Kein Grab ist stumm

 

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Allgemeine Zeitung (1859)

Otto Sendtner.

Gestatten Sie mir in diesen ernsten Tagen eines Mannes der Wissenschaft zu gedenken der vor kurzem den Seinigen und dem Vaterlande durch den Tod entrissen worden ist. Das Verdienst des Geschiedenen zu ehren ist Pflicht des Ueberlebenden; und es wird gewiß auch jetzt von Interesse seyn an einem neuen Beispiel zu sehen was reine Liebe zur Sache und edler deutscher Sinn unter mannichfachen Hemmungen zu erreichen und zu leisten vermögen.

Otto Sendtner wurde geboren am 27 Juni 1813. Sein Vater, damals Redacteur der Münchener politischen Zeitung, später Professor der Aesthetik, gab ihm eine Erziehung die ihn mit dem Leben wenig in Berührung brachte und die Ausbildung eines ideellen, Einsamkeit liebenden Sinnes begünstigte. Früh schon, bei längerem Aufenthalt auf dem Lande, wurde sein Geist auf die Natur gelenkt. Die Liebe zur Pflanzenwelt und ihr stets erneuertes Betrachten führten ihn zum wissenschaftlichen Studium derselben, und schon als er das Gymnasium verließ, war er was man einen »fertigen Botaniker« nennt. Auf der Universität zu München hörte er vorzugsweise naturwissenschaftliche Collegien, und fühlte sich besonders zu dem ausgezeichneten Mineralogen Fuchs hingezogen; den größten Einfluß auf sein Lieblingsstudium gewann indessen Karl Schimper, der in den ersten dreißiger Jahren zu München seine botanischen Entdeckungen vortrug. Sendtner schloß sich an ihn an, wurde bald sein eifrigster Schüler, und legte damals den Grund zu seiner Art die Wissenschaft zu betreiben. Wenn in Schimper philosophisches Denken mit genauester Beobachtung sich verband, so hielt sich der begabte Schüler mehr an die letztere Thätigkeit des Lehrers; er schätzte an ihm, wie er in einer hinterlassenen Schrift selber sagt, vor allem den »Mann der Thatsachen,« bildete im Verkehr mit ihm, auf den vielfachen Excursionen, das eigene Beobachtungstalent aus.

Nach zurückgelegtem zwanzigsten Jahr verlor Sendtner den Vater, und es begann für ihn eine Zeit der Noth und der Entbehrungen. Gedrängt an eine Sicherung der Zukunft zu denken, studierte er Medicin; seine Nerven konnten indeß die Beschäftigung mit dem Secirmesser nicht ertragen, und nach wiederholter Erduldung von Ohnmachten mußte er diesem Studium entsagen. Er hielt sich wieder an die Botanik, gewann seine Existenz durch Unterrichtgeben und Zeichnen, bis er im Jahr 1837 in eine Stellung gerufen wurde die, so unscheinbar sie war, ihn doch in die ihm gemäße Bahn lenkte, und Arbeiten beginnen ließ durch welche er seinen Namen in die Geschichte der Wissenschaft einschreiben sollte. Er kam nämlich als Zeichner und Privatsecretär in das Haus eines schlesischen Freiherrn. Seine Verhältnisse gestatteten ihm wiederholte Ausflüge in die Sudeten, zugleich lernte er Nees v. Esenbeck kennen, und erhielt durch Vermittelung desselben zur Untersuchung der dortigen Kryptogamenflora eine Unterstützung vom Ministerium Altenstein. Mit den Studien die er vornahm, that er den ersten Schritt sein Fach zu treiben zum Zweck der Ausbildung eines besondern Zweiges, den zu cultiviren er speciell berufen war - der Pflanzengeographie.

Seine ferneren Schicksale waren darnach angethan ihn auf diesem Wege zu erhalten. Nach München zurückgekehrt, erhielt er einen Platz am Herzoglich Leuchtenberg'schen Naturaliencabinet in Eichstädt, konnte damit aber botanische Reisen in deu Karst und die montenegrinischen Gebirge verbinden, wozu der Antrag von einem Fachgenossen, dem Triestiner Bürgermeister, Tommasini, an ihn ergangen war. Nachdem er später an der brasilischen Flora des Hofraths v. Martius mitgearbeitet und eine Monographie der Solaneen verfaßt hatte, unternahm er 1817 eine wissenschaftliche Tour nach Bosnien, die ihm reiche Ausbeute gewährte, die er aber, von einem Türken mörderisch angefallen und verwundet, früher beenden mußte als er gedachte. Er hat sie im »Ausland« 1848 sehr lebendig und anziehend beschrieben. Endlich wurde er Docent an der Universität München, Adjunct an der Akademie der Wissenschaften unter Martius, und bald in den Stand gesetzt die Specialstudien zu seinem wissenschaftlichen Lieblingsproject zu machen.

