Kein Grab ist stumm

 

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Der Nürnberger Lustwandler (1837)

Revue der Einläufe.

München den 18. März. Ich kann Ihnen wenig oder gar keine Neuigkeiten von Interesse melden; die Landstande vertragen sich ganz friedlich miteinander und die Münchner selbst haben jetzt gar keine Zeit, an Zank und Streit zu denken, da der bekannte Bierbrauer Zacherl in der Au bereits die Vorrede des berühmten »Bockes,« nämlich das sogenannte »Salvator-Bier« oder »Zacherl-Oel« herausgiebt. Diese Salvator-Zeit ist eigentlich der Probirstein der Münchner, auf welchem so Mancher erprobt, wie viel im menschlichen Leben man ertragen kann. Uebrigens haben wir hier mitunter wahre Virtuosen des Zacherl-Oeles, die es mit 8 bis 10 Maas aufnehmen und den Feind bis auf den Boden schlagen. München bietet aber auch keinen imposanteren Anblick als von der Salvatorbier- und Bock-Seite! Diese braune Gemüthlichkeit übersteigt alle Begriffe. Selbst in die geistigen Eigenschaften des Menschen greifen der Bock und das Salvatorbier ein, und einige Mäßlein dieses Zaubertrankes sind bei Manchem schon hinreichend, die auffallendsten Gesinnungsveränderungen hervorzubringen. Ein Mensch, der noch gestern das Futteral über alle Grobheiten war, ist heute beim Salvatorbiere oder beim Bocke der feinste Mann der Welt; aber auch den Höflichsten stempelt es zuweilen zum non plus ultra aller Grobheiten. Der kälteste Ehemann wird hier zum feurigsten Liebhaber und der verschwiegenste Seladon zur Plaudertasche; die unversöhnlichsten Feinde reichen sich hier beim Tranke der Vergessenheit (wo sich so Viele vergessen) die braunbegossenen Hände zur Versöhnung, und entzückt über den Geist dieses fünften Elementes sieht Mancher Alles doppelt schön. Aber auch so Mancher geht in diesen Tagen mit leichtem Kopfe und schwerer Tasche in die Au, und kehrt mit schwerem Kopfe und leichter Tasche zurück zur Frau.

Der Nürnberger Lustwandler Nro. 36. Samstag den 25. März 1837.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.