Kein Grab ist stumm

 

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Leopoldina (1902)

Am 5. April 1902 starb in München Dr. Hans Buchner M. A. N. (vgl. Leop. pag. 51), Professor der Medizin und Vorstand des hygienischen Instituts an der dortigen Universität, der Nachfolger Max von Pettenkofers. Buchners Tod ist ein herber Verlust für die deutsche Wissenschaft, um so mehr, als er noch im besten Mannesalter stand und noch reiche Arbeit von ihm zu erwarten war.

Hans Ernst August Buchner wurde am 16. December 1850 zu München geboren. Er machte seine Studien auf den Universitäten seiner Vaterstadt und Leipzig und promovierte 1873 in München. Nachdem er dann im chemischen Laboratorium unter Professor Erlenmeyer zu München und im physiologischen Institut unter Karl Ludwig gearbeitet hatte, trat er 1875 als Militärarzt in die bayerische Armee ein.

Vom Herbst 1876-1881 führte Buchner dann bakteriologische Arbeiten im pflanzenphysiologischen Institut von C. W. v. Nägeli aus. Nägeli widmete sich vornehmlich dem Studium der niederen Pilze und stellte besonders auch Untersuchungen darüber an, inwieweit die Pilze als Errreger von Krankheiten in Betracht kommen. Zu diesen Untersuchungen zog Nägeli Buchner heran, der es vom Standpunkte des Mediziners unternahm, die Nägelischen Anschauungen von den ansteckenden Krankheiten im Zusammenhänge darzustellen. Buchners Schrift »Die Nägelische Theorie der Infektionskrankheiten« wurde viel beachtet, zumal als durch Hubert Kochs grundlegende Forschungen die ganze Lehre von der Entstehung der ansteckenden Krankheiten durch Kleinlebewesen auf einen neuen Stand gebracht wurde und bei der Grundlegung der Kochschen Lehre gerade die Kritik der Nägelischen Lehre eine bedeuteude Rolle spielte.

Die Wirkung, die Nägeli auf die Medizin ausübte, ging nach zwei durchaus verschiedenen Lichtungen hin. Fruchtbar und günstig erwies sich, dass er die Anschauung bekräftigte, dass Kleinlebewesen die Ursache der ansteckenden Krankheiten sind, eine Anschauung, für die zuerst in der medizinischen Pathologie Jacob Henle mit Nachdruck eingetreten war. Andererseits aber glaubte er aus seinen Untersuchungen schliessen zu müssen, dass den einzelnen Pilzarten Wandelbarkeit zukommt, dass eine ursprünglich harmlose Pilzart in eine krankmachende überzugehen vermag. Koch wurde es nicht leicht, die Fachgenossen zu überzeugen, dass Nägeli hierbei in einem verhängnisvollen Irrtum befangen war, dass vielmehr die Pilzarten durchaus konstant sind und dass gerade auf dieser Konstanz die Spezifizität der einzelnen ansteckenden Krankheiten beruht. Buchner machte den Uebergang von der Nägelischen Lehre zu der Kochschen mit durch, als er den Irrtum des Meisters erkannt hatte und half fortan rüstig an dem Ausbau der Lehre von den Infektionskrankheiten, welche die Spezifizität der Krankheitserreger und Krankheitsgifte zum Unterbau hat.

Buchner begann mit Studien über den Milzbrand. Es folgten wichtige Untersuchungen über die keimtötende Wirkung des Blutes. Andere Arbeiten Buchners haben die Einwirkung des Lichtes auf Bakterien, die Kultur der Bakterien bei Sauerstoffabschluss, die Frage von Durchgängigkeit des unverletzten Gewebes für Bakterien, die Geschwindigkeit der Bakterienvermehrung zum Gegenstande. Hervorragende Bedeutung haben Buchners Studien zur Chemie der Bakterien. U. a. zeigte er die Bedeutung der Eiweissstoffe der Bakterien für die Entstehung von Eiterung und Fieber. Im weiteren ergaben sich daraus neue Einblicke in die Lehre von der Immunität. Hier ist Buchner noch ein anderer namhafter Fortschritt zu verdanken. Sein Bruder E. Buchner hatte im Verlaufe seiner wichtigen Studien über Gährung ohne Hefekörper eine Methode erdacht, die Bakterienkörper aufzuschliessen und daraus den Zellinhalt zu gewinnen. H. Buchner benutzte diesen Kunstgriff zur Gewinnung der spezifischen Stoffe der Tuberkelbazillen, Cholorabazillen, Typhusbazillen. Die Ergebnisse seiner Forschungen hat Buchner zumeist in Abhandlungen niedergelegt, die sich im »Archiv für Hygiene«, im »Zentralblatt für Bakteriologie« und in den medizinischen Wochenschriften finden. In Buchform erschienen von ihm: »Die Nägelische Theorie der Infektionskrankheiten« (1877). »Eine neue Theorie zur Erzielung von Immunität gegen Infektionskrankheiten« (1883), »Aetiologische Therapie der Tuberkulose« (1883 Anwendung des Arsens), »Die neueren Gesichtspunkte in der Immunitätslehre« (1892), »Schutzimpfung und andere individuelle Schutzmittel« (1894).

Leopoldina. Amtliches Organ der Kaiserlichen Leopoldino-Carolinischen Deutschen Akademie der Naturforscher. Halle a. S., April 1902.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.