Unterstützt von Seiten der Akademie, bereiste er fünfmal nach einander die Hauptpunkte des südlichen Bayerns; im Jahr 1854 konnte er abschließen und die Resultate seiner Forschungen unter dem Titel »die Vegetationsverhältnise Südbayerns« der Oeffentlichkeit übergeben. Die Arbeit wurde von Männern des Fachs als eine höchst inhaltsvolle, nach Plan und Ausführung als ein Musterwerk begrüßt. Für den Verfasser waren diese Urtheile um so ehrenvoller, als die Aufgabe die er sich gestellt zu den vorzugsweise complicirten gehörte, und die wissenschaftliche Lösung die größte Umsicht, den ausdauerndsten Fleiß zur Bedingung machte. Um nur eines anzuführen, so waren dazu über hundert einzelne Bergersteigungen in den Alpen erforderlich! Das verdienstlichste an dem Werk selbst ist der dem Verfasser ganz angehörige Plan, vermöge dessen die gesammte Mannichfaltigkeit der fertigen Pflanzendecke zugleich mit ihren äußern Ursachen anschaulich gemacht, und wichtige Anregungen zu Verbesserungen in der Land- und Forstwirthschaft gegeben werden konnten.

In und mit dieser Thätigkeit rückte Sendtner an der Universität vor. Er wurde im Jahr 1854 außerordentlicher, drei Jahre spater ordentlicher Professor. Sehr anregend in seinen Verträgen, trat nach dem Ausspruch eines seiner Schüler die Liebe dieses Mannes zur Natur doch am hellsten im unmittelbaren Verkehr mit ihr, auf Excursionen, hervor. Da zeigten sich alle Vorzüge seines Geistes und Charakters im reinsten Licht, und er gewann durch liebenswürdigen Lehreifer die jüngern Kräfte, die, ihrem praktischen Beruf folgend und über das ganze Land vertheilt, ihn in seinen pflanzengeographischen Untersuchungen durch zahlreiche Beiträge unterstützten. Sicher vorschreitend in Arbeiten an denen er leidenschaftlich hieng, anerkannt von den Fachgenosssen, glücklich verheirathet und umgeben von blühenden Kindern, hatte er kaum noch etwas anderes zu wünschen als was ihm im Verlauf der Zeit von selber kommen mußte.

Sein Streben gieng immer mehr darauf durch seine wissenschaftlichen Arbeiten der landwirthschaftlichen Praxis förderlich zu werden, die Ergebnisse seiner Studien über Ernährung der Pflanzen der Bodencultur ersprießlich zu machen. Er freute sich der Erwerbungen ausgezeichneter Lehrkräfte für die Universität München, und war darauf bedacht seine eigenen Kenntnisse in der Physik und Chemie zu erweitern, um zu seinen speciellen Zwecken die bestimmtere Mitwirkung dieser Disciplinen zu gewinnen. Gründlicher ausgerüstet wollte er seine Reise nach der Türkei wiederholen, um einen umfassendern und reifern Beitrag zur Pflanzengeographie zu liefern.

Allein diese Gedanken, wie sehr sie ihn erfüllten uub hoben, sollten sich nicht verwirklichen. Die ihm eigene Reizbarkeit der Nerven steigerte sich in der letzten Zeit - wie es scheint hauptsächlich weil er seiner Arbeitskraft allzuviel zumuthete! - zur förmlichen Krankheit. Während seine Aufgeregtheit mehr und mehr überhandnahm, verfiel sein Leib, und der Geist, der so herrliche Proben wissenschaftlicher Klarheit gegeben, wurde verdunkelt. Er verschied am 21 April, noch nicht 46 Jahre alt.

Krankheit und Tod ereilten ihn über der Ausarbeitung eines zweiten größern Werks, in welchem er die pflanzengeographischen Verhältnisse des bayerischen Waldes zu schildern unternahm. Das Manuscript ist nahezu abgeschlossen, und seine Freunde werden im Stande seyn es zu veröffentlichen. Den früh Geschiedenen, tief Betrauerten werden nicht nur seine Hauptwerke überleben, sondern auch die Anregungen welche Schüler und Fachgenossen von ihm empfangen haben, und die, zeitgemäß wie sie es sind, in fortsetzender Thätigkeit immer reifere Früchte tragen werden.

