Kein Grab ist stumm

 

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Jahresbericht der Geographischen Gesellschaft (1885)

Robert v. Schlagintweit.
Nekrolog, vorgelesen in der Sitzung vom 11. Juni 1885.

Robert v. Schlagintweit, geboren am 27. Oktober 1833 zu München, gestorben als Universitäts-Professor zu Giessen am 6. Juni, wurde bereits in einem Alter, in welchem der Jüngling sonst Andern ihre Erfahrungen ablauscht, zu selbstständigem Handeln berufen. Im Sommer 1854 hatten seine beiden Brüder Adolf und Hermann auf Veranlassung Alexander’s von Humboldt von der damaligen Ostindischen Compagnie den Auftrag erhalten, deren weite Besitzungen in Ostindien zu wissenschaftlichen Aufnahmen, besonders zu Beobachtungen über den Erdmagnetismus zu bereisen; derselben hohen Gunst hatte Robert zu danken, dass er der Expedition als dritter, als Gehülfe, beigegeben wurde.

Die grossen Erfolge der in den Jahren 1854-57 ausgeführten indischen Reisen der drei Brüder sind oft beschrieben worden. Robert kam dabei seine Jugendkraft trefflich zu statten; er entlastete seine Brüder insbesondere von der schweren Sorge der Ordnung und Verfrachtung der angelegten Sammlungen. Mit dem ihn auszeichnenden Sinne für Ordnung und seinem vortrefflichen Gedächtnisse brachte er noch auf der Reise Uebersicht in die Tausende von Nummern; Rawal Pindi, dessen Name jüngst als Ort der Zusammenkunft des englischen Vicekönigs mit dem Herrscher von Afghanistan in der ganzen Welt genannt war, wurde als Stapelplatz aller Sammlungen im nördlichen Indien bestimmt, und spannend wusste Robert vorzutragen, unter welchen Zwischenfällen und Gefahren mit einer nach Hunderten von Kameelen, Pferden und Menschen zählenden Karawane die Sandfelder von Radschputana gequert wurden, um an den Indus zu gelangen, dann über Katsch und Gudscharat nach einem einen Monat beanspruchenden Landmarsche Bombay zu erreichen. Heute durchziehen Eisenbahnen diese weiten Gebiete. Traurig wurde der Blick und feucht das Auge, wenn Robert Rawal Pindi’s als des Ortes gedachte, wo er und Hermann vom dritten Bruder Adolf sich trennten. Adolf wandte sich zurück nach Kaschmir und Centralasien; in Kaschgar ereilte diesen zu den schönsten Hoffnungen berechtigenden jungen Geologen am 26. August 1857 das traurige Geschick, auf Befehl eines vorübergehenden Emporkömmlings enthauptet zu werden, damit der Kopf eines Feringi die Schädelpyramide abschliesse mit welcher der Wütherich als echter Tatare seinen Sieg über die Chinesen feierte.

Gross waren die Ehren und Auszeichnungen, die den beiden Brüdern Hermann und Robert nach ihrer Rückkehr zu Theil wurden; der den Wissenschaften zugeneigte König Maximilian erhob sie unterm 24. November 1859 in den erblichen Adelstand des Königreichs Baiern.

An der Bearbeitung der wissenschaftlichen Ergebnisse der indischen Reise nahm Robert den regsten Antheil. Aufsehen erregte sein im zweiten Bande des englisch geschriebenen Reisewerkes niedergelegter Versuch, die gewonnenen Höhenbestimmungen Indiens und des Himâlaya zu Vergleichen mit den Hebungsverhältnissen der übrigen Gebirge der Erde zu benutzen. Unter dem auszeichnenden Wohlwollen, das Grossherzog Ludwig III. von Hessen-Darmstadt an dem aufstrebenden, liebenswürdigen Gelehrten nahm, wurde diese Arbeit der Anlass, dass Robert im Jahre 1864 an die Universität zu Giessen als Professor für Geographie übersiedelte. So ehrenvoll die neue Stellung war, so war ihm der Wirkungskreis doch zu eng, wozu viel beitrug, dass unter den schweren körperlichen Leiden, die sich jetzt beim ältern Bruder Hermann als Nachwirkung der tropischen Reisen einstellten, die Fortsetzung des Reisewerkes in’s Stocken gerieth. Rücksichten auf den ältern Bruder veranlassten Robert, von einer regern literarischen Thätigkeit abzusehen, dagegen die eigenen Reise-Erlebnisse in öffentlichen Vorträgen an vielen Orten in anziehender, verständlicher Form bekannt zu geben. Diese Vortragsreisen führten Robert in die Schweiz, nach Ungarn, Siebenbürgen und Russland, zogen ihn aber immer mehr von der akademischen Laufbahn ab. In Aussicht waren Reisen in Russisch-Asien im Auftrag der russischen Regierung genommen und hierzu im Winter 1867/68 eine beschwerliche Reise durch Livland nach Petersburg nicht gescheut worden; aber Robert verfolgte den Plan schliesslich nicht, weil sich sein Lieblingswunsch erfüllte, Nordamerika zu bereisen. Diese Reise wurde entscheidend für sein ganzes künftiges Leben.

