Kein Grab ist stumm

 

Sektionen | Register | Suchen

 

<<< | >>>

 

 

 

Neuer Nekrolog der Deutschen (1841)

Joseph Caro, Schauspieler zu München; geb. d. 21. Mai 1754, gest. d. 27. Juni I839* (* Münchner Theaterjournal, Jahrg. 3. Heft 5. S. 308.)

Er wurde zu Düsseldorf geboren, wo sein Vater Baumeister war. Nicht immer zeichnen sich die ersten Lebenstage eines Künstlers aus, so verflossen auch C.'s Jugendjahre ohne ein merkwürdiges Ereigniß, doch früh schon regte sich seine Neigung für die Schaubühne, die damals in unserm deutschen Vaterlande zu Würde und Ansehen kam.

Ein Jüngling von 18 Jahren betrat er in Zweibrücken die Bühne. C. hatte sich nun für die Kunst entschieden mit regem Herzen und warmen Eifer und sah sich nur nach dem heiligen Tempel um, wo die Musen mit Sinn und Liebe geehrt würden. Marchand’s Name war damals am Rheine berühmt, zu ihm eilte C. mit Vertrauen und jugendlichem Enthusiasmus. Im J. 1773 den 3. Nov. spielte er zum ersten Mal unter Marchands Gesellschaft in Frankfurt a. M. Unter einem so einsichtsvollen Leiter voll väterlichen Sinnes, unter regsamen, für die Kunst begeisterten Umgebungen machte C. bald glänzende Fortschritte in der Kunst, die er so mit freiem warmen Eifer ergriffen hatte.

Die Verhältnisse in der Gesellschaft, die an Huck einen so ausgezeichneten Künstler für die Rollen junger Liebhaber hatte und C.'s Aeußeres, ungeachtet er jünger als sein Freund Huck war, veranlaßten es, daß ihm jene Art Charaktere zugetheilt wurde, die man damals so vielgestaltig unter dem Namen der Intriguanten in die dramatischen Dichtungen einführte. Wenn irgend ein dramatischer Charakter tiefe Einsichten in das Wesen und die Wirksamkeit der menschlichen Seele, großes Studium der Menschen und des Lebens und das Talent der verschiedenartigsten Darstellung erheischt, so ist es unstreitig der eines Intriguanten.

C. erkannte und fühlte das und studirte darum seine Kunst und ihre Nebenzweige mit einem Eifer und einem Fleiße, von dem nur zu wünschen wäre, daß jeder Anfänger in der Schauspielkunst ihn besäße. Nicht ein freies sicheres Halten auf den Bretern, nicht das ABC der Deklamation, wie man etwa die Stimme hebe und senke, nicht den Hausbedarf des Händehaltens und Muskelbewegens erlernte er, Dinge, deren Innehaben noch gar nicht den Schauspieler macht, sondern ausgerüstet mit diesen Anfangsgründen studirte er das ernste Reich der Psychologie und die dunkeln Schachte der Geschichte, um den Helden seiner Darstellung nicht dem Namen, sondern dem Charakter nach zu kennen, wie er leibte und lebte. Er sah es ein, daß der Dichter wohl den Charakter und einige Momente allenfalls hingeben könne, daß er aber die Art und Weise eigenthümlicher Charakteräußerung, das ganze Reich der Geistesthätigkeit, wovon er einen darzustellen hatte und die Form der äußern Lebensweise anderswo, als im trockenen Gerippe seiner Rolle suchen müsse. Daher kam es auch, daß bei dem reichen Talente, verschiedenartig sich zu geben, seine Darstellungen auch so verschiedenartig charakteristisch und nuancirt waren.

Es handelt sich ja nicht darum, wie der Zornige oder Sanftmüthige, der Brausende oder Gelassene sich äußere, sondern wie dieser Zornige von diesem Alter, diesen übrigen Charaktereigenthümlichkeiten, in dieser Zeit und unter diesen Verhältnissen sich äußern könne und werde. Da ist der wahre Weg ins Reich der Kunst, wo der Schauspieler mit Umsicht und Einsicht an das Studium seines Charakters geht.

C. fühlte, daß seine Aufgabe nicht sey, Leidenschaften zu äußern, wie sie an sich sind und sich äußern würden, sondern berechnete als einsichtsvoller Kenner wohl, wie der sie äußern dürfe, der sich anders darzustellen sucht, als die Stimme der Gefühle ihn drängt. Dahin richtete er also auch seinen Beobachtungsgeist, seine Studien; mit diesen Ansichten von dem Wesen ferner Kunst gelangte er auch durch unermüdeten Fleiß zu einer ruhmvollen Auszeichnung.

Mit Marchand kam C. 1776 an den churpfalzischen Hof nach Mannheim, ein Glied der vortrefflichen Gesellschaft, die anfangs in Mannheim und dann 1778 nach München versetzt, so großen Ruhm sich erworben hat, einen Ruhm, den sie auch durch ihre Kunst und ihre Sitten so würdig verdiente.

Seit diesen Jahren hat C. ununterbrochen der Münchner Bühne angehört und hatte in der Liebe des Publikums nicht einen Grund zum Eigendünkel und zu stolzer Selbstgenügsamkeit gefunden, sondern einen Antrieb, nach immer größerer Auszeichnung zu ringen. Oeffentlicher Beifall war ihm ein angenehmer Beweis, daß das Publikum zufrieden sey, eine achtungswerthe Aufmunterung, allein er saugte die Weihrauchwolken des Parterres nicht mit Ruhmsüchtigkeit ein, wenn er selbst fühlte, daß er heute sie nicht so ganz verdiene, wenn ihm sein Kunstgefühl ein schwer zu erreichendes Bild gezeigt hatte, nachdem er rang, und wenn das Publikum schon dankbar für das war, was er gab. Anspruchlos zeigte er den Charakter des wahren Künstlers und machte sich eines Ruhmes werth, der ihm vielleicht nur darum nicht im verdienten Grade wurde, weil er seine Talente nicht genug in der Fremde glänzen ließ oder weil die Kritik damals mehr untersuchte, als in beredtem Lobe sich gefiel.

C. besaß die große Kunst, seine Individualität dem darzustellenden Charakter so aufopfern zu können, daß sie ihn in keinem Augenblick überraschte, seine Darstellung war also immer eine objektive und konnte, selbst wenn sie verfehlt war, nur eine lobenswürdig verfehlte seyn, weil ihn erwogene Gründe und reife Ansichten zur Wahl dieses oder jenes Charakters bestimmt hatten. Seine Darstellungen waren darum auch ewig neu und von überraschender Wirkung, weil sie so eigenthümlich und selbst bis in die kleinsten Kleinigkeiten so wahr waren. Wenn C. als Künstler allgemeine Achtung genoß, so verdiente er sie nicht minder als Privatmann. Die letzten 20 und einige Jahre seines Lebens brachte er im Schooße seiner Familie zu, da er wegen eingetretenen Mangel des Gehörs sich von der Bühne hatte zurückziehen müssen. Er starb an gänzlicher Entkräftung.

Neuer Nekrolog der Deutschen für das Jahr 1839. Weimar, 1841.

 

 

 

<<< | >>>

 

Sektionen | Register | Suchen

 

ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.