere Zeit« September 1894). Unter der Gewalt des Sturmes biegen sich die schlanken Fichtenstämme, massige, zerrissene Wolken jagen geballt dahin, man vermeint das Brausen und Tosen des wüthend angeschwollenen, Alles vernichtenden Wildbaches zu vernehmen.

Im Mai 1895 veranstaltete G.-T. eine Collectiv-Ausstellung von 17, meist unmittelbar nach der Natur gemalten Bildern. Darunter ein »Kirchhof«, mit wenig Mitteln und doch voll ergreifender Poesie wiedergegeben, eine »Bergwiese nach dem Regen«, Erinnerungen von der »Mangfall«, eine »Abendsonne bei Mondaufgang« und ein »Februar-Abend«. Während manche seiner Beleuchtungseffekte etwas zu bunt geriethen, glückten ihm Stimmungen wie sie trübe, umwölkte Tage bringen, mit hochgelegenen Bergthälern und über die Scene laufenden Wolkenschatten.

Im Jahre 1887 vermählte er sich mit Fräulein Louise von Hagn, welche, selbst künstlerisch veranlagt, ihm eine treue Begleiterin auf allen Bergtouren wurde und ihn bei seinem künstlerischen und sozialen Wirken thatkräftig unterstützte.

Sein kräftiger und zähelebiger Organismus, welcher schon in der Jugend einen tödtlich drohenden Anfall von Genickstarre überwunden hatte, erlag am 28. Dezember 1896 einer in Folge von Influenza eingetretenen, acuten Gehirnentzündung. Vier Wochen vor seinem Ableben hatten seine Eltern ihre goldene Hochzeit gefeiert, dabei nahmen drei Frauen Antheil, welche bei der Trauung vor fünfzig Jahren als Brautjungfern assistirt hatten. Sein umfassender Nachlass wurde im April 1897 zur Ausstellung gebracht.

Vgl. Kunst-Vereins-Bericht f. 1896. S. 74 ff.

H. Holland.

Dr. phil. Hyazinth Holland: Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog. Berlin, 1897.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.