Allgemeine Zeitung Nr. 132. Donnerstag, 12. Mai 1859.

Bericht des Naturhistorischen Vereins in Augsburg (1859)

Otto Sendtner.

Der Verein hat in diesem Jahre den Tod eines Mannes zu beklagen, der durch die Erfolge seiner Wirksamkeit auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, sich ein bleibendes Anrecht auf die Achtung der Nachwelt erworben hat.

Unser Ehrenmitglied Dr. Otto Sendtner, königl. Professor der Botanik und Conservator der botanischen Sammlungen in Mönchen verschied nach längerem Leiden den 21. April ds. Js. noch nicht ganz 46 Jahre alt.

Die Wissenschaft hat an ihm eine ihrer Zierden verloren, einen Mann, gleich ausgezeichnet durch hohe Gaben des Geistes wie durch eine edle, uneigennützige Gesinnung und einen männlich offenen Charakter. Wir verlieren an ihm einen warmen Freund und Förderer unserer Bestrebungen. Fast seit der Gründung unseres Vereines, hatte er nicht nur jeden Fortschritt desselben mit Freude begrüsst, sondern auch zu dessen Förderung mit der grössten Liberalität beigetragen. Unsere Sammlungen enthalten sprechende Beweise.

Sendtner wurde am 27. Juni 1813 zu München geboren. Sein Vater, Professor der Aesthetik an der Universität daselbst, gab ihm eine Erziehung, die seinen Sinn schon früh auf die Betrachtung der Natur richtete. Die Liebe zur Plaanzenwelt führte ihn bald zum wissenschaftlichen Studium derselben, so dass er sich schon als Gymnasialschüler durch seine Kenntnisse in der Botanik auszeichnete. Auf der Universität hörte er vorzugsweise naturwissenschaftliche Collegien. Vom grössten Einflusse auf die Richtung seiner Studien war die Bekanntschaft mit Karl Schimper, der damals durch seine geistreichen Vorträge über Morphologie, namentlich über seine Entdeckung in Beziehung auf Blattstellung Aufsehen erregte. Sendtner wurde sein eifrigster Schüler und Begleiter und im Umgange mit ihm bildete er sein eigenes Beobachtungstalent.

Als er nach dem früh erfolgten Tode seines Vaters ein Fachstudium ergreifen sollte, wählte er sich die Medicin. Aber seine reizbaren Nerven konnten die Beschäftigung mit dem Seciermesser nicht ertragen. Er wandte sich daher auf's Neue ausschliesslich der Botanik zu und fand hiebei von Hofrath Martius freundliche Aufmunterung und Unterstützung. Eine Stellung als Privatsekretär in dem Hause eines schlesischen Freiherrn, gab ihm Gelegenheit die anregende Bekanntschaft Nees von Esenbecks zu machen, und zugleich von hier aus mit Unterstützung der preussischen Regierung die Sudeten zu botanischen Zweckei zu bereisen. Von dem Eifer, mit dem er die Kryptogamenflora dieser Gegend untersuchte, zeugt u. A. das Vereinsherbar, in welchem der grösste Theil seiner dortigen Ausbeute niedergelegt ist.

Nach München zurückgekehrt, erhielt er eine Anstellung am herzogl. Leuchtenberg’schen Naturalienkabinet in Eichstädt. Von hier aus wurde es ihm möglich, unterstützt durch Tomassini, den Podesta von Triest, botanische Auflüge in das Littorale und nach Montenegro zu machen. Im Jahre 1847 unternahm er eine wissenschaftliche Reise nach Bosnien, wo er von einem fanatischen Türken angefallen und schwer verwundet wurde. Die Darstellungen, welche er nach seiner Rückkehr über die Ergebnisse der angestellten Untersuchungen veröffentlichte , erwarben ihm den Beifall aller Sachkenner and dokumentirten seinen entschiedenen Beruf für einen Zweig der Wissenschaft, dessen Ausbildung er fortan die ganze Kraft seines Geistes zuwandte — die Pflanzengeographie.