Durch Vermittlung von Herrn John Amory Lowell, Curator des Lowell Institute zu Boston, erging an Robert die ehrenvolle Einladung, an dieser Anstalt, die sich in ganz Amerika des höchsten wissenschaftlichen Rufes erfreut, im Winter 1868/69 einen Cyclus von zwölf Vorträgen über Britisch-Indien in englischer Sprache zu halten. In seinen Tagebüchern findet sich hierüber folgende Notiz, die als Kennzeichen des Charakters des Verstorbenen hier wörtlich folgen möge: »Neunundneunzig unter hundert Personen hätten diese Einladung einen Ruf genannt und sie ausposaunt; ich schwieg gegen Jedermann, traf aber im Stillen eifrig meine Vorbereitungen. Unter Leitung eines gebildeten jungen Engländers, den ich in Wiesbaden ausgemittelt hatte, übersetzte ich meine bisher deutsch gehaltenen Vorträge, über die ich ausgeführte Manuskripte besass, ins Englische, das ich dann unter Einübung der richtigen Aussprache und Betonung auswendig zu lernen hatte. Wage sich Niemand, der nicht, wie ich, sich eines ausgezeichneten Gedächtnisses zu erfreuen hat, an eine so riesige Aufgabe! Im English Club zu Köln hielt ich probeweise zwei Vorträge, von denen ich selbst den grössten Nutzen zog; sie müssen aber auch gefallen haben, denn man überraschte mich mit Honorar, überreichte mir einen Lorbeerkranz und ernannte mich zum Ehrenmitglied.« Nach Beendigung der Vorträge in Boston wandte sich Robert nach New-York. Der unmöglich erklärte Versuch, in Amerika in deutscher Sprache Vorträge einzurichten, gelang, und durch die Verbreitung, welche die günstigen Urtheile hierüber in der deutschen wie englischen Presse fanden, war ihm, wie Robert einschreibt, Amerika erschlossen. Während eines Aufenthaltes von 10 Monaten, in welcher Zeit Robert bis zum Stillen Weltmeere vordrang, hielt er in Nordamerika 78 Vorträge, darunter 21 englisch; nicht vergisst er zu buchen, wie wichtig ihm die Empfehlung durch den Generalkonsul des damaligen Norddeutschen Bundes war.

Nach der Rückkehr gab sich Robert einer regen literarischen Thätigkeit hin und veröffentlichte neben zahlreichen kleinern Abhandlungen sieben selbständige Werke, sämmtlich den Westen von Amerika und seine Zukunft behandelnd. Ebenso eifrig widmete er sich der Bekanntgabe seiner Erlebnisse und Eindrücke in öffentlichen Vorträgen; mit besonderm Geschick wurden dabei die Pacifischen Bahnen behandelt, keinen andern Gegenstand wusste der Verlebte so vielseitig zu behandeln. Aufsehen erregte 1878 ein Band betitelt »Bericht über Robert Schlagintweit’s Tausend Vorträge«. Es war am 2. April 1878, dass diese hohe Ziffer öffentlicher, populär-wissenschaftlicher Vorträge, frei vor Herren und Damen gehalten, erreicht wurde. Mit grösster Offenheit spricht sich der Verfasser in diesem Buche über die Einzelheiten dieser seltenen Thätigkeit aus. Leider begnügte sich Robert nicht mit den erzielten Erfolgen, wie er in engern Kreisen bekannt gab, hatte er sich in Ueberschätzung der eigenen Kräfte wie des anzustrebenden Zieles trotz ernsthaftester Gegenvorstellung vorgesetzt, ein zweites Tausend von Vorträgen voll zu machen, und er sollte es bis zu 1353 bringen. Im Sommer 1880 ging Robert zur Auffrischung wie Erweiterung seiner Reiseerinnerungen zum zweiten Male nach Amerika; die Reise war jedoch zu weit angelegt und dadurch äusserst anstrengend. Schwer wurde desshalb die Last der jährlichen Vorbereitungen zu neuen Vortragscyklen empfunden, dankbar bucht Robert jede in den Korrespondenzen zu Theil gewordene Erleichterung. Kurz nachdem Hermann v. Schlagintweit am 19. Januar 1882 in München gestorben war, machte sich bei Robert während einer Reise in Schlesien eine Brustfellentzündung bemerkbar; die erste Lungenerkrankung war bereits auf der amerikanischen Reise vorgekommen. Im Sept. 1883 folgte ein heftiger Gelenkrheumatismus. Niemals mehr erholte Robert sich von diesen Anfällen, sein eisern scheinender Körper war gebrochen. Unter sich steigernden körperlichen Beschwerden gingen die kommenden Winter hin. An Stelle der Vorträge trat jetzt literarische Beschäftigung; musterhaft wurde dann dabei an die Ordnung der Tagebücher und der ausgebreiteten Korrespondenz gegangen. Jeder Jahrgang ist zu besondern Bänden vereinigt, im ganzen wurden 41 Bände gewonnen; der letzte Abschluss ist vom 23. April 1885 und trägt in Vorahnung des sich erfüllenden Geschickes das Motto:

Es ist das seligste Vergnügen,
Wenn man sich selbst genug gethan;
Wie mit geliebten Kindeszügen
Sieht dich der Geist der Arbeit an.
Du kannst in ihrem Werth dich trügen,
Doch nie in deiner Lust daran.

Trügerisch erwies sich die Hoffnung auf die bessere Jahreszeit. Am 6. Juni hauchte Robert Schlagintweit nach mehrwöchentlichem, schmerzhaftem Krankenlager den Geist aus, getröstet von seinem Bruder Emil, bei dem er in allen Lagen seines Lebens Rath erholt hatte. Sein letzter Wunsch wird sich erfüllen, dass alle, die mit ihm in Berührung kamen, ihm ein freundliches Andenken bewahren.

VII. Jahresbericht der Geographischen Gesellschaft von Bern 1884/1885. Bern, 1885.

 

 

 

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