Kein Grab ist stumm

 

Sektionen | Register | Suchen

 

<<< | >>>

 

 

 

Münchner-Augsburger Figaro (1838)

Das Salvatorbier und der Bock in München.

Und beide machen lustig, machen froh,
Trinkt man sie en detail und nicht en gros!

Die Berliner haben einen »Stralauer-Fischzug« und dieser Stralauer-Fischzug ist die Zeit ihrer Eldorado’s. Wir Münchner aber sind reicher an dergleichen Eldorado’s, denn wir haben alle sieben Jahre einen Schäfflertanz, jährlich einen Metzgersprung, einen Käferlohermarkt, ein Oktoberfest und zwei der höchsten Seligkeiten - Salvatorbier und Bock!

Salvatorbier und Bock sind die Quint-Essenzen und Univerial-Tinkturen des Lebens. Das Salvatorbier schickt uns in den April, der Bock bringt uns den Mai. Auf den Bock werden wir später - zur Bockzeit selbst zurückkommen - heute wollen wir uns nur beim Salvatorbier aufhalten.

Dieses Salvatorbier wird von einem unserer Großbräuer Hrn. Zacherl in der Au bereitet und deswegen auch häufig »Zacherlöl« genannt. Die Salvatorzeit ist eigentlich für Hrn. Zacherl die schlimmste im ganzen Jahre, denn gerade zu dieser Periode wird er jedesmal ein gestrafter Mann. Er soll nämlich sein Salvatorbier nur 3 Tage hindurch verleit geben; allein - ich weiß nicht wie es kommt, trinken die Leute zu wenig oder braut Hr. Zacherl zu viel von diesem Oele* (* Das Erstere ist nicht der Fall; das Zweite - sagt man - könne möglich seyn.) - mit einem Worte, die Schenkzeit des Salvatorbiers wird durch ihren edlen und einsichtsvollen Erzeuger öfters prolongirt und Hr. Zacherl darum öfters gestraft; indeß macht er sich nichts draus und wir kümmern uns nichts d’rum.

Einen imposanten Anblick gewährt es, wie die lieben Münchner in ganzen Prozessionen - bei weitem zahlreicher als bei Wahlfahrts-Prozessionen - nach der Au zum Salvator ziehen; aber einen noch imposanteren Anblick bieten die Scenen und Situationen der Salvatorjünger im Zacherlöl-Berge selbst und dann die Heimkehrenden dar.

Wir wollen unsern Lesern einige Salvator-Witze mittheilen:

1) Ein junger und ein etwas bejahrter Herr - beide vom Salvatoröle schon ein bischen inflammirt - unterhalten sich mit einander über politische Dinge. »Was halten Sie von der Kölner-Angelegenheit?« fragte endlich der Erstere. Ganz gemüthlich, mit schon halb geschlossenen Augen, antwortete der ältere Herr: »Ich meine eben, daß die Kellner nicht so gut sind, als die Kellnerinnen, denn von den letztern wird man weit besser bedient.«

2) An einem Tische wird von der Münchner-Augsburger-Eisenbahn gesprochen. »Was halten Sie von der Eisenbahn?« fragte ein Maurermeister einen Hufschmid. Dieser antwortete: »Auf das Eisen halte ich sehr viel, auf die Bahn aber gar nichts!«

3) Mehrere Damen unterhalten sich etwas laut über die Geschäfte ihrer Männer. Eine Kaufmannsfrau lenkt nun das Gespräch auf die doppelte Buchhaltung. »Ach ja,« bemerkte ihre Nachbarin, »die doppelte Buchhaltung ist etwas sehr Schönes. Mein Mann hat sich nun auch einen doppelten Buchhalter verschrieben, und ich habe für ihn schon ein zweischläfriges Bett aufschlagen lassen.«

4) Ein Arzt sitzt am Tische mit mehreren ihm unbekannten Männern von schlichtem Ansehen. Einer von diesen spricht endlich den Jünger Aeskulaps an: »Ey, Hr. Doktor, heute wollen Sie mich gar nicht kennen: ich bin ja der Pflasterer S..., der Ihre Hausflur pflasterte und wofür ich noch 10 fl. gut habe. »Von mir habt Ihr nichts mehr gut,« antwortete der Doktor; »denn Ihr habt mir mein Pflaster verdorben und dann brav Erde darauf geworfen, daß man eure Pfuscharbeit nicht sehen soll. »Herr Doktor!" rief der Pflasterer; »reichen Sie mir die Hand; es gibt mehr Pfuscharbeiten, die die Erde zudecken muß, und werden doch bezahlt.«

5) Einen jungen Soldaten, der seinen Feldwebel fragte, was er dem Könige antworten sollte, wenn er ihm einmal begegne und von diesem gefragt würde, wurde eingeprägt, daß der König gewöhnlich frage: »Wie lange dient Er? Wie alt ist Er? Bekommt Er seine Menage richtig? und daß er dann die erste Frage mit »Ein Jahr«, die zweite mit »zwanzig Jahr« und die dritte mit »Richtig« beantworten soll. Dieser Soldat sitzt beim Salvatorbier und ist schon ziemlich illuminirt. Ein Civilist fragt ihn: »Wie lange dient er schon, mein Freund?« »Zwanzig Jahr.« — »Wie alt ist er?« »Ein Jahr.« »Plagt ihn der Teufel?« »Richtig!«

Münchner-Augsburger Figaro No. 10. Mittwoch, 4. April 1838.

 

 

 

<<< | >>>

 

Sektionen | Register | Suchen

 

ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.