Eine Stellung als Privatdocent der Universität und Adjunkt an der Akademie der Wissenschaften in München setzte ihn in den Stand, sich seinen Lieblingsstudien ungestört zu wiedmen. Im Aufträge der königl. Akademie der Wissenschaften bereiste er acht Sommer hindurch das bayerische Alpengebiet und die angrenzende Hochebene. Die Resultate seiner Forschungen veröffentlichte er im Jahre 1854 in dem von der Akademie herausgegebenen Werke: »Die Vegetations-Verhältnisse Südbayerns nach den Grundsätzen der Pflanzengeographie und mit Bezugnahme auf Landes-Cultur. München. Literarisch-artistische Anstalt.« Dieses Werk, das Bedeutendste, was bis jetzt über die phytogeographischen Verhältnisse Bayerns erschien, wird nicht nur für lange Zeit die Grundlage weiterer Forschungen auf diesem Areale bilden, sondern es wird auch durch die principielle Behandlung, die eingehende Erörterung der wichtigsten Fragen der Pflanzengeographie weit über die Grenzen unseres engeren Vaterlandes hinaus anregend und fortbildend wirken. Die ungetheilte Anerkennung, mit welcher es von allen Männern vom Fach beurtheilt wurde, war dem Verfasser der schönste Lohn für seine unermüdlichen Bestrebungen.

Aber auch höhern Orts wurden seine Verdienste gewürdigt. Im Jahre 1857 wurde Sendtner ausserordentlicher, drei Jahre später ordentlicher Professor der Botanik an der Universität München. Der Bau seines Glückes schien nun nach so manchen Schwierigkeiten, mit denen er bisher zu ringen hatte, fest begründet. Ein glücklicher Gatte, umgeben von zärtlich geliebten Kindern, durch seinen Beruf auf Arbeiten hingewiesen, an denen er leidenschaftlich hing, geachtet von seinen Fachgenossen und geliebt und verehrt von Freunden und Schülern, blieb ihm kaum noch etwas zu wünschen übrig.

Rastlos war er bemüht, seine Kenntnisse in Physik und Chemie zu erweitern, um durch die genauere Kenntniss dieser Disciplinen in seinen Untersuchungen unterstützt und in den Stand gesetzt zu werden, bei einer beabsichtigten Reise nach der Türkei einen umfassendem Beitrag zur Pflanzengeographie liefern zu können. Leider sollte es ihm nicht gegönnt sein, diese Absichten sich verwirklichen zu sehen. Krankheit und Tod überraschten ihn, ehe er ein zweites grösseres Werk »über den bayerischen Wald« zum Abschlüsse brachte, dessen Herausgabe jedoch durch die Bemühungen seiner Freunde noch zu erwarten steht. Da dasselbe voraussichtlich nicht nur eine Reihe neuer Thatsachen liefern, sondern wohl auch einen Fortschritt in Beziehung auf die Grundlehren der Pflanzengeographie bezeichnen dürfte, so behalten wir es uns vor, in unserm nächsten Berichte einen Rückblick auf die Werke Sendtners zu werfen, um dadurch einen nähern Nachweis für das zu liefern, was die Wissenschaft seinen edlen und angestrengten Bemühungen verdankt.

Zwölfter Bericht des Naturhistorischen Vereins in Augsburg. 1859.

Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Sendtner Otto, Dr. phil., 1814 (München) - 1859, Botaniker und Universitätsprofessor; er studierte in München Naturwissenschaften, namentlich Mineralogie (bei J. N. von Fuchs) und Botanik (bei K. Schimper), dann wandte er sich der Medizin zu, mußte aber gesundheitlichen Rücksichten dieses Ziel aufgeben; während seiner Tätigkeit als Privatsekretär und Archivar bei einem in Schlesien begüterten Kammerherrn machte er Forschungen über die Kryptoflora des Sudetengebirges; 1841 wurde S. Konservator des Leuchtenbergschen Naturalienkabinetts in Eichstätt; die große Wendung in seiner Laufbahn erfolgte, als er mit einem Stipendium König Ludwigs I. Studienreisen nach Montenegro und dem Orient machen konnte; er beschäftigte sich dabei sehr eingehend mit der Flora der betreffenden Länder; 1854 wurde S. Professor der Botanik und Konservator des Herbariums in München.

Hauptwerke: Enumeratio plantarum in itinere Sendtneriano in Bosnia lectarum, Solanaceen, Celastrineen, De Cyphomandra, novo Solanacearum genere tropicae Americae, Die Vegetationsverhältnisse Südbayerns, Die Vegetationsverhältnisse des baierischen Waldes (unvollendet); viele botanische Namen führen am Schluß die Bezeichnung »Sendt.«, die auf die Forschungen Ss., der auch »Bayerns zweiter Schrank« genannt wird, hinweist; anläßlich eines Besuchs bei seinem Freund Dr. J. N. Sepp entdeckte S. am Blomberg bei Bad Tölz ein Jodblümchen, das die Entdeckung der berühmten Heilquelle, die Tölz zum Bad- und Kurort machte, veranlaßte.

© Dr. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

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