Kein Grab ist stumm

 

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Augsburger Postzeitung (1860)

Die Streitsache zwischen dem badischen Gesandten Frhrn. v. Berkheim und dem hiesigen Silberarbeiter Wollenweber wegen eines aus Gold gefertigten für den Cardinal Antonelli bestimmt gewesenen Jagdbechers bildet hier das Tagesgespräch. Wer aber den wahren Sachverhalt kennt und den Becher gesehen hat, der spricht vom unparteischen Standpunct sich dahin aus, daß Wollenweber in seinem Rechte und Freiherr v. Berkheim im Unrechte ist. Letzterer bestellte bei Wollenweber den Becher nach einem Modell, welches ihm vorgelegt worden war; er besuchte den Silberarbeiter fast täglich, so lange dieser mit der Anfertigung der Bestellung beschäftigt war, sprach stets seine Zufriedenheit mit der Arbeit aus, nahm den vollendeten Becher sogar an, hatte ihn 3 Tage im Besitz, ließ sogar von einem Graveur am Rande die Worte eingraviren: »Zum Wohl bei jedemmale dem hohen Cardinale« und hatte endlich selbst mit dem Juwelier K. ein Uebereinkommen getroffen im Betreff des Einsetzens der beiden Augen, welche aus werthvollen Edelsteinen bestehen. Als Hr. v. Berkheim Hrn. Prof. v. Kobell ersuchte, einen besondern Trinkspruch zu entwerfen und dieser sich weigerte, dem Ansinnen zu entsprechen, da ein Becher, welcher einen Fuchskopf darstellt, für einen Cardinal ein ganz unpassendes Geschenk sei, kam Hr. v. Berkheim zu der gleichen Ansicht. Er erklärte, denselben nicht annehmen zu können, wenn nicht diese oder jene Änderung vorgenommen werde, was ohne Einschmelzen rein unmöglich ist. Mehrere namhafte Künstler, ja Jedermann, der den Becher sieht, haben ausgesprochen, daß die Bestellung auch in künstlerischer Beziehung gar nichts zu wünschen übrig läßt. Die Berichtigung, welche gestern im der Abendzeitung erschien, hat hier allgemeine Entrüstung hervorgerufen nicht nur wegen der Drohung der geschäftlichen Beeinträchtigung, sondern auch wegen der absichtlichen Entstellung und Verdrehung des wahren Sachverhalts. Ihrem Berichterstatter ist die ganze Geschichte schon seit Wochen bekannt, er glaubte aber im Interesse der dabei betheiligten Persönlichkeiten von einer öffentlichen Erwähnung dieser Geschichte Umgang nehmen zu sollen, und er würde auch jetzt keine Silbe davon erwähnt haben, wäre nicht bereits die Sache an die große Glocke gehängt worden

Augsburger Postzeitung No. 25. Dienstag, den 31. Januar 1860.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.