Kein Grab ist stumm

 

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Wiener Zeitung (1861)

Die indische Regierung hat jetzt verschiedene auf den Tod von Adolph Schlagintweit bezügliche Aktenstücke veröffentlicht. Sie stimmen der Hauptsache nach mit dem bisher bekannt Gewordenen überein, doch lassen wir hier das Wesentliche der officiellen Darstellung folgen:

»Adolph Schlagintweit war, wie noch im frischen Andenken ist, im Jahre 1857 aufgebrochen, um seine naturhistorischen Forschungen in der chinesischen Tatarei fortzusetzen. Kokand war sein Reiseziel, und da das reisen in jenen Gegenden mit großen Gefahren verknüpft ist, hatte er seine schwere Bagage und seine Papiere nach Ladakh vorausgeschickt, und seinem Diener Murad, einem Juden, eine Geldanweisung übergeben.

Lange war von ihm keine Nachricht eingetroffen, bis sich endlich das Gerücht verbreitete, er sei ermordet worden. Leider ist dies durch authentische Berichte, die im Laufe der beiden letzten Jahre der Regierung zu Händen kamen, bestätigt worden.

Seine Diener Murad und Abdullah erschienen im Jahre 1859 in Lahore mit dem angeblich’n Schädel des Vielbetrauerten, und um dieselbe Zeit traf auch ein Brief in Peschawer aus Kokand ein, geschrieben von Schlagintweits vornehmstem Diener Mohamed Amin. Er stimmte in allen wesentlichen Punkten mit den Aussagen der beiden anderen Diener überein.

Schlagintweit war demselben zufolge ohne Unfall von Sugeit nach Yarkand gelangt, einer in der chinesischen Tatarei gelegenen Stadt, die von den kokandischen Truppen erst vor kurzem den Chinesen weggenommen worden war. In Yarkand wurde er freundlich aufgenommen; da diese Stadt jedoch durch die Chinesen bedroht war, die zuletzt wieder einige Vortheile gegen das Heer von Kokand errungen hatten, reiste er nach Kaschgar weiter, das durch den syndischen Häuptling, Mali Khan mit dem Beinamen »der Heilige«, von den Chinesen vor kurzem erobert worden war.

Eine Station von der Stadt schickte Schlagintweit seinen Diener Mahomed Amin mit Shawls und Seidenstoffen als Geschenken für den genannten Häuptling voraus. Zum Dank dafür sandte ihm dieser einen Munschi entgegen, damit er ein Inventar seiner Bagage aufnehme, und ließ ihm seine Waffen abfordern. Dagegen protestirte S. und begab sich nach dem Bazar der Häuptlinge, um seine Beschwerde vorzubringen. Um seinen Reisezweck befragt, antwortete er, daß er als Gesandter der ostindischen Kompagnie nach Kokand zu gehen beabsichtige, worauf er sofort gebunden und enthauptet wurde. Seine Diener wurden als Sklaven verkauft. Einer derselben, Abdallah, entkam nach Peschawer; der zweite, Mohamed Amin, wurde später in Freiheit gesetzt und ging nach Kokand, während der dritte, Murad, sein Leben nur dadurch rettete, daß er sich zum Islam bekehrte.

Das Unglück Schlagintweits war, daß er in Kaschgar gerade zu der Zeit ankam, als die Chinesen verzweifelte Anstrengungen zur Wiedereroberung des Platzes machten, die ihnen einen Monat später auch in der That gelangen, die aber lange vorher den Verdacht der Mohamedaner gegen jeden Fremden wach gerufen hatten. Von den Reise-Effekten des Ermordeten ist nie wieder etwas zum Vorschein gekommen, und sein trauriges Schicksal ist eine neue Warnung, daß das Reisen in jenem wilden Grenzlande unter allen Umständen mit Lebensgefahr verknüpft ist.

Trotzdem fehlt es im gegenwärtigen Augenblick nicht an englischen Offizieren, die, im vollen Bewußtsein der ihnen bevorstehenden Gefahren, das Wagestück bestehen oder bestanden haben. Der bei weitem merkwürdigste Fall dieser Art war die im vorigen Jahre unternommene Reise eines britischen Offiziers von Teheran über Herat nach Kandahar und von da nach der Peschawer-Grenze. Er ritt in voller Uniform, unbewaffnet die ganze Strecke. Ein beispiellos kühnes Unternehmen, wenn an bedenkt, wie lüstern die Afghanen nach englischem Blute sind, ein Unternehmen, zu dem unendlich viel Muth und Geistesgegenwart gehört.«

Wiener Zeitung Nr. 153 vom 4. Juli 1861.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

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