Kein Grab ist stumm

 

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Bericht des Naturhistorischen Vereins in Augsburg (1859)

Otto Sendtner.

Der Verein hat in diesem Jahre den Tod eines Mannes zu beklagen, der durch die Erfolge seiner Wirksamkeit auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, sich ein bleibendes Anrecht auf die Achtung der Nachwelt erworben hat.

Unser Ehrenmitglied Dr. Otto Sendtner, königl. Professor der Botanik und Conservator der botanischen Sammlungen in Mönchen verschied nach längerem Leiden den 21. April ds. Js. noch nicht ganz 46 Jahre alt.

Die Wissenschaft hat an ihm eine ihrer Zierden verloren, einen Mann, gleich ausgezeichnet durch hohe Gaben des Geistes wie durch eine edle, uneigennützige Gesinnung und einen männlich offenen Charakter. Wir verlieren an ihm einen warmen Freund und Förderer unserer Bestrebungen. Fast seit der Gründung unseres Vereines, hatte er nicht nur jeden Fortschritt desselben mit Freude begrüsst, sondern auch zu dessen Förderung mit der grössten Liberalität beigetragen. Unsere Sammlungen enthalten sprechende Beweise.

Sendtner wurde am 27. Juni 1813 zu München geboren. Sein Vater, Professor der Aesthetik an der Universität daselbst, gab ihm eine Erziehung, die seinen Sinn schon früh auf die Betrachtung der Natur richtete. Die Liebe zur Plaanzenwelt führte ihn bald zum wissenschaftlichen Studium derselben, so dass er sich schon als Gymnasialschüler durch seine Kenntnisse in der Botanik auszeichnete. Auf der Universität hörte er vorzugsweise naturwissenschaftliche Collegien. Vom grössten Einflusse auf die Richtung seiner Studien war die Bekanntschaft mit Karl Schimper, der damals durch seine geistreichen Vorträge über Morphologie, namentlich über seine Entdeckung in Beziehung auf Blattstellung Aufsehen erregte. Sendtner wurde sein eifrigster Schüler und Begleiter und im Umgange mit ihm bildete er sein eigenes Beobachtungstalent.

Als er nach dem früh erfolgten Tode seines Vaters ein Fachstudium ergreifen sollte, wählte er sich die Medicin. Aber seine reizbaren Nerven konnten die Beschäftigung mit dem Seciermesser nicht ertragen. Er wandte sich daher auf's Neue ausschliesslich der Botanik zu und fand hiebei von Hofrath Martius freundliche Aufmunterung und Unterstützung. Eine Stellung als Privatsekretär in dem Hause eines schlesischen Freiherrn, gab ihm Gelegenheit die anregende Bekanntschaft Nees von Esenbecks zu machen, und zugleich von hier aus mit Unterstützung der preussischen Regierung die Sudeten zu botanischen Zweckei zu bereisen. Von dem Eifer, mit dem er die Kryptogamenflora dieser Gegend untersuchte, zeugt u. A. das Vereinsherbar, in welchem der grösste Theil seiner dortigen Ausbeute niedergelegt ist.

Nach München zurückgekehrt, erhielt er eine Anstellung am herzogl. Leuchtenberg’schen Naturalienkabinet in Eichstädt. Von hier aus wurde es ihm möglich, unterstützt durch Tomassini, den Podesta von Triest, botanische Auflüge in das Littorale und nach Montenegro zu machen. Im Jahre 1847 unternahm er eine wissenschaftliche Reise nach Bosnien, wo er von einem fanatischen Türken angefallen und schwer verwundet wurde. Die Darstellungen, welche er nach seiner Rückkehr über die Ergebnisse der angestellten Untersuchungen veröffentlichte , erwarben ihm den Beifall aller Sachkenner and dokumentirten seinen entschiedenen Beruf für einen Zweig der Wissenschaft, dessen Ausbildung er fortan die ganze Kraft seines Geistes zuwandte — die Pflanzengeographie.

Eine Stellung als Privatdocent der Universität und Adjunkt an der Akademie der Wissenschaften in München setzte ihn in den Stand, sich seinen Lieblingsstudien ungestört zu wiedmen. Im Aufträge der königl. Akademie der Wissenschaften bereiste er acht Sommer hindurch das bayerische Alpengebiet und die angrenzende Hochebene. Die Resultate seiner Forschungen veröffentlichte er im Jahre 1854 in dem von der Akademie herausgegebenen Werke: »Die Vegetations-Verhältnisse Südbayerns nach den Grundsätzen der Pflanzengeographie und mit Bezugnahme auf Landes-Cultur. München. Literarisch-artistische Anstalt.« Dieses Werk, das Bedeutendste, was bis jetzt über die phytogeographischen Verhältnisse Bayerns erschien, wird nicht nur für lange Zeit die Grundlage weiterer Forschungen auf diesem Areale bilden, sondern es wird auch durch die principielle Behandlung, die eingehende Erörterung der wichtigsten Fragen der Pflanzengeographie weit über die Grenzen unseres engeren Vaterlandes hinaus anregend und fortbildend wirken. Die ungetheilte Anerkennung, mit welcher es von allen Männern vom Fach beurtheilt wurde, war dem Verfasser der schönste Lohn für seine unermüdlichen Bestrebungen.

Aber auch höhern Orts wurden seine Verdienste gewürdigt. Im Jahre 1857 wurde Sendtner ausserordentlicher, drei Jahre später ordentlicher Professor der Botanik an der Universität München. Der Bau seines Glückes schien nun nach so manchen Schwierigkeiten, mit denen er bisher zu ringen hatte, fest begründet. Ein glücklicher Gatte, umgeben von zärtlich geliebten Kindern, durch seinen Beruf auf Arbeiten hingewiesen, an denen er leidenschaftlich hing, geachtet von seinen Fachgenossen und geliebt und verehrt von Freunden und Schülern, blieb ihm kaum noch etwas zu wünschen übrig.

Rastlos war er bemüht, seine Kenntnisse in Physik und Chemie zu erweitern, um durch die genauere Kenntniss dieser Disciplinen in seinen Untersuchungen unterstützt und in den Stand gesetzt zu werden, bei einer beabsichtigten Reise nach der Türkei einen umfassendem Beitrag zur Pflanzengeographie liefern zu können. Leider sollte es ihm nicht gegönnt sein, diese Absichten sich verwirklichen zu sehen. Krankheit und Tod überraschten ihn, ehe er ein zweites grösseres Werk »über den bayerischen Wald« zum Abschlüsse brachte, dessen Herausgabe jedoch durch die Bemühungen seiner Freunde noch zu erwarten steht. Da dasselbe voraussichtlich nicht nur eine Reihe neuer Thatsachen liefern, sondern wohl auch einen Fortschritt in Beziehung auf die Grundlehren der Pflanzengeographie bezeichnen dürfte, so behalten wir es uns vor, in unserm nächsten Berichte einen Rückblick auf die Werke Sendtners zu werfen, um dadurch einen nähern Nachweis für das zu liefern, was die Wissenschaft seinen edlen und angestrengten Bemühungen verdankt.

Zwölfter Bericht des Naturhistorischen Vereins in Augsburg. 1859.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.