Kein Grab ist stumm

 

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Beilage zur Allgemeinen Zeitung (1886)

- (Concert Menter.) Ueber das Concert, welches die k. k. Hofpianistin Frau Sophie Menter unter Mitwirkung ihrer Schwester, unserer geschätzten Mitbürgerin Frau Eugenie Menter-Schulze, am Montag im k. Odeon veranstaltete, erhalten wir in Verhinderung unseres ständigen Referenten von anderer Seite folgenden Bericht:

Das Concert, welches Frau Sophie Menter am Abend des 29. November im Odeonssaale gab, gestaltete sich zu einem der interessantesten, wenn auch nicht durchaus erfreulichen Ereignisse der Saison. Frau Menter ist eine Bravourspielerin, wie sie in der Zeit Bülows unmöglich sein sollte. Sie übertrifft alle ihre weiblichen und viele ihrer männlichen Collegen durch den Glanz und die Größe ihrer Technik. Es gibt keine äußeren Schwierigkeiten, die sie nicht überwände, und keine wichtige musikalische Vortragsfrage, über die sie nicht spielend binwegkäme. Ihre Läufe und Arpeggien sind makellos rein und vom schönsten Ebenmaße, ihre Staccati untadelhaft, ihr Octavenspiel das erdenklich vollendetste, ihr Anschlag, wenn auch nicht immer gleich poetisch reizvoll, so doch klangreich und sehr modulationsfähig.

Aber wenn sie nicht höheren Zwecken dienstbar gemacht wird, kann uns auch die außerordentlichste Fertigkeit gerade bei einer so großen Künstlerin nicht genügen. Frau Sophie Menter vernachlässigt die Gesetze des Rhythmus in bedauerlicher Weise, die Forderungen einer correcten und schönen Phrasirung scheinen ihr gleichgültig, und als wenig zureichender Ersatz wird uns dafür ein tempo rubato geboten, dessen stetes Vorherrschen dem Hörer nicht selten Aergerniß bereitet. Das verblüffende technische Vermögen der Künstlerin, welche es verschmäht, eine einfache Phrase mit natürlichem Gefühl wiederzugeben, sollte den vielen im Saale anwesenden Zukunftspianistinnen, welche so viel Begeisterung zur Schau trugen, ja nicht als verlockendes Beispiel aufgestellt werden.

Wir beschränken uns darauf, zu erwähnen, daß Frau Menter mit dem »ungarischen Marsch« von Schubert-Liszt und der - glücklicherweise - noch ungedruckten »Rhapsodie« von Liszt ihr Bestes gab, und daß Beethoven und Chopin am übelsten mitgespielt wurde. Nicht zur Freude gereichten dem musikalischen Hörer ferner die willkürlichen Veränderungen, welche Frau Menter ihrem Bravourbedürfniß zu liebe mit verschiedenen Chopi'schen Compositionen vorzunehmen sich gestattete.

Das Erfreulichste des ganzen Abends war die Darbietung von Liszts »Concert pathétique«" für zwei Flügel. Nicht als ob uns die Composition besonders angemuthet hätte, aber sie wurde in Folge der Mitwirkung der Frau Eugenie Menter-Schulze wenigstens in deutlichen rhythmischen Contouren gehalten. Frau Schulze versteht es, der musikalischen Empfindung in vornehmer Weise Ausdruck zu verleihen. Die beiden Damen wurden von dem zahlreich erschienenen Publicum nicht nur mit lebhaftem Beifall, sondern auch durch Blumen- und Kranzspenden ausgezeichnet.

Zweite Beilage zur Allgemeinen Zeitung Nr. 335. München, Freitag, 3. Dezember 1886